"Zeit"-Journalist Bernd Ulrich. Vera Tammen/Kippenheuer Witsch/Zeit Verlag

Herr Ulrich sticht in See

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Der „Zeit“-Journalist Bernd Ulrich fordert andere zum Einsparen von CO2-Emissionen auf. Aber wie fällt seine eigene Klimabilanz aus? Wir haben nachgerechnet.

Eines kann man Bernd Ulrich nicht vorwerfen: dass er in seiner langen Journalisten-Karriere den Klimawandel nur am Rande abgehandelt hätte. Im Gegenteil. Dass er beim Thema sensibilisiert ist, zeigen zahllose seiner Artikel. Auch die These seines Buches „Alles wird anders“, das im kommenden Oktober erscheinen soll, zeugt davon: „Die Eingriffe, die nötig sind, um die Erderwärmung leidlich zu begrenzen, sind tief“, heißt es im Klappentext, „die anstehenden Veränderungen werden reale Verlierer und Gewinner haben, sie bergen Chancen und Schmerzen.“

Sollte Ulrichs Prophezeiung tatsächlich eintreffen, wird Friedrich Merz wohl eher zu den Verlierern, nicht zu den Nutznießern zählen. Denn die Leidenschaft des CDU-Politikers ist die Fliegerei: Merz sei Eigentümer einer Cessna, berichtete die „Zeit“. Was wiederum Bernd Ulrich missfiel: „Warum denkt jemand, mit einem Privatflugzeug durch die Gegend fliegen zu dürfen?“, schimpfte er auf Twitter, „Wieso wurde er das noch nie gefragt?“

Gute Frage, keine Antwort.

Klimapolitisch fragwürdig ist allerdings nicht nur das himmlische Hobby des Sauerländers Merz; auch Teile der beruflichen Tätigkeit Ulrichs haben mit Klimaschutz so viel zu tun wie ein nigelnagelneues Braunkohlekraftwerk mit der Energiewende. Denn der stellvertretende Chefredakteur der „Zeit“ erklärt dem deutschen Bürgertum mit seinen Artikeln nicht nur die Welt, nein, er zeigt sie ihm neuerdings auch.

Zumindest denen, die ein wenig Kleingeld übrig haben. Für 1476 Euro können Leser der „Zeit“ im Oktober 2019 mit der „Queen Mary 2“ von Hamburg nach New York schippern. Der Rückflug von New York ist zwar nicht im Preis enthalten, dafür aber ein transatlantisches Tête-à-Tête mit „hochkarätigen Vertretern“ der „Zeit“, namentlich: Bernd Ulrich und seinem Kollegen Martin Klingst.

Nun ist es nicht auszuschließen, dass sich der Golfstrom im Oktober umdrehen und die „Queen Mary 2“ emissionsfrei von den Hamburger Landungsbrücken in den Hafen von New York treiben wird. Sehr viel wahrscheinlicher allerdings ist es, dass rund 8000 kg Kohlenstoffdioxid emittiert werden müssen, um Bernd Ulrich mit dem Dampfer zunächst nach New York und mit dem Flugzeug dann wieder zurück nach Hamburg zu bringen. Auf diese Zahl jedenfalls kommt das Portal Atmosfair.de.

Das wiederum würde bedeuten, dass Ulrich im verbleibenden Restjahr nicht einmal mehr pupsen dürfte, wenn er gedenkt, unter der durchschnittlichen Pro-Kopf-Emission (8,8 Tonnen) in Deutschland zu bleiben. Was ja sein erklärtes Ziel ist: „Drastisch mehr CO2 zu emittieren als die übergroße Mehrheit der Menschen auf dem Globus, ist kein Grundrecht, sondern ein Unrecht“, schrieb er vergangenes Jahr auf Twitter.

Nun sage niemand, Bernd Ulrich wäre nicht gewarnt gewesen. „Seeschiffe sind Dreckschleudern“, konnte man schon 2017 in der „Zeit“ lesen. Zwei Jahre zuvor hatte bereits ein anderer Kollege von Ulrich im Hamburger Blatt die Ökobilanz der Kreuzfahrtschiffe prägnant zusammengefasst: „Oben raus kommt giftiger Schweinkram; unten wird aller Abfall, ob fest oder flüssig, verklappt.“

Aber es ist nicht Zweck dieser Übung, Bernd Ulrich der Bigotterie zu überführen. An der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit scheitern regelmäßig nicht nur “Zeit”-Chefredakteure, sondern die Menschen im Allgemeinen (der Autor dieser Zeilen eingeschlossen).

