Lenin (State Museum Moscow) Public Domain

Nix gelernt

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Nicht der Kommunismus, sondern die moderne Diktatur war die eigentliche Innovation, die aus der russischen Revolution hervorging. Ihr illiberales Erbe bedroht noch immer offene Gesellschaften.

Hundert Jahre nach der Machtübernahme der Bolschewiki gibt es in Russland nichts zu feiern. Jeder, der durch Russland reist und seine Gesellschaft studiert, ist weiterhin mit den Verheerungen des Kommunismus konfrontiert. Die russische Revolution des Jahres 1917 führte zwar zum Sturz der Romanov-Dynastie, die über drei Jahrhunderte als Synonym für Despotismus in Europa stand. Doch die Impulse zur Liberalisierung, die vom Februar 1917 ausgingen, wurden von Politik und Gesellschaft Russlands nicht aufgenommen. Bereits im Sommer des Revolutionsjahres, einige Monate bevor Lenin sich an die Macht putschte, begann das Imperium zu zerbrechen, der Staat löste sich auf und an die Stelle des politischen Streits trat die Gewalt. Die russische Gesellschaft wählte nicht das Wagnis der Freiheit, sondern den Weg in die Massengewalt. Das ist die Realität des Jahres 1917.


Zu faul zum Lesen? Dann lassen Sie sich diesen Artikel einfach vorlesen von David Harnasch:

Musik: Rocket Power Kevin MacLeod (incompetech.com); Licensed under Creative Commons: By Attribution 3.0 License


Die Geschichte des Petrograder Umsturzes, wie sie seit einigen Wochen in einer großen Schau im Deutschen Historischen Museum (DHM) Berlin noch ein weiteres Mal nacherzählt wird, spricht nicht mehr zu uns. Selbst im linken Spektrum gibt es kaum noch jemand, der auf Lenin oder Stalin setzt. Die sowjetischen Revolutionäre und mit ihnen der doktrinäre Marxismus sind in Europa passé. Eine Ausstellung wie im DHM, die den Erkenntnisstand von 1990 wiedergibt, ist so spannend wie die Lektüre eines Wikipedia-Artikels (von einem Flaggschiff deutscher Geschichtskultur darf man getrost mehr erwarten). Warum lohnt es sich dennoch über das unzeitgemäße Thema Kommunismus hundert Jahre nach dem Staatsstreich an der Newa noch einmal nachzudenken?

Putin fürchtet seine Bevölkerung

Wladimir Putin, der in diesem Jahr ein damnatio memoriae für Lenin und seinen Umsturz verhängte, tat dies aus Furcht vor der Revolution. Wie die Zaren, die er so bewundert, fürchtet er eine Bevölkerung, die er selbst entmündigt hat. Dabei bleibt unklar, was der Kreml mehr fürchtet: ein erneutes Scheitern autoritärer Staatlichkeit und der Weg in den Staatszerfall (wie 1917) oder eine Freiheitsrevolution im Sinne Hannah Arendts, die 1963 in On Revolution begründete, warum die russische Revolution das Versprechen der Freiheit nicht einlöste. Für Arendt, die vergleichend argumentierte, war die amerikanische Revolution das Muster eines gelungenen Umbruchs, weil sie nicht in den Terror führte, sondern die Räume der Freiheit erweiterte. Heute ist für den Kreml jedes Abweichen der autoritären Ordnung ein Horrorszenario. In der Ukraine zeigt die russische Regierung, dass sie bereit ist Krieg zu führen, um Freiheitsrevolutionen im post-sowjetischen Raum zu verhindern. Damit ist Russland einhundert Jahre nach der Revolution – wie im 19. Jahrhundert – eine „weiße“ Macht. Das revolutionäre Russland ist Geschichte. Seine Versprechen und seine Ideologie sind passé. Doch die imperiale und anti-liberale Tradition Russlands ist lebendig: Legitimität, Stabilität und Souveränität sind die Losungen des Kreml.

