Frommer Wunsch der Teilnehmerinnen eines "Womens March" in Philadelphia im Januar. Rob Call / Flickr.com / (CC BY 2.0)

USA: Warum die Republikaner gewinnen werden

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Während Umfragen (mal wieder) eine trügerische Sicherheit geben, haben Trump und seine Partei eine klare Botschaft: Sie setzen auf Angst, und die Demokraten können nur an die Ratio appellieren. Ein ungleiches Duell.

Alle Umfrageergebnisse deuten mit mehr oder weniger zitternden Nadeln auf dasselbe Ergebnis: Die Demokraten werden in den Vereinigten Staaten am kommenden Dienstag gewinnen, sie werden zumindest das Repräsentantenhaus erobern, wenn auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich auch den Senat holen, ziemlich gering ist. Die Wahrscheinlichkeit eines demokratischen Wahlsieges liegt bei vier Fünfteln. Also: alles wunderbar, das traurige Trump-Kapitel der amerikanischen Geschichte neigt sich seinem Ende zu, das Gute siegt.

Gemach. Es gibt noch eine Fünftelwahrscheinlichkeit, dass die Republikaner nicht nur im Senat ihre Mehrheit ausbauen, sondern auch das Repräsentantenhaus halten. Und ein Fünftel ist mehr als nichts. Diese Wahrscheinlichkeit ist sogar ziemlich hoch. Erinnern wir uns daran, wie die „New York Times“ vor zwei Jahren mit mehr als neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit einen Wahlsieg Hillary Clintons voraussagte?

Ich glaube also, dass die Republikaner siegen werden, und das, obwohl die demokratische Basis mobilisiert ist wie schon seit Jahren nicht mehr.

Angst

Warum? Weil die Republikaner eine klare Botschaft haben. Nehmen wir jenen republikanischen Wahlwerbespot, der nach seiner Veröffentlichung sofort zu einem Sturm der Entrüstung geführt hat: Wir sehen dort Luis Bracamontes, einen mexikanischen Doppelmörder, der mit einer AK-15 einen Sheriff und einen Hilfssheriff erschossen hat. Er lacht, er brüstet sich seiner Taten. Schnitt: Eine Heerschar von braunhäutigen Latinos versucht, die amerikanische Grenze zu stürmen. Die Botschaft lautet: „Demokraten haben ihn hereingelassen“, „Demokraten haben dafür gesorgt, dass er bleiben konnte“, „Wen werden die Demokraten noch hereinlassen?“

Seit Wochen wird den Amerikaner auf „Fox News“ immer dieselbe Geschichte erzählt: Eine Karawane von gefährlichen jungen Männern bewegt sich auf die amerikanische Grenze zu. Diese jungen Männer sind wahlweise (a) gefährlich und gewalttätig oder (b) mit schlimmen Krankheiten verseucht: Sie werden Viren einschleppen. Der einzige, der etwas gegen die Gefahr unternimmt, ist Präsident Trump, der 5000 Soldaten an die Grenze geschickt hat. Mittlerweile verspricht er, er werde 15.000 Soldaten schicken. Außerdem kündigte er bei einer seiner Rallys an, die Soldaten hätten Schießbefehl, sobald auch nur ein Stein in ihre Richtung fliegt. Mit anderen Worten, Trump ruft – zunehmend unverblümt – zu einem Massaker auf.

Natürlich fällt die Geschichte schnell auseinander, sobald man ein prüfendes Auge auf sie richtet. Luis Bracamontes ist offenkundig ein Psychopath. Doch es kann keine Rede davon sein, „die Demokraten“ hätten ihn ins Land gelassen: Ehe er seine Morde beging, war er einmal von einem demokratischen (Bill Clinton) und einmal von einem republikanischen Präsidenten (George W. Bush) des Landes verwiesen worden. Es gelang ihm jedes Mal, über die Grenze zurück zu schlüpfen. So etwas kommt leider vor.

Sachliche Argumente…

Luis Bracamontes ist keineswegs typisch für Einwanderer – auch nicht für illegale Einwanderer; im Gegenteil. Ich habe an dieser Stelle schon einmal auf verschiedene Statistiken verwiesen, die zeigen: Einwanderer sind fleißiger und religiöser, haben stabilere Familien und sind deutlich weniger kriminell als im Lande geborene Amerikaner.

Bei jener furchterregenden Karawane handelt es sich um 4000 Unglückliche, die vor Bandenkriminalität in Guatemala und Honduras davonlaufen. Unter ihnen befinden sich Frauen und Kinder. Sie planen keineswegs eine „Invasion“ – ein böses Wort, das Trump mit Bedacht gebraucht –, sondern wollen an der amerikanischen Grenze um Asyl bitten, was ihr gutes Recht ist.

Schon gar keine Grundlage hat das Gerücht, dass die jüdische Weltverschwörung in Gestalt von George Soros hinter der „Karawane“ steckt, der das Ziel verfolge, mittels Einwanderung die weiße Rasse auszulöschen. Dies war die Theorie, die jener Massenmörder in seinem müden, kranken Hirn hatte, der in Pittsburgh in einer Synagoge elf Menschen erschoss.

… helfen nicht

„Tut nichts! Der Jude wird verbrannt“ (Lessing). Ich fürchte, dass sachliche Argumente gegen diesen Anti-Einwanderungs-Mythos wenig bis gar nichts ausrichten werden. Die Geschichte, die Trump und Co. erzählen, hat zu viel mit Archetypen zu tun, die tief in unserem Reptiliengehirn verankert sind: Hier die Anderen, der fremde Stamm, die Bedrohung; dort die Festung, die um jeden Preis gehalten werden muss; und im Inneren der Festung die fünfte Kolonne, die versucht, den Feinden draußen zu helfen. Die Geschichte, die uns die Republikaner in ihren Wahlwerbespots erzählen, entspricht ziemlich genau der Handlung des Buches „Das Heerlager der Heiligen“ von Jean Raspail, und das ist kein Zufall. „Das Heerlager der Heiligen“ ist ein rassistisch-pornografisches Traktat in Romanform, das von Rechtsradikalen in aller Welt studiert wird wie eine Bibel.

Vielleicht wissen oder ahnen auch viele Trump-Anhänger, dass Lateinamerikaner, die zu Fuß durch Mexiko gehen und noch hunderte Kilometer von der amerikanischen Grenze entfernt sind, keine akute Bedrohung für irgendwen darstellen. Trotzdem glauben sie an diese Lüge, weil sie ihrer Meinung nach im Dienst einer höheren Wahrheit steht: Weiße werden in den Vereinigten Staaten binnen kurzem – Forscher sprechen vom Jahr 2040 – eine Minorität sein. Sie sind im Begriff, ihren privilegierten Status zu verlieren. Und der Klimawandel wird dazu führen, dass die Flüchtlingsströme zunehmen.

Die Rechten verfügen über eine große Angst-Erzählung, die zur sofortigen Adrenalinausschüttung führt. Linke und Liberale können nur an die Ratio appellieren. Wie oft in der Geschichte hat die Vernunft den Sieg über starke Gefühle davongetragen?

Postskriptum: Natürlich bete und hoffe ich, dass ich mich irre.

Und so kam es dann!




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".