Ziel dieses Textes ist es noch nicht einmal Ulrich dazu zu bewegen, die Dampferfahrt abzusagen und auf die Asche der Abonnenten zu verzichten. Im Gegenteil: Man kann sich nur wünschen, dass es dem Hamburger Verlag gelingt, mit der Hochsee-Bespaßung seiner Leser die wichtige und wertvolle journalistische Arbeit der “Zeit”-Redaktion auch für die kommenden Jahre sicherzustellen.

Das Beispiel Ulrich führt aber vor Augen, dass die andauernden Mahnungen zum Konsumverzicht nicht viel mehr sind als ein Schaufenstergewissen. Denn wenn schon der klimasensible Herr Ulrich daran scheitert, seinen CO2-Abdruck auf den Durchschnitt einer „übergroßen Mehrheit“ der Menschheit zu drosseln, wie kann es dann gelingen, klimaunsensiblere Köpfe wie Friedrich Merz dazu zu bewegen?

Die Antwort lautet: gar nicht.

Wem es wirklich ernst damit ist, die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, sollte sich ohnehin nicht mit den Bootsfahrten eines Herrn Ulrich oder den Flügen des Friedrich Merz’ aufhalten. Denn der Transportsektor zeichnet lediglich für ein Viertel der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Das Gros der Emissionen hingegen fällt – wenig überraschend – in der Elektrizitäts- und Wärmeproduktion sowie der übrigen Industrie an.

Statistik: Verteilung der energiebedingten CO2-Emissionen weltweit nach Sektor im Jahr 2016 | Statista

Es ist daher wenig verwunderlich, dass die einzigen beiden Staaten, die jemals auch nur in der Nähe einer emissionsfreien Klimabilanz gesehen wurden, Frankreich und Schweden, zugleich auch jene Staaten sind, die konsequent auf eine Technologie setzen, die in Deutschland (schätzungsweise) halb so viele Anhänger hat, wie Bernd Ulrichs Zeitung Seiten zählt.

Die Rede ist natürlich von der Kernenergie: Mit ihrer Hilfe gelang es den beiden deutschen Nachbarstaaten nicht nur, den Anteil fossiler Energieträger sehr gering zu halten, auch musste keiner der Bürger auf irgendetwas verzichten. Die Wirtschaftsleistung sowohl in Frankreich wie auch in Schweden kennt seit Dekaden fast nur eine Richtung: nach oben.

Nun mögen die beiden Länder Ausnahmen darstellen, was ihre Wertschätzung hinsichtlich der Kernenergie angeht. Aber auch überall sonst auf der Welt ist man fest überzeugt davon, dass die Atomkraftwerke noch über Dekaden hinweg Teil eines sicheren und stabilen Energieversorgung sein müssen. Egal, ob China, Finnland, Korea oder Indien: In den kommenden Jahren werden weltweit mehr Reaktoren ans Netz gehen, als in den vergangenen 30 Jahren zusammen, heißt es bei der Lobbyorganisation „World Nuclear Association“. Überall, nur nicht in Deutschland, wo man in den vergangen Jahren ein geradezu neurotisches Verhältnis zu dieser Technologie entwickelt hat.

Denn hierzulande lässt man sich von Braunkohle-Kraftwerken lieber die Lungen rösten, als von der eigenen Wahnvorstellung einer atomaren Apokalypse abzulassen. Die es niemals gab und, die Statistiken legen es nahe, niemals geben wird. Denn je produzierter Terawattstunde Strom ist die Atomenergie die mit Abstand sicherste Energieform.

All das sind Fakten, die öffentlich zugänglich sind und lange vor diesem Text ausführlicher und fachkundiger von Wissenschaftlern besprochen wurden (wie etwa in dieser Analyse der OECD). Doch von wenigen lobenswerten Ausnahmen (wie diesem „Tagesspiegel“-Bericht) abgesehen, scheinen Journalisten beim Thema Atomkraft keinen Erklärungsbedarf mehr zu sehen. Berichte zum Thema kommen mittlerweile regelmäßig ohne wissenschaftliche Abwägung daher und auch die vom Atomausstieg betroffenen Energieversorger werden allenfalls noch sporadisch für ein Statement angefragt. Warum auch, über die Kernenergie scheint ja schon alles bekannt. Das aber ist eine gefährliche Entwicklung. Denn erst verliert der Journalismus seine Neugier, dann seine Integrität.

