Anti-Pegida.Demo (2015) Michael Miersch

Gibt’s Hass auch in Grün? Leider ja

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Hetze und Hass in den Sozialen Medien sind ein großes Thema. Aktivisten und Politiker fordern, dass mehr dagegen unternommen wird. Gut so. Aber die Verrohung ist nicht immer nur beim politischen Gegner zu suchen. Es gibt auch Weltretter, die ihrer Wut freien Lauf lassen.

„Wir haben euch was mitgebracht: Hass, Hass, Hass!“ Diese Parole war auf linksradikalen Demonstrationen in den 90er-Jahren häufig zu hören. Ob sie heute noch gerufen wird, weiß ich nicht. Die Demonstranten wären gut beraten, sie im Demo-Archiv verschwinden zu lassen. Denn solche Sprüche werden heutzutage nicht mehr so locker betrachtet wie damals. 

Überall wird vor Hass gewarnt und bedauert, dass es so viel davon gibt. Angeblich hat der Hass zugenommen, besonders in den Sozialen Medien. Politikerinnen und Aktivistinnen wie Renate Künast, Sawsan Chebli und Luisa Neubauer veröffentlichen die widerwärtigen Anfeindungen, die ihnen offenbar haufenweise übermittelt werden. 

Der neue Konsens gegen Hass ist ein erfreulicher Fortschritt. Gewalt fängt in der Sprache an. Für Drohung und Einschüchterung darf es keine Toleranzzonen geben. 

Liest man die Zeitungsartikel, hört Radio- oder TV-Beiträge zu diesem Thema, fällt auf, dass fast ausschließlich Rechtsextremisten als Quell von Hass und Hetze ausgemacht werden. Gelegentlich ist auch von islamistischen und linksradikalen Hass-Botschaften die Rede. Empfänger islamistischer Hasspost sind zumeist prominente Menschen mit Migrationshintergrund, die islamische Sitten und Gebräuche kritisieren. Linksextreme Hasser fühlen sich berechtigt jedem Angst einzujagen, den sie für „rechts“ halten.

Notwehret den Anfängen!

Nur über die grüne Variante von Hass und Hetze habe ich bisher noch nichts gelesen. Grünen Hass, gibt’s den? Wie kann eine Weltanschauung, die sich sogar um das Wohlergehen von Insekten sorgt, Hass hervorbringen? Ist der typische „Öko“ nicht ein sanfter Vegetarier, dem alle Aggression fremd ist? Sollte man meinen. Ist aber nicht immer so. 

Menschen, die anfangen zu hassen, tun das in der Regel nicht aus einem Gefühl der Überlegenheit. Im Gegenteil, sie fühlen sich von einer Übermacht verfolgt und unterdrückt. Und diese Übermacht hat furchtbare Pläne. Der rechtsradikale Wüterich, der Hass-Botschaften auf Facebook schreibt, sieht sich als Opfer einer „Umvolkung“ durch die ihm kosmopolitische Eliten die Heimat rauben wollen. Selbst die Nazis stellten den Massenmord an den Juden als Notwehr dar. Nur so könne man der Zersetzung der arischen Rasse durch das Weltjudentum zuvorkommen. 

Auch wer ernsthaft glaubt, dass demnächst die Welt untergeht, wenn wir nicht sofort das Wirtschaftswachstum stoppen, wähnt sich in einer Notwehrsituation. Die Dringlichkeitsrhetorik der Klima-Apokalyptiker ist nicht zu überbieten. Mittlerweile bezeichnen einige Aktivisten die Klimaerwärmung als den „Dritten Weltkrieg“. Die Redensart, Menschen seien der „Krebs des Planeten“ ist schon länger gebräuchlich. 99 Prozent der Klima-Besorgten liegt der Gedanke, dass dieser Krebs physisch ausgemerzt werden müsse, sicherlich fern. Doch warum sollte der Ökologismus die erste Ideologie sein, die keine gewaltaffinen Wirrköpfe hervorbringt.

Es gab bereits Gewalttaten bis hin zum Mord, die mit grünen Zielen gerechtfertigt wurden. Doch sind sie durch die vielen furchtbaren Anschläge von Rechtsextremisten und Islamisten überschattet worden. In den 90er-Jahren berichtete Medien weltweit über den „Unabomber“, jenen Öko-Terroristen, der in den USA Briefbomben an Menschen verschickte, die er als Umweltzerstörer betrachtete. Drei kamen ums Leben, 23 wurden verletzt. Der holländische Politiker Pim Fortuyn wurde 2002 von einem Tierrechtler erschossen. Als 2014 die Autos von zwei europäischen Pharma-Managern abbrannten, bekannten sich ebenfalls Tierrechtler. 2017 überschüttete Unbekannte den Finanzchef von RWE-Innogy mit Säure. 

