Proteste gegen Kavanaugh Lorie Shaull / Flickr / CC BY-SA 2.0

Höllengelächter

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Die Senatsanhörung über Donald Trumps Richterkandidaten Brett Kavanaugh bestätigt ein uraltes Verhaltensmuster: Menschen tun abgrundtief Böses und amüsieren sich darüber – immer und immer wieder.

Der unvergesslichste Moment während der Senatsanhörung von Christine Blasey Ford war, als sie von dem Gelächter erzählte. Brett Kavanaugh und sein Kumpel Mark Judge, erzählte Christina Ford, hätten, als die beiden besoffen waren, die Tür hinter ihr geschlossen. Dann habe Kavanaugh sich mit seinem Geschlechtsteil durch die Hose an ihr gerieben und versucht, sie gegen ihren Willen auszuziehen. Und als sie versuchte zu schreien, hätte er ihr die Hand über den Mund gehalten, so dass sie Angst hatte zu ersticken. Die beiden waren damals 17 und stockbesoffen. Sie war 15 Jahre alt, beinahe noch ein Kind.

Kavanaugh und Judge, so Christine Ford, lachten bei diesem Vergewaltigungsversuch. Sie fanden das Ganze lustig, sehr lustig.

Als ich das hörte, fiel mir Norman Manea ein. Norman war als Kind in einem KZ in Transnistrien. Dieses KZ wurde nicht von den Deutschen, sondern von den Rumänen betrieben. Manchmal, wenn sie sich danach fühlten, ermordeten sie ein paar Juden. Und sie lachten dabei.

Ich will diese beiden Dinge nicht gleichsetzen, ich will nur darauf hinweisen, dass das offenbar öfter passiert – Menschen tun irgendetwas abgrundtief Böses und amüsieren sich köstlich dabei. Es gibt ein treffendes deutsches Wort dafür: Höllengelächter.

Trauer um den Ruf

Als Brett Kavanaugh, der wahnsinnig gern Richter am Supreme Court in Washington werden möchte, vor dem Senat aussagte, brach er mehrfach in Tränen aus, nachdem er – vor Wut schreiend – seine Unschuld beteuert hatte. Natürlich weinte er nicht, weil er Bedauern für irgendetwas fühlte, was er als ewig betrunkener Jüngling angestellt hatte: Es war das reine, das schluchzende Selbstmitleid. Es tat ihm furchtbar weh, dass er sich dieser Anhörung stellen und Fragen beantworten musste. Er trauerte seinem Ruf hinterher. Mehrmals erwähnte er, wie gut er Frauen seither behandelt habe. Offenbar ist Kavanaugh der Meinung, er habe in den drei Jahrzehnten seit dem Vergewaltigungsversuch genug getan, um nicht mehr mit diesen alten Geschichten belästig zu werden.

Wortreich bedauerte Kavanaugh, dass seine Familie bedroht und bedrängt wurde. Dabei hätte er seiner Frau und seinen Töchtern diese Tortur problemlos ersparen können: Niemand zwang ihn, sich zu bewerben, als Richter am Supreme Court zu sitzen. Christine Blasey Ford – andererseits – hat sich nicht ausgesucht, ob sie als 15-Jährige in jenem Zimmer mit Brett Kavanaugh sein wollte.

Mein eigentlicher Punkt ist aber, dass es zwischen dem Höllengelächter von damals und den selbstmitleidigen Tränen von heute einen tiefen inneren Zusammenhang gibt. Die Brutalität trägt eine Maske, und es ist seit jeher die Maske der tränenseligen Sentimentalität.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".