Ernährung: Ist der Nutri-Score sinnvoll?

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Mit dem Nutri-Score hat die Bundesregierung einen nur auf den ersten Blick objektiven Maßstab zur Bewertung einzelner Lebensmittel eingeführt. Bei näherer Betrachtung wird klar, dass er nicht nur nutzlos ist, sondern Verbraucher auch in die Irre führen kann. Die Ernährungsexperten Eva-Maria Endres und Daniel Kofahl klären auf.

Es gibt so viele Lebensmittel und so viele – oft widersprüchliche – Ernährungsinformationen, dass der Wunsch nach einem einfachen Orientierungssystem verständlich ist. Und auch das Anliegen der Ministerin Julia Klöckner (CDU), für Verbraucher mehr Klarheit und für Hersteller mehr Anreize für eine gute Ernährung und gute Produkte zu schaffen, ist nachvollziehbar. Warum aber ist die Einführung des sogenannten Nutri-Scores dennoch kritisch zu bewerten? 

Nehmen wir zunächst einmal an, es ginge bei der alltäglichen Ernährung tatsächlich primär nicht darum, dass es schmeckt, nicht vor allem darum, dass man sich mit anderen Menschen zum gemeinsamen Mahl zusammenfindet und auch nicht darum, das von der Großmutter mit großer Begeisterung servierte Eiskonfekt zu essen. Stattdessen folgen wir einmal der Argumentation diverser Gesundheitsaktivisten und nehmen an, es ginge beim Essen und Trinken vor allem darum, ob man sich gesund ernährt oder nicht. 

Dann muss man feststellen, dass sich eine gesunde Ernährung nicht aus einzelnen Lebensmitteln ergibt. Es kommt auf die Ernährungspraxis an. Auf der Basis eines gesamten „Ernährungskorbs“ werden Richtwerte errechnet und Empfehlungen abgegeben, etwa, wieviel Fett jemand essen sollte. Die Ernährungspyramide oder der Ernährungskreis bilden diese Empfehlungen beispielsweise ab. Der Nutri-Score bezieht sich aber nur auf einzelne Lebensmittel, setzt diese jedoch nicht ins Verhältnis zur gesamten Ernährung. Auch der Lebensstil des Essenden wird nicht berücksichtig, der durchaus zwischen „Stubenhocker“ und „Leistungssportler“ variieren kann. Die DGE stellte 2008 in einer Stellungnahme heraus, dass eine derartige Kennzeichnung „methodisch nicht zulässig“ ist. Durch die komplexitätsreduzierte Einteilung des Nutri-Scores, jedem Lebensmittel eine vermeintlich eindeutige Ampelfarbe von „grün“ bis „tiefrot“ zuzuordnen, entsteht der Eindruck, dass man sich durchaus gesund ernähren würde, wenn man jeden Tag zwei Kilo Weißbrot, ein Pfund Pommes und drei Liter Cola light zu sich nimmt. Denn dies sind Lebensmittel, die nach dem Nutri-Score positiv (mit einem grünen A oder B) bewertet werden. Selbst wenn sich die Ernährung weniger einseitig gestaltete, wäre damit längst nicht sichergestellt, dass man sich insgesamt gut ernähre.

Mehr Verwirrung als Orientierung

Das angeführte Beispiel zeigt, dass die Bewertungskriterien des Nutri-Scores bei Weitem nicht ausreichend sind, um Lebensmittel hinsichtlich ihrer Qualität überzeugend einzuschätzen. Der Nutri-Score bezieht Energie (kcal), Zucker, gesättigte Fettsäuren, Natrium, Eiweiß, Ballaststoffe und den Obst- und Gemüseanteil ein. Was sein Algorithmus nicht einbezieht, sind zum Beispiel der Anteil an Vollkorn- oder Weißmehl, Vitamine und Mineralstoffe, Konservierungs- oder Zusatzstoffe, der Anteil an ungesättigten Fettsäuren oder die tatsächlich verzehrte Menge dieses Lebensmittels. Können diese Werte etwa einfach vernachlässigt werden? Selbst die Stiftung Warentest stellt bezüglich des Nutri-Scores, aber auch in Bezug auf ein weiteres vom Max-Rubner-Institut entwickeltes Modell nüchtern fest:

