Das KKW Grohnde. Dort wird nicht nur Energie produziert. Unsere Autorin hat dort auch diesen Beitrag geschrieben. Wendland

Mehr Energiedemokratie wagen

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Der Abschied vom Steinkohlebergbau ist vollzogen, bald folgt die Kernenergie. Mit dieser angstgetriebenen Entscheidung berauben wir uns des einzigen Instruments für eine schadstoffarme und zuverlässige Stromversorgung. Ein Plädoyer für einen energiepolitischen Neustart, der ganz nebenbei auch ein Rettungsanker der SPD sein könnte.

Es gab mal eine Zeit, da waren die Deutschen stolz auf ihren Bergbau und ihre Energiewirtschaft. Ein letztes Mal blitzte dieser Stolz jetzt vor Weihnachten auf, anlässlich der Schließung des letzten deutschen Steinkohlebergwerks „Prosper Haniel“.

In der Arena auf Schalke versuchte der hochglanzpolierte Millionärsfußball mit einer Gedenkveranstaltung wenigstens symbolisch an die Arbeiterkultur des Potts anzuschließen, genauer: die Malocher-Identität der Gelsenkirchener, Dortmunder oder Bochumer in Shareholder Value für die Düsseldorfer umzuwandeln. Und da die Deutschen, schon gar um diese Jahreszeit, ohne symbolische Kerzen nicht können, wurden nun auf Schalke die hellen Lichter angezündt‘, das Steigerlied gesungen, die Grubenlampen übergeben, die Trikots mit den Namen geschlossener Zechen übergestreift. Und die Journalisten kommentieren, jetzt sei endgültig Schicht im Schacht.

Kürzlich sprach Stefan Brüggerhoff, Direktor des Deutschen Bergbaumuseums in Bochum, im Deutschlandfunk von der kulturellen Umkleidung des Ruhrkohlebergbaus durch einen Mythos, der sich aus Vorstellungen von Männlichkeit, Erfahrungen von Gefährdung für Leib und Leben und dem daraus erwachsenden sozialen Zusammenhalt speiste.

Diese kantige Romantik hatte es leicht, sich in die Herzen einzuschreiben, weil sich in ihr so viele mit ihren Lebens- und Leidenserfahrungen wiederfanden. Der Herzschlag aus Stahl implizierte, dass Städte und Menschen „von Arbeit ganz grau“ wurden – und früh starben. Was getan werden musste, wurde getan, das Land brauchte Stahl und Strom. Zumindest diese kulturelle Umkleidung ist aus dem Strudel der Globalisierung gerettet worden, sie wärmt und stiftet Bedeutung in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft.

Auf der Schicht

Ich schreibe diese Zeilen auch auf einer Schicht, genau genommen zwischen zwei Schichten, während das Kernkraftwerk Grohnde mit 1440 Megawatt Vollast durchs Weserbergland dampft. Die Energetiker und die Bergleute haben sehr viel gemeinsam. Den Schicht-Zusammenhalt, die lebenslange Zugehörigkeit zum Betrieb, die umstandslose, klare Ansage in der Sprache, das durch Ruppigkeit überdeckte Sentiment, das Aufeinander-Angewiesen-Sein im Notfall, das besondere Bindungen stiftet; aber vor allem das Bewusstsein, mit enormen Naturkräften auf Tuchfühlung zu arbeiten, die, wenn sie nicht unter Kontrolle gehalten werden, lebensbedrohlich sein können. Aber auch die fast vollständige Abwesenheit von Frauen in einer Welt aus Anlagenfahrern, Maschinenschlossern, Elektrikern und und Ingenieuren gehört zu dieser Arbeitswelt.

Doch wie es aussieht, wird die Kernenergie in wenigen Jahren aus dem Land getrieben, ohne dass den Atomarbeitern irgendjemand eine Träne nachweint oder ein Licht anzündet. Um diese Arbeitswelt ist nie eine soziale Welt herumgewachsen wie um Kohle und Stahl. Dazu war die Atomindustrie regional zu zersplittert, zu wenig urban – und zu energieintensiv. Um eine Megawattstunde Strom aus Kernenergie zu produzieren, braucht es inklusive Uranbergbau nur einen Bruchteil der Arbeitskraft, die benötigt wird, um dieselbe Energie aus Kohle bereitzustellen.

