Santorini (jedoch mit Kreuz) Public Domain

Bei jedem Käse ist das Abendland in Gefahr

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Der Kampf ums Abendland wird jetzt mit einer Käseverpackung von Lidl geführt. Den Empörten ist es dabei bierernst.

Lidl rudert zurück. Die Bilder der Insel Santorini mit von Kreuzen bereinigten Kuppeln werden so nicht wieder im Verpackungsdesign auftauchen. Zu viele Empörte meldeten sich über die sozialen Medien und machten ihrem unbegründeten Unmut Luft. Auch aus der katholischen Welt kam Kritik und die Behörden der Insel selbst waren nicht erfreut. Insgeheim wohl doch, denn so viel kostenlose Medienaufmerksamkeit bekommt ein Urlaubsziel wohl selten.

Die Angst vor dem Islam

Vor noch wenigen Jahren wäre diese Retusche keinen Aufreger wert gewesen. Das Verpackungsdesign hat nur eine Aufgabe: das verkaufte Essen so appetitlich wie möglich erscheinen zu lassen, damit man ins Regal greift und es in den Einkaufswagen legt. Ein Prozess, der nur Sekunden dauert und die Entscheidungsfindung nur Bruchteile davon. Dafür werden Fotos von Phantasielebensmitteln abgebildet – oder wie in diesem Fall Landschaften und Gebäude gezeigt, die Essen wie im Urlaub suggerieren. Die Stellungnahme von Lidl, die besagt, dass die Verpackung keine „weltanschaulichen Positionen […] vertreten“ soll, spricht daher nichts anderes aus als eine Selbstverständlichkeit.

Kaum ist die Ware im Wagen, ist die Hauptaufgabe des Designs erfüllt. Dass sich überhaupt jemand danach damit beschäftigt und etwa die fehlenden Kreuze bemerkt, ist im Grunde genommen unwahrscheinlich. Der Grund, warum das dennoch so viel Aufmerksamkeit bekommt, ist eine Stimmung, die von Angst geprägt ist. Vor allem der Angst vor der kulturellen Kapitulation vor dem Islam.

Es geht nur um Käse

Wenn jemand einen Reiseführer – etwa für Jerusalem – herausgibt und darin alle Zeichen jüdischen Lebens in der Stadt herausretuschiert, dann ist das ein Skandal. Wenn die Insel Santorini in einer Broschüre als Reiseziel ohne Kreuze auf den Kirchen beworben würde, dann auch. Denn dann geht es um die Orte selbst.

Aber Lidl verkauft Käse. Ein Produkt, das industriell hergestellt wird, hauptsächlich nach Salz schmeckt und daher emotional aufgeladen werden muss. Es muss nach Urlaub schmecken und nicht nach Kirchenkreuzen. Wer durch die Retusche gleich das gesamte Abendland in Gefahr sieht, der sieht das wohl bei jedem Käse, der irgendwie mit dem Islam in Verbindung gebracht werden kann.

Man kann sich über alles empören. Die Weltmeister darin sind übrigens Muslime und andere Glaubensangehörige, denen ihre Religion wichtiger als ihre Mitmenschen sind. Man kann aber auch einfach mal entspannt ein Stück griechischen Käse essen und ein Glas Weißwein dazu trinken und das Leben abseits von Verpackungsdesigns und Islamdebatte genießen.




Eliyah Havemann ist in Berlin (Ost) geboren, in Hamburg und im Elsass aufgewachsen und lebt jetzt in Israel. Er arbeitet als IT-Knecht in einem Hightech Unternehmen in der Nähe von Tel Aviv. Er schreibt regelmässig für das Jüdische Wochenmagazin Tachles in der Schweiz und hat auch schon für die Welt und andere Texte geliefert. Im Jahr 2014 kam bei Ludwig/Heyne sein Buch "Wie werde ich Jude" heraus.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com