„Bei ihnen fließen manche positive Inhaltsstoffe wie Omega-3-Fett­säuren und Vitamine nicht in die Bewertung ein. Und einigen an sich empfehlenswerten Monoprodukten dürfte die Kennzeichnung nicht gerecht werden: Olivenöl zum Beispiel bekäme wegen seines Fettanteils von 100 Prozent eine schlechte Bewertung, aber für seine vorteilhaften ungesättigten Fettsäuren keinen Ausgleich. Außerdem können Verbraucher im Geschäft nicht nachvollziehen, wie die Berechnung zustande gekommen ist. Sie müssen sich im Internet über die Berechnungs­grund­lage informieren – das ist mühsam.“

Nach derzeitigem Stand werden auch nur verarbeitete Lebensmittel mit dem Nutri-Score gekennzeichnet. Frisches Obst und Gemüse, Eier, Getreide oder roher Fisch erhalten somit keine Kennzeichnung. Bislang sollten gerade diese Lebensmittel oft die Grundlage einer gesunden Ernährung ausmachen. Nun wird den Verbrauchern suggeriert, dass sie sich mit Tiefkühlpizza und Softdrinks gut ernähren, wenn nur in der Tiefkühlpizza wenigstens Ballaststoffe zugesetzt wurden, der Käse fettreduziert ist und die Süße in einem Softdrink statt von Zucker von irgendeinem Süßstoff herrührt. Verarbeitete Lebensmittel können also mit gutem Gewissen konsumiert werden, solange sie nur an den richtigen Stellschrauben optimiert wurden. Keine Frage, dass zahlreiche Größen der Lebensmittelindustrie wie Nestlé oder Danone den Nutri-Score befürworten, wenn es ihnen gelingt, einfach ihre Rezepte ein wenig zu frisieren oder Fertigprodukte wie Backofenpommes mit einem grünen A gelabelt werden und damit praktisch gesünder erscheinen als frische Kartoffeln.

Nicht einmal die Ziele, die mit dem Nutri-Score erreicht werden sollen, sind klar. Wie an den oben aufgeführten Beispielen veranschaulicht, wirkt das Label an einigen Stellen eher verwirrend als orientierend. Versuchen hier Aktivisten wieder einmal den „verunsicherten Verbraucher“ hervorzubringen, den sie zur Legitimation ihrer Existenz benötigen? Zudem ist es grundsätzlich nur schwer möglich, die Zielgruppen, deren Ernährung verbesserungswürdig ist, über kognitive Maßnahmen (Aufklärung, Information oder Bildung) anzusprechen. Viel effektiver wäre hier, den Zugang zu guter Ernährung zu verbessern, etwa über die Verbesserung der Schulverpflegung, höhere Standards für die Gemeinschaftsverpflegung oder generell über ein praxisbezogenes Programm von Ernährungsbildung. Letzteres kann Menschen befähigen, ihre eigenen körperlichen, individuellen und soziokulturellen Bedürfnisse zu erkennen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten, mit ihrem Essverhalten zu befriedigen.

Blinder Aktionismus

Ob Verbraucher ihr Einkaufsverhalten mit dem Nutri-Score also überhaupt ändern ist umstritten. Eine Forschergruppe um Chantal Julia hat bereits einige Studien gemacht, deren aussagekräftigste zu dem Ergebnis kam, dass der Nutri-Score keinen signifikanten Einfluss auf das Einkaufsverhalten hat. Michael Sigrist, Professor für Konsumentenverhalten an der ETH Zürich, kam in einer Studie zum Nutri-Score zwar zu dem Ergebnis, dass „direktive Labels in verschiedenen Studien zu signifikanten Ergebnissen führen“, jedoch auch – und das ist doch nun hier wirklich zentral – dass „die Ergebnisse sehr klein und die klinische Bedeutung fraglich“ sei. Dagegen weist er extra auf einen weiteren sehr interessanten Untersuchungsgegenstand hin und zwar, dass die von den Verbrauchern angewandte „Daumenregeln, um die Gesundheit von Produkten zu beurteilen, oft erstaunlich gut funktionieren“. 

