Kein Grund zum Schämen: Ein Aktivist demonstriert in Rom gegen Anorexie. Enrico/Wikipedia/CC BY 2.0/Flickr

Der Krieg gegen die Dicken (1)

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Von der Demütigung bis zur dauernden Belehrung: Übergewichtige sind ein beliebtes Angriffsziel geworden, weil sie das abendländische Idealbild des Menschen infrage stellen. Eine SALONKOLUMNISTEN-Serie über das gestörte Verhältnis der Gesellschaft zu vermeintlich Essgestörten.

Übergewichtigen wird Müßiggang, Sünde, Laster und Genuss vorgeworfen, während Sport- und Arbeitssüchtige sich keine Demütigungen und Umerziehungen gefallen lassen müssen.  In dieser dreiteiligen SALONKOLUMNISTEN-Serie wird erklärt, woher der Hass auf Adipöse kommt.

Von der Diätetik zur Diät

Die meisten Gesundheitsexperten sind sich darüber einig, dass die Verbreitung der Adipositas stetig zunimmt, und das nicht nur in den westlichen Industrienationen. In Deutschland steigt einerseits die Zahl adipöser Kinder, Jugendlicher und Erwachsener, andererseits nehmen auch