Die Folgen des Kommunismus an der Macht zu vermessen ist nicht nur ein historisches, sondern ein politisches Unterfangen. Denn mit Beginn der Herrschaft der Bolschewiki änderten sich die Paradigmen in Europa: während das 19. Jahrhundert vom Kampf zwischen liberalem Verfassungsstaat und Monarchie geprägt, war nach 1917 der Gegensatz zwischen Demokratie und Diktatur bestimmend. Die Bolschewiki etablierten eine Alternative zum liberalen Verfassungsstaat. Sie schufen eine Form von Staatlichkeit, die das 19. Jahrhundert nicht für möglich gehalten hatte: eine Ordnung, die gar kein Interesse daran hatte, ihre Bürger zu beschützen, sondern die sich ein entgrenztes Zugriffsrecht über ihre Subjekte zuschrieb. Der Staat Lenins, wie er im Bürgerkrieg entstand, war eine Einparteiendiktatur, die sich neben der Kaderpartei mit ihren Männernetzwerken auf die Armee und die Geheimpolizei als eiserne Klammern um die Gesellschaft stützte. Damit existierte seit 1917 eine auf Gewalt gestützte, marxistisch verbrämte Alternative zur offenen Gesellschaft. Von Russland aus trat die moderne Diktatur im 20. Jahrhundert ihren Siegeszug um die Welt an. Regional nahm sie im vergangenen Jahrhundert unterschiedliche Gestalt an, doch in ihrer Struktur war stets der Staat als Vorbild zu erkennen. Nicht der Kommunismus, sondern die moderne Diktatur war die eigentliche Innovation, die aus der russischen Revolution hervorging. Ihr illiberales Erbe bedroht noch immer offene Gesellschaften.

Lenins Erbe liegt in China

Für siebzig Jahre kommunistische Herrschaft entrichten Russland und der postsowjetische Raum einen hohen Preis. Ihre demoralisierten Gesellschaften erholen sich nur langsam von den Verwüstungen der Gewaltherrschaft. 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion sind die baltischen Staaten, Georgien und die Ukraine Ausnahmen in einer Landschaft geprägt von Armut, Autokratie und Willkür. In Russland selbst hat sich seit Mitte der 1990er Jahre eine hybride Herrschaftsform entwickelt, eine „virtuelle Demokratie“, die sich auf Gas und Öl, Autokratie, kontrollierte Massenmedien, Korruption, die Geheimpolizei sowie die Imitation westlicher Institutionen stützt. Längst handelt es sich dabei um ein Erfolgsmodell, das Eliten auch in Europa fasziniert und dessen Tentakeln bis tief in die Europäische Union reichen. Der Osten ist im Westen angekommen. Lange Jahre haben westliche Eliten sich eingeredet, Moskau sei auf dem langen Weg nach Westen. Diese Sicht versperrte den Blick dafür, dass Teile der westlichen Gesellschaften längst ins autokratische Lager abgedriftet sind. Wie 1917 so bietet auch 2017 Russland eine Alternative zur liberalen Gesellschaft. Und dieses Mal darf man sogar richtig reich dabei werden.

Doch wahrscheinlich ist das Erbe des Kommunismus für das 21. Jahrhundert gar nicht in Russland zu suchen. Dort scheiterte das autoritäre Modernisierungsprojekt Lenins und Stalins schließlich spektakulär. Auch Millionen von Toten haben die Überreste des Russischen Reiches nicht auf das ökonomische Niveau des Westens hieven können. Heute repräsentiert der Kreml einen autoritären Rohstoffstaat mit überdehnten imperialen Ambitionen, die seine Möglichkeiten weit übersteigen. Das Erbe Lenins liegt noch weiter im Osten. Denn die europäische Geschichte vom Ende des Kommunismus, die wir uns gern erzählen, übersieht Asien. Vielleicht war 1949 das wahre 1917, die weitaus größere Wegscheide. Denn trotz der verheerenden Herrschaft Maos hat Deng-Xioping in China das autoritäre Modernisierungsprojekt zum Erfolg geführt. In wenigen Jahrzehnten hat die kommunistische Partei kein Jota von ihrer Macht abgegeben, aber dennoch das Land auf Augenhöhe mit dem Westen gebracht. Hier zeigte sich, dass sich kommunistische Herrschaft und wirtschaftlicher Erfolg nicht ausschließen müssen oder umgekehrt: unsere Hoffnung, dass Wohlstand nur unter den Bedingungen von liberty and property zu erreichen ist, war ein Kinderglaube. Wir leben im Zeitalter des autoritären Kapitalismus. Das chinesische Modell ist weit mehr als ein spin-off des Stalinismus. Es ist vermutlich, weit mehr als Putins Russland, die eigentliche Herausforderung für den Westen und damit auch der eigentliche Erbe Lenins.




Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung. Autor. Russlandkenner und Polenliebhaber. Forscht und schreibt zu Diktatur und Öffentlichkeit, Gewalt und Krieg. Unterrichtet osteuropäische Geschichte an der Humboldt Universität zu Berlin.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com