Aus blindem Aktionismus ein stark verbesserungswürdiges und wissenschaftlich nicht abgesichertes Kennzeichnungssystem einzuführen, nur weil es die Verbraucher visuell anspricht und ihnen von interessengeleiteten Aktivisten suggeriert wird, damit wäre ein an sich komplexes Phänomen problemlos zu simplifizieren, wäre in anderen Bereichen wie der IT- oder Automobilbranche undenkbar. Doch im Bereich der Ernährung werden solche Vorbehalte mit einem Handstreich vom Tisch gewischt. Auf der Homepage der Verbraucherzentrale Hamburg beispielsweise liest man in Bezug auf die Nachteile des Nutri-Scores unter anderem:

„Der Score berücksichtige nicht alle wertgebenden Inhaltsstoffe, zum Beispiel Vitamine, Mineralstoffe oder ungesättigte Fettsäuren. Deshalb sei der Nutri-Score in der Bewertung zu sehr vereinfacht und würde der Vielfalt an Eigenschaften eines Lebensmittels, die Auswirkungen auf die Gesundheit haben, nicht gerecht werden.“

Doch all diese Bugs sind kein Argument für die Autoren. Mit einem flotten: „Wir meinen: Ohne Vereinfachung kann eine Bewertung auf einen Blick nicht gelingen“ wird einfach zum nächsten Punkt gesprungen.

Und wer jetzt mit dem Lieblingsthema der Ernährungspaternalisten kommt, der „Adipositasepidemie“, dem sei gesagt: Zur Reduktion von hohem Körpergewicht sind Nährwertkennzeichnungen ebenfalls schlecht geeignet. Überhaupt sollte diesbezüglich noch einmal erwähnt werden, dass es jenseits der medizinischen Szene durchaus eine Diskussion darüber gibt, ob es gerechtfertigt ist, alle Menschen mit hohem Körpergewicht einfach schlankerhand als „adipös“ zu pathologisieren. Bewegungen wie „Health at every Size“ oder die deutsche Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung versuchen seit längerem schon dafür zu sensibilisieren, dass erstens ein hoher BMI nicht kausal mit einem negativen Gesundheitsverlauf zu verknüpfen ist und dass zweitens nicht jede Person mit einem hohen Körpergewicht dieses auch automatisch reduzieren möchte. Doch individuelle Selbstbestimmung über einen wohlbeleibten Körper wird in der Gegenwart kaum noch toleriert. 

Wenn jedoch ein individuelles Interesse vorliegen sollte, mit medizinischer Motivation das Körpergewicht verringern zu wollen, dann muss man festhalten, dass dieses in aller Regel multifaktorielle Ursachen hat. Es spielen neben der ganz konkreten Ernährung soziokulturelle (soziales Umfeld, Ernährungsbiographie, Arbeitsalltag, Einkommen) und psychische (Stress, Belastung, Probleme in der Partnerschaft) Faktoren eine wichtige Rolle. Das Ernährungswissen wiederum besitzt nur eine nachgeordnete Rolle. Gerade in den sozialen Milieus, in denen der Anteil von Personen mit hohem BMI am größten ist, gibt es zumeist dramatischere Herausforderungen des Lebens, als dass der Körper einen statistisch höheren Körperfettanteil aufweist. Mit den sogenannten Präventionsprogrammen – zu denen nun neuerdings auch der Nutri-Score als ein Baustein hinzugezählt wird – suggeriert man aber, ein „schlankerer Körper“ wäre das zentrale Moment eines gelungenen Lebens. Welch ein Hohn gegenüber der Alltagswirklichkeit dieser Menschen! Da die Präventionsprogramme zudem kaum etwas bewirken, sind es weniger Präventions- sondern eher Stigmatisierungsprogramme.

Funktionalisierung des Essens

Darüber hinaus wäre es fragwürdig, Lebensmittel alleine nach Kriterien zur Reduktion von Übergewicht zu kennzeichnen, da dies für die Hälfte der Bevölkerung, die gar kein hohes Körpergewicht hat, irrelevant ist. Dass die andere Hälfte ihren von Aktivisten als problematisch erachteten Ernährungsstil in Bezug auf ihr Körpergewicht zudem im Dauerfeuer thematisch aufs Brot geschmiert bekommen soll, ist zudem auch keine naturgegebene Tatsache. Es ist durchaus plausibel, dass es gar nicht zwingend im genuinen Verbraucherinteresse liegt, diesen ihren derzeitigen Lebensstil madig zu machen. Zumal es erst einmal zu diskutieren ist, inwiefern dieser medizinisch inspirierte Ernährungsaktivismus, seinen Teil zu einer Zunahme an Ess- und Körperwahrnehmungsstörungen beiträgt, die nahezu konstitutiv für die gegenwärtige Ernährungs- und Körperkultur geworden sind.