Und nicht zu vergessen: Die Proteste zur Rettung des Waldes gegen den Bau einer neuen Startbahn am Frankfurter Flughafen endeten in den 80er-Jahren mit drei Morden. Der Kampf um den Flörsheimer Wald war so emotional aufgeladen wie heute die Rettung des „Hambi“. Zwei Polizisten wurden von einem Demonstranten erschossen. Der hessische Wirtschaftsminister Karry erlag einem Attentat, das die Terroristen mit seiner Verantwortung für die Rodungen begründeten. Die nach eigenem Selbstverständnis „linken“ Attentäter hatten keine Skrupel, einen Menschen zu ermorden, der selbst und dessen Familie im Nationalsozialismus verfolgt und misshandelt worden war. Neben solchen Angriffen auf Leib und Leben gab und gibt es Hunderte Fälle von Öko-Terrorismus: Brandstiftungen, Anschläge auf den Zugverkehr, Sprengung von Strommasten usw., usf. Auch grüne Hasskappen begnügen sich nicht mit Sprach-Attacken, sondern machen manchmal ernst.  

Keine Relativierungen

Aber ist das nicht ein Randphänomen? Sind nicht Hetzer aus der rechtsradikalen Ecke viel schlimmer und vor allem zahlreicher? Das ist vermutlich so und ich möchte das Problem keinesfalls relativieren – ganz im Gegenteil. Rechtsradikale Einschüchterungsversuche im Netz müssen unterbunden werden (ebenso wie Drohgebärden von Islamisten und Linksradikalen). 

Nur glaube ich, dass es ein bisschen bequem ist, die Verrohung immer nur beim Gegner zu thematisieren. Und so zu tun, als wären die eigenen Geistesverwandten völlig frei davon. Ich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht. 

Wer mit politischen Kommentaren und pointierten Kolumnen an die Öffentlichkeit tritt, darf sich nicht wundern, wenn ihm massiv widersprochen wird. Das ist völlig in Ordnung. Bei Todeswünschen hört der Spaß allerdings auf. In meinem Journalistenleben bekam ich Hunderte Briefe und E-Mails, die heute unter den Begriff „hate speech“ fallen würden. 

Die Absender stammten aus ganz unterschiedlichen Lagern: Rassisten, Antisemiten, Israelhasser, Islamisten, Nationalisten, fromme Christen. Besonders oft wünschten mir Anhänger zweier Weltanschauungen Tod und Teufel an den Hals: Ökologisten und Tierrechtler. Dass Frau Künast und Frau Neubauer keine Hasspost aus dieser Ecke erhalten, glaube ich gern. Daraus zu schließen, Bosheit und Gehässigkeit gäbe es nur rechts von der Mitte, ist ein Irrtum. Wer grüne Dogmen demontiert, zieht sehr schnell die Wut der Weltretter auf sich.  

Die ersten Jahre habe ich das Zeug noch gesammelt. Doch seit es die Sozialen Medien gibt, habe ich damit aufgehört. Hier ein paar Kostproben aus der Zeit, als Leserbriefe noch per Post oder E-Mail geschickt wurden (teilweise waren sie mit Echtnamen unterschrieben):     

„Dem Autor und seinen Sinnesgenossen (fast ausnahmslos destruktive Männer) wünsche ich, dass ihm die nächste Wurst zünftig im Halse stecken bleibt.“

„Was uns bleibt, ist die Hoffnung, dass der Autor sich in seinem verfransten Argumentationsgestrick so verheddert, dass er sich irgendwann in naher Zukunft darin erdrosseln wird.“

„Ich wünsche mir, Sie verrecken in den folgen ihres Größenwahns in Form einer Krebserkrankung…Ich empfinde mit jedem dreckigen Penner, mit jedem Verzweiflungstäter, mit jedem Vergewaltiger mehr Mitleid als mit Ihnen, denn sie vergewaltigen den Planeten, und das ist viel schlimmer… Sie sind es wert, in die Hölle zu kommen.“

„Möge euch der nächste Tsunami hinwegraffen oder der Genmais eure Hirne zurechtmutieren.“

„Ich glaube du wurdest als gentechnisches Arschloch manipuliert. Friss Bio oder verreck an deinem Scheiß.“

Nicht immer blieb es bei solchen schriftlichen Diffamierungen. Ein Tierrechtler entlud seine Wut in Form halbstündiger Tiraden mehrmals auf meinem Anrufbeantworter. Eines Tages stand er vorm Haus meines Co-Autors. Er war zum Glück nicht gewalttätig.




Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.