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USA: Wenn das kein Grund zur Freude ist…?

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Die Midterms seien für die Demokraten eher bescheiden ausgegangen, meinte Richard Volkmann. In einem offenen Brief widerspricht Hannes Stein, der einen fulminanten Sieg sieht.

Lieber Richard,

bitte erlaube mir, Deiner Analyse mit müden Kopf – ich habe die halbe Nacht unter Schwulen, Lesben und Drag Queens im „Stonewall Inn“ verbracht – leise, aber entschieden zu widersprechen.

Du bist nicht sehr beeindruckt, dass die Demokraten sich in dieser Kongresswahl das Repräsentantenhaus geholt haben: Du meinst, die versprochene „blaue Welle“ sei ausgeblieben. Aber, mein Lieber, es hat sie sehr wohl gegeben – wenn Du nämlich auf das pure Wahlergebnis, nicht auf die ergatterten Sitze schaust. Du darfst unsere Wahlen bitte nicht mit europäischem Maß messen. Trump hat nämlich in einem Punkt völlig recht: „The system is rigged“. (Was er nicht sagt: zugunsten von Trump.) Ergebnisse sind grotesk verzerrt durch Wahlkreisschiebung sowie massivste Versuche der Bananenrepublikaner, Männer und Frauen – genauer: Schwarze und Latinos – vom Wählen abzuhalten. Der Senat – in dem Wyoming (wo so viele Leute leben wie in zwei Wolkenkratzern in Manhattan) genau so viele Senatoren stellt wie Kalifornien (die sechstgrößte Wirtschaftsmacht der Erde) – der Senat also lag nach allen realistischen Erwartungen immer außerhalb der Reichweite der Demokraten.

Bildlich gesprochen: Wenn ein Mann, dessen Fuß an ein Zentnergewicht gekettet ist, einen Athleten schlägt, der mit keiner Behinderung zu kämpfen hat, dann ist das erst mal und vor allem dies – ein Sieg.

Zumal der Mann mit der Kugel am Bein in unserem Beispiel hier eine Frau ist. Noch nie haben so viele Frauen im Kongress gesessen wie nach dieser Wahl. Das heißt, das höchste gesetzgebende Gremium der amerikanischen Republik fängt endlich an, die wahren demografischen Verhältnisse widerzuspiegeln. Ist Gott nicht wunderbar gerecht? Der miese Macho Trump wird sich nun mit einer Opposition von klugen, wütenden Weibern konfrontiert sehen. Dann ist da noch der nicht ganz unwichtige Umstand, dass es den Demokraten gelungen ist, sich mindestens sieben Gouverneurssitze zu holen. Das ist schon allein deshalb bedeutend, weil jetzt dort die republikanische Wahlkreisschiebung gestoppt werden kann. (Und dieser widerliche Rassist Kris Korbach ist weg vom Fenster. Hurra!)

Die Irren steuern nicht den Bus

Sogar in manche Niederlage steckt – nun, vielleicht kein Sieg, aber doch immerhin eine überraschende Nachricht. Beto O’Rourke – einer meiner Lieblings-Demokraten, weil er ein Herz für Einwanderer hat UND aus seiner Sympathie für Israel keinen Hehl macht – hat es nicht geschafft, Ted Cruz zu besiegen. Stimmt. Schade. Aber es ist ihm mit seiner ganz und gar unüblichen Graswurzel-Social-Media-Wahlkampagne gelungen, junge Wählerinnen und Wähler und Nichtweiße zu mobilisieren wie keiner vor ihm. Teresa Kumar, die Chefin von „Voto Latino“, einer Organisation, die versucht, vor allem junge Latinos zu mobilisieren, sagt: Um 500 Prozent mehr Latinos in Texas haben sich als Wähler registrieren lassen. Und dass jemand wie Beto auch nur in die Nähe eines Sieges schafft, nachdem die Rechten ihn als gefährlichen Bolschewiken porträtiert haben, weil er es nicht ganz, ganz schlimm findet, dass schwarze Football-Spieler sich bei der Nationalhymne hinknien, ist in Texas – nun: sonderbar.

Insgesamt kann ich bei den Demokraten keinen großen Linksrutsch feststellen. Ja, es gibt auch bei denen Leute, mit denen ich in keinem Darkroom gesehen werden möchte. Aber die Irren steuern dort nicht den Bus. Sie fahren nur mit.

Am heftigsten möchte ich Dir freilich in einem ganz anderen Punkt widersprechen: Du schreibst, wir Amerikaner in den großen Küstenstädten (New York, LA, SanFran) lebten in „liberalen bubbles“. Um die Wahrheit zu sagen, ich kann’s langsam nicht mehr hören.

Erstens sind nicht nur wir New Yorker verlässliche Demokraten, sondern auch die Leute in den Twin Cities und in Chicago und in Austin mitten im tiefrotrepublikanischen Texas; mit anderen Worten, jeder Ort, der größer ist als (irgend so etwas wie) 100.000 Einwohner, sieht auf der Landkarte aus wie eine blaue Insel.

Die Trumpblase

Zweitens und viel wichtiger aber: Nicht wir Städter wohnen in einer Blase, sondern die Trump-Leute. Du erwähnst die „New York Times“ und die „Washington Post“ – Gott weiß, wie oft ich mich schon über diese Blätter geärgert habe. Ich bin (wie ich Dir nicht groß erklären muss) kein Linker. Aber immerhin findet in diesen Zeitungen etwas statt, das ich mit freiem Auge noch als Journalismus erkenne. Bei „Fox News“ nicht. (Gut, es gibt Sam Shephard.) Dieser Saftsack Sean Hannity ist auf einer Wahlkampfveranstaltung für Trump aufgetreten. Hannity ist kein Journalist, auch kein Kommentator. Das ist ein Propagandaminister. Aber ich verliere mich in Einzelheiten.

Hiermit sei es in aller Klarheit gesagt: Wir in den Städten erwirtschaften den gesellschaftlichen Reichtum Amerikas. Bei uns werden Dinge erfunden; bei uns werden Patente angemeldet. Wir Städter schreiben Romane und Stücke – und tolle patriotische Musicals wie „Hamilton“.Die Trump-Leute dagegen leben in einer Blase der Irrealität. Und in diese Blase haben wir mit unserer Wahl am 6. November 2018 hineingestochen.

Mit Deiner wichtigsten Beobachtung hast Du aber leider vollkommen recht: Dieser Abschnitt der Weltgeschichte ist noch nicht vorüber. Das Flugzeug ist noch nicht auf dem Boden. Es kann noch einen gewaltigen Crash geben. Oder zumindest eine Landung, die eigentlich ein kontrollierter Absturz ist. Ich bin nicht zuversichtlich. Aber ich habe wieder Hoffnung.

Kommst Du uns mal in New York besuchen?

Herzlich, Dein Mitkolumnist aus Übersee




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".