Unsere Vorbehalte gegen ein zu den bisherigen Lebensmittelkennzeichnungen hinzukommendes weiteres Label werden zuletzt von einer sehr grundsätzlichen Beobachtung gerahmt. Mit dem Nutri-Score wird eine bereits jetzt sehr starke Funktionalisierung des Essens noch einmal unterstützt. Essen hat aber kulturelle und soziale Bedeutungen, die für die Gesellschaft und jedes Individuum immanent wichtig sind. Alle Lebensmittel allein nach Gesundheitskriterien in fünf Kategorien einzuteilen, reduziert das Essen auf einen physiologischen, geradezu maschinellen und statistischen Akt. Weder sozialkulturelle Traditionen noch die subjektiven Lebens- und Essbiografien der individuell Essenden werden mit der simplifizierenden Methode eines Nutri-Scores berücksichtigt. 

Wenn man eine sich stetig verbessernde Ernährungspraxis der Menschen ernsthaft unterstützen will, so muss man dafür auch die richtigen Dinge tun. Man muss den Menschen Möglichkeiten schaffen, den praktischen und konkreten Umgang mit Lebensmitteln zu erlernen und Ihnen Raum dafür geben, die Freude an der Esskultur und an der Lust an einem erfüllenden, Zufriedenheit schaffenden Essgenuss zu entdecken. Das Ziel muss es sein, den Umgang mit der Vielfältigkeit der Welt zu schulen. Es kann nicht das Ziel sein, aus Kampagnengründen, mit dem Holzhammer Komplexität symbolisch einzustampfen. Um das gesundheitliche Wohlbefinden der Menschen mittels ihres Ernährungsverhalten zu verbessern, müssen Verbraucher lernen, Lebensmittelqualitäten zu erkennen, als Teil ihres gesamten Ernährungsverhaltens einzuschätzen und mit ihrem individuellen Lebensstil sowie einer guten Beobachtung des eigenen Körpers in Beziehung setzen zu können. All diesen Zielen wirkt der Nutri-Score entgegen.

 

 

Eva-Maria Endres ist Ernährungswissenschaftlerin (B.Sc. Oecotrophologie und M.Sc. Public Health Nutrition) und forscht zu Digitalisierung, Ernährungsbildung und Esskultur. Derzeit promoviert sie über Ernährungskommunikation in digitalen Medien. (Foto: Florian Bolk)

 

 

Dr. Daniel Kofahl ist Ernährungssoziologe. Seit 2012 leitet er das Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur (APEK). Für zivilgesellschaftliche Insitutionen und für Einrichtungen der freien Wirtschaft forscht er zur Sozial- und Kulturgeschichte von Produkten und erstellt Analysen zu Ernährungstrends. Daniel Kofahl ist Sprecher der AG Kulinarische Ethnologie und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). (Foto: Daniela Haug)

 

Stellungnahme der Autoren zu einem möglichen Interessenskonflikt: Das Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur (APEK) ist ein Zusammenschluss unabhängiger Wissenschaftler und Forscher. Als solche verstehen wir es als unsere Pflicht, mit allen demokratischen Beteiligten am öffentlichen Diskurs das Gespräch zu suchen. Wir gehen offen und transparent damit um, auch Forschungs- und Beratungsaufträge von Seiten von Lebensmittelproduzenten sowie Unternehmensverbänden entgegenzunehmen bzw. unsere von diesen unabhängig erstellten Analysen dort zu diskutieren. Genau wie in der Zusammenarbeit mit anderen Akteuren nicht-wirtschaftlicher, staatlicher oder sonstiger freier Art, gehört es zu unserer selbstverständlichen Forschungsmaxime, ausschließlich unabhängig und ergebnissoffen zu forschen. Dies entspricht nicht nur ganz selbstverständlich dem wissenschaftlichen Arbeitsethos, sondern es zeichnet unsere Position im Diskurs gerade aus, dass die an APEK beteiligten Personen auch unerwartete, unangenehme oder widersprüchliche Dinge ansprechen und benennen. Speziell in Bezug auf den Nutri-Score ist es zudem eine Besonderheit, dass es hier selbst innerhalb der großen industriellen Verbände und Unternehmen einerseits, wie andererseits auch auf der Seite staatlicher Forschungs- und Gesundheitsorganisationen, keine einheitliche Linie gibt.

 




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