Der Skogafoss auf Island. Von Wassermangel ist auf der Insel, ähnlich wie in Deutschland, keine Spur. Aber anders als in Deutschland nimmt man es dort mit dem Sparen nicht so ernst. Foto: Johannes Kaufmann

Mythenjagd (6): Wassersparen schont die Umwelt

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Wasser ist eine lokale Ressource. Sie in niederschlagsreichen Regionen Deutschlands zu sparen, leistet keinen Beitrag im Kampf gegen Wasserknappheit. Es spart am Ende nicht einmal Geld.

Dass israelische Panzer am 17. März 1965 nach Syrien hineinfeuerten, war in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Der Vorfall ging in die israelische Militärgeschichte ein, weil die Schützen Ziele in elf Kilometern Entfernung trafen – weit außerhalb der eigentlichen effektiven Reichweite ihrer Panzer. Noch bedeutsamer waren allerdings die Ziele selbst: Der Beschuss galt nicht etwa militärischen Stellungen, sondern Baumaschinen.

Hintergrund des Bombardements war der Plan der Arabischen Liga, zwei Quellflüsse des Jordans umzuleiten, der in den See Genezareth mündet. Das hätte das Wasser der israelischen Landeswasserleitung, über die der Staat seit 1964 das Wasser des Sees über den Rest des Landes verteilte, um ein Drittel reduziert. „Kraw al Ha-Majim“ – Kampf ums Wasser wird dieser Zwischenfall im Hebräischen genannt.

Wassermangel befeuert Konflikte

Im Sechstagekrieg 1967 eroberte Israel schließlich die Golanhöhen und sicherte sich dadurch auch den Zugriff auf die beiden Jordan-Quellflüsse. Der Sechstagekrieg wurde ganz sicher nicht allein wegen des Wassers geführt, aber knappe Wasserressourcen haben in vielen Region das Potenzial, Konflikte zu befeuern. So blickt Ägypten argwöhnisch auf Äthiopien. Dessen rasche Bevölkerungsentwicklung nötigt das Land, das Wasser des Blauen Nils stärker für Energiegewinnung und Landwirtschaft zu nutzen. Ägyptens Wasserversorgung hängt aber nahezu vollständig vom Nil ab; sollte Äthiopien am Oberlauf mehr Wasser entnehmen, kommt am Ende weniger im Delta an. Wird die ägyptische Luftwaffe womöglich irgendwann äthiopische Staudämme ins Visier nehmen?

Ähnliche Konflikte gibt es unter anderem zwischen der Türkei, dem Irak und Syrien um die Nutzung von Euphrat und Tigris. Wasser ist ein kostbares Gut, das in vielen Regionen der Welt knapp ist.

Uns Deutschen fällt das vor allem im Urlaub auf. Auf Malta, so informiert der Reiseführer, gibt es so wenig Regen, dass das kleine Land große Mengen Trinkwasser per Schiff importieren muss. Wer in den Jahren bis 2010 in Israel war und den Fernseher eingeschaltet hat, konnte dramatische Werbespots über das Austrocknen des Sees Genezareth sehen, die die Bevölkerung zum Wassersparen aufriefen.

Die globale Bedeutung von Wasserknappheit kommt in den Zahlen der Vereinten Nationen zum Ausdruck. Trotz Erreichen des im Jahr 2000 gesetzten Millennium-Entwicklungsziels, bis 2015 die Zahl der Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, zu halbieren, sind noch immer 663 Millionen Menschen auf der Welt ohne einen solchen Zugang.

Das Umweltministerium rät zum Sparen – unsinnigerweise

All diese Tatsachen machen den Impuls, sparsam mit dem teils so umkämpften Gut umzugehen, verständlich. Wir sparen wie die Weltmeister. Hightech-Duschköpfe nutzen Wirbelkammern und Düsenstrahlen, um möglichst wenig Wasser mit möglichst viel Luft anzureichern. Dadurch soll sich wenig Wasser nach mehr anfühlen. Die Ökodesign-Richtlinie der EU sieht vor, dass nur die sparsamsten Modelle sich durchsetzen.

Das Bundesumweltministerium stellt auf seiner Internetseite fest: „Jeder Einzelne kann und sollte dazu beitragen, dass der Wasserverbrauch weiter zurückgeht (Wassersparen).“ Grundschulkinder werden in einem Arbeitsheft aufgefordert, Ideen zu entwickeln, „wie man zu Hause wertvolles Wasser sparen kann“. Jedes Hotel in Deutschland nervt seine Gäste mittlerweile mit Hinweisen im Badezimmer, die zum Wassersparen auffordern – „Unserer Umwelt zuliebe!“

Nur, unserer Umwelt bringt das ganze Gespare überhaupt nichts. Zwar sind nur etwa drei Prozent des Wassers auf der Welt Süßwasser, und davon sind fast 70 Prozent in Gletschern und Polkappen gebunden. Doch rein rechnerisch wäre das genug. Das Problem ist nicht die Gesamtmenge, sondern die Verteilung. Wasser ist eine lokale Ressource.