Allerdings ist der Aufwand für technische und organisatorische Sicherheitsvorkehrungen im Vergleich enorm. Auch das hat zur Abschottung der Kernenergie beigetragen: sie blieb für die normalen Bürger eine hermetische Welt. Nicht anders als das Kohlebergwerk, das die seltenen Besucher allenfalls auf stark reglementierten Routen betreten durften – das aber zumindest als kulturell-identitärer Faktor in die Herzen der Menschen einging. Man glaubte es zu kennen, und liebte es dafür; ihm wurden Museen und technikhistorische Erlebnis- und Gedenkorte gewidmet. An das Kernkraftwerk hingegen wird, geht es nach der hegemonialen Auffassung, nichts erinnern als eine grüne Wiese. Es soll nach seinem Rückbau auch aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden.

Energiewende-Bizarrerien

Seit Mittwoch mittag fahren die Grohnder „Strich“ am Maximum, was heutzutage selten vorkommt, schon gar nicht bei windigem Wetter, und derzeit einzig dem möglichst „geraden Hinstellen“ des Reaktors für die periodisch fällige Kalibrierung der Neutronenfluss-Instrumentierung dient. In den 48 Stunden davor sah das noch anders aus, da ist die Anlage allen Capricen des Energiewende-Netzes vom Redispatch bis zur Sekundärregelung mit Leistungsgradienten von 20 Megawatt pro Minute stoisch hinterhergefahren.

Nur so wird hierzulande die Illusion vom funktionierenden Erneuerbaren-Paradies aufrechterhalten: während die Wind- und Sonnen-Luxusklasse, die ganz ohne graugesichtige Schicht-Maloche auskommt und angeblich keine Rechnung schickt, per gesetzlicher Vorrangregelung einspeist, wie es wetterbedingt gerade kommt, halten Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke als Lastesel und Kletterkünstler in ihrem Rücken die Frequenz stabil.

Die SPD zwischen Kohle und Atom

Die Kernenergie sollte zu Hochzeiten der Arbeiterpartei SPD eigentlich die legitime Nachfolge der fossilen Energieträger antreten; das lag angesichts des im globalen Wertbewerb nicht mehr konkurrenzfähigen Steinkohlebergbaus und der ökologischen Belastung durch die Braunkohleverstromung auf der Hand. Der Himmel über Rhein, Ruhr und Saar sollte blau werden – aber nicht ein deindustrialisiertes Land überspannen.

Doch diese Vision wurde vom Anti-Atom-Flügel der SPD im pragmatischen Bündnis mit der damals starken Kohle-Lobby verhindert. Die SPD wurde vom Verfechter der Kernenergie zu ihrem Gegner, um Jahre später auch die Anti-Kohle-Programmatik der Grünen zu kopieren. Es hat ihr, genauso wie die sozialpolitische Hartz-Wende, letztlich nichts genutzt: Die grünliberale Transformation hat die SPD nicht nur ihr Herz, sondern zugleich auch Hirn und Hände gekostet. Die Sottisen, die das SPD-geführte Bundesumweltministerium im Dauerbetrieb absondert , zeugen von diesem Traditionsabriss genauso wie der Abend auf Schalke.

Es dämmert allmählich

Doch sowohl im nostalgischen Licht des Kohle-Abschieds, als auch im grellen Schlaglicht unserer dysfunktionalen Energiewende und der Verfehlung deutscher Klimaziele dämmert in einigen Ecken unserer Gesellschaft allmählich die Erkenntnis, dass es so nicht funktionieren wird. Das äußert sich nicht unbedingt nur in Wut-Protesten gegen Windräder vor der eigenen Haustür, sondern auch im Nachdenken übers Umdenken – ein Umdenken und Umsteuern, an dem die Grünen wider eigenen Anspruch überhaupt nicht beteiligt sind.

Plötzlich wird wieder über die vorher erfolgreich totgeschwiegene Kernenergie geredet, was nicht unbedingt heißt, die Nuklear-Maloche in den Großkernkraftwerken zu verewigen, sondern den Weg für kleine, multifunktionale und inhärent sichere Reaktoranlagen zu ebnen. Neulich hat Hannes Stein an dieser Stelle die Hoffnung geäußert, die Grünen könnten es sein, die diese schlagkräftigste Waffe beim Kampf um eine CO2-reduzierte Energiewirtschaft wiederentdecken. Ich würde mir das zwar auch wünschen, halte es aber gegenwärtig für aussichtslos.

Zu stark ist die Verquickung von Anti-Atom-Kampf und politischen Biographien bei den Grünen, zu groß die Versuchung, mit der Atomangst als Stimmengenerator Politik zu machen, zu demütigend die Aussicht, einen Fehler zugeben zu müssen. In dieser Verweigerung sind sich die Grünen mit CDU/CSU einig: den Atomausstieg in Frage zu stellen, das hieße auch die Kanzlerin samt Wirtschafts- und Energieminister zu demontieren, die sich dieses Projekt zu eigen gemacht haben.

Die SPD muss umdenken

Folglich wäre eigentlich die SPD die prädestinierte Partei, jene Vordenkleistung zu erbringen, welche die Grünkonservativen und Gesinnungsethiker verweigern. Die Sozialdemokratie könnte neue Ideen entwickeln, um eine hochmobile Industriegesellschaft sozialverträglich und umweltfreundlich mit Strom zu versorgen.

Die SPD sollte sich daher aus der Großen Koalition der industriell und technisch Unbedarften lösen und endlich zur verheerenden Energiewende-Bilanz Stellung beziehen. Unser derzeitiger energiepolitischer Kurs ist weder umweltfreundlich, noch sozial, noch verträgt er sich mit den versorgungstechnischen Anforderungen eines Industrielandes. Derzeit wird unter irrsinnigem finanziellem Aufwand, unter maximaler Vernutzung und Zerstörung des ländlichen Raumes, aber mit jämmerlicher Verfügbarkeit der Anlagen irgendwie ein bisschen Strom produziert, um ganz viel gutes Gewissen hervorzubringen.

Die SPD müsste mehr Energiedemokratie wagen. Sie sollte auf ihre früheren Wähler hören; sie sollte die klügsten Köpfe in einer offenen Diskussion über unsere Energiezukunft versammeln, inklusive jener Querdenker, die eine gemeinwohl-orientierte Energiewirtschaft und Kernkraftnutzung für vereinbar halten. Die Sozialdemokratie sollte sich gleichzeitig von der Illusion verabschieden, den Grünen ihre bürgerlichen Wähler abspenstig machen zu müssen, und stattdessen ihre Zukunft mit Blick auf die kleinen Leute und ihre Arbeitswelten neu denken.

Die Sozialdemokratie sollte also die Rolle wieder einnehmen, die sie unter Willy Brandt einmal innehatte, und die sie töricht auf dem fremden Altar der ökologistischen Angstpolitik geopfert hat. Warum nicht eine große Kontroverse auslösen und ein eigenständiges Umwelt- und Industriepolitik-Profil gewinnen, indem man ankündigt, man wolle die Braunkohle wegen der Klimaziele und der Luftreinhaltung im Boden lassen – und stattdessen moderne Kernkraftwerke bauen? Im sächsischen Landtagswahlkampf 2019 könnte die SPD es ausprobieren: die Ostdeutschen sind prinzipiell pragmatischer und technikfreundlicher als die Wessis.

Warum nicht die Menschen zum radikalen Denken jenseits der Angst aufrufen, sei das in der Einwanderungsfrage, sei es in der Energiepolitik? Jetzt ist es an der Zeit – bevor wir unserer gesamten Industriekultur einen mehr oder weniger nostalgischen Abschied bereiten, um uns sodann von Illusionen wärmen zu lassen.




Dr. Anna Veronika Wendland ist Osteuropa- und Technikhistorikerin und liebt Grenzgänge zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Forschungsbedingt arbeitet sie ab und zu in Kernkraftwerken. Sie lebt mit Mann und drei Söhnen in Leipzig. In ihrer Freizeit arbeitet und schreibt Dr. Wendland als garantiert unbezahlte Atomlobbyistin für den Verein „Nuklearia“, der sich die kerntechnische Re-Alphabetisierung der Deutschen zum Ziel gesetzt hat.