Dessen ist sich „Zeit“-Journalist Bernd Ulrich durchaus bewusst.

Journalisten solle im Idealfall vermitteln zwischen Öffentlichkeit und der Wirklichkeit, sagte Ulrich Anfang des Jahres bei einer Podiumsdiskusion der “Reporterfabrik”. Es sei Aufgabe des Journalismus, “den Extremismus der Normalität, in der wir leben, freizulegen, das Normale zu enthüllen und zu entlarven.” Das setze aber voraus, dass sich die Branche von der Vorstellung vom “allmächtigen” und “allwissendem” Autoren frei mache – und der Wirklichkeit eine Chance gebe. Wahre Worte.

Die Bereitschaft allerdings, den eigenen Extremismus in Frage zu stellen und sich der Wirklichkeit auszusetzen, hat man bei Ulrich in den vergangenen Jahren vermisst. Eine behutsame Abwägung der Fakten, die für die Kernkraft oder gegen sie sprechen, findet sich jedenfalls nicht im Archiv des Journalisten. Stattdessen immerhin wieder gefühlige Gruselprosa: „Schaut, das ist ein Atomkraftwerk, das ist sehr gefährlich”, rezitierte Ulrich im Jahr 2000 einen (fiktiven?) Dialog mit seinen Kindern im Berliner “Tagesspiegel”. “Wenn es kaputtgeht, dann sind wir alle tot. Aber bald wird es abgeschaltet, weil euer Papa und eure Mama jahrelang dagegen demonstriert haben.”

Deutsche Neurosen

Nun bleibt es den Deutschen im Allgemeinen und Bernd Ulrich im Speziellen natürlich unbenommen, sich den eigenen Nuklear-Neurosen hinzugeben und sich einzurichten in einer Wirklichkeit aus gefühlten Fakten und düsteren, apokalyptischen Alpträumen. Als ernsthafter Ansprechpartner in der Klimapolitik fällt die Berliner Republik damit allerdings aus, denn wer über Kernkraft nicht sprechen will, sollte zur Klimakrise schweigen. Die Internationale Gemeinschaft wird das verkraften, die Herausforderungen des Klimawandels werden zur Not auch ohne deutschen Beitrag gelöst.

Viel besorgniserregender als die trutschige Furcht der Teutonen vor der Kernspaltung ist hingegen der Extremismus, der von deutschen Journalisten mittlerweile als Normalität verkauft wird. Etwa von Jeanne Rubner in einem Kommentar für die “Tagesthemen”, in einer der wichtigsten Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen also.

Nahtlos schließt Rubner in ihrem Beitrag an die Gedankengänge von Bernd Ulrich an: Wer glaube, dass es reiche an ein „paar kleinen Schrauben zu drehen“, um die Klimakrise in den Griff zu bekommen, irre sich: Es gehe viel mehr um das Ende unseres Wirtschaftssystems. Und dieser Systemwechsel werde, auch da stimmt sie mit Ulrich überein, “schmerzhaft” sein. „Denn das heißt: Sofort aus der Kohle aussteigen, keine Billigflüge mehr, keine intensive Tierhaltung.”

Zur Wahl steht also das vage Versprechen auf Erlösung, das allerdings einhergeht mit einer radikalen Deindustrialisierung, einem politisch erzwungenen Rückfall ins düstere Mittelalter – mit all seinen Konsequenzen. Und auf der anderen Seite das Leben in einer Gesellschaft, die zwar fernab der Perfektion und des Paradieses liegt. In der aber dennoch Armut, Unterernährung und Kindersterblichkeit sinken; Wohlstand und Lebenserwartung steigen – und die Chancen zudem gut stehen, dass noch Wege und Mittel gefunden werden, um auch die Klimakrise zu lösen.

Ich zumindest weiß, wofür ich mich entscheiden würde – an jedem Tag in der Woche.




Redakteur beim Tagesspiegel und Autor bei Pantheon. Liebt Damon Albarn, verehrt Scott Walker und vermisst Christopher Hitchens. Kennt Seinfeld auswendig.