Und Deutschland ist mehr als reichlich gesegnet. Allein an Grundwasser, aus dem knapp 75 Prozent unseres Trinkwassers gewonnen werden, stehen uns jährlich rund 188 Milliarden Kubikmeter zur Verfügung. Davon werden knapp 155 Milliarden Kubikmeter gar nicht genutzt. Das entspricht einer Nutzungsreserve von 82,4 Prozent der Gesamtmenge. Hinzu kommt das Oberflächenwasser. In der Region Braunschweig beispielsweise wird das Trinkwasser nicht aus Grundwasser gewonnen, sondern aus Talsperren im Harz.

Wir haben also mehr als genug. Trotzdem sinkt der Pro-Kopf-Gebrauch seit Jahren immer weiter. Mittlerweile liegt er in Deutschland mit 121 Litern (2010) deutlich unter dem EU-Durchschnitt. In England sind es 158 Liter, in Frankreich 164, in Österreich 140. Seit 1990 ist die Wasserabgabe der öffentlichen Wasserversorgung laut dem „Branchenbild der deutschen Wasserwirtschaft“ (2015) um 26 Prozent gesunken – von 5,99 Milliarden auf 4,43 Milliarden Kubikmeter.

Dem verdorrten Ackerboden in Südspanien oder dem Wüsten-Landwirt in Jordanien hilft das allerdings nicht. Das Wasser, das über der norddeutschen Tiefebene abregnet, wird durch Nichtnutzung weder in Südeuropa noch in Afrika landen. So wie auch kein Afrikaner hungern muss, weil deutsche Kinder ihre Teller nicht leeressen. Das würde sich erst ändern, wenn wir eine Wasser-Pipeline von Lüneburg nach Luanda bauten. Lediglich über den Konsum mancher Produkte aus Dürre-Ländern tragen deutsche Verbraucher zur dortigen Wasserknappheit bei: Tomaten aus Südspanien sind letztlich in roter Schale verpacktes Wasser, das aus einer Wüstenregion ins feuchte Deutschland transportiert wird.

Am Ende muss der Wasserversorger nachspülen

Bei uns hingegen ist das Wassersparen sogar schädlich. „Inzwischen führt die stark rückläufige Entwicklung des Pro-Kopf-Gebrauchs und der Wasserabgabe an die Industrie in Deutschland zu einer Unternutzung von Anlagen“, heißt es im „Branchenbild der deutschen Wasserwirtschaft“. Dadurch verringert sich die Fließgeschwindigkeit in den mittlerweile überdimensionierten Rohren und Kanälen. „Als Folge müssen die betroffenen Leitungen intensiv gespült werden, um beispielsweise Ablagerungen und Korrosion sowie hygienische Probleme aufgrund längerer Aufenthaltszeiten und geringerer Fließgeschwindigkeiten zu vermeiden.“ Sprich: Das Wasser, das Hightech-Duschkopf, Öko-Waschgang und Stopptaste an der Toilettenspülung einsparen, muss der Wasserversorger am Ende selbst ins System pumpen – sonst werden die Leitungen geschädigt, und es fängt an zu stinken (wie in so mancher Ecke im sommerlichen Berlin).

Zusammengefasst: Wassersparen in Deutschland schont nicht die Umwelt, schädigt die Infrastruktur und führt am Ende zu höheren Wasserpreisen, weil die Kosten für die Instandhaltung steigen. Entsprechend heißt es auch im bereits erwähnten Branchenbild nur nüchtern: „Eine politisch geforderte weitere Reduzierung des Wassergebrauchs ist nicht sinnvoll.“

In Israel werden übrigens keine Werbespots für die Rettung der Seen in Galiläa mehr gesendet. Das Land konnte sein Wasserproblem innerhalb weniger Jahre zu einem großen Teil lösen – durch effiziente Landwirtschaft, die höchste Wasserrecycling-Quote der Welt und den Bau von Meerwasser-Entsalzungsanlagen. Sparen ist eben nur eine von vielen Optionen für den Umgang mit knappen Ressourcen.

 

Bio bedeutet ungespritzt. Kernreaktoren können explodieren. Kuba hat ein vorbildliches Gesundheitssystem. Der Körper kann entschlackt werden. Die Meere sind überfischt. In unregelmäßigen Abständen begibt sich Johannes Kaufmann hier auf Mythenjagd. Themenvorschläge werden gern entgegengenommen.


Tagged: , ,



Johannes Kaufmann hat schon vieles gemacht. Zum Beispiel Chemie studiert, eine Karriere als Profifußballer angestrebt und eine Doktorarbeit über israelische Militärgeschichte geschrieben. Außerdem hat er vieles nicht zu Ende gemacht. Zum Beispiel sein Chemiestudium, die Karriere als Profifußballer oder seine Doktorarbeit. Mit Umwegen über Uni, Israel, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt etc. ist er mittlerweile als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung gelandet, wo er besonders gern über Agrarforschung, Lebensmittelsicherheit, Infektionsforschung, Gentechnik und Kometenlanderoboter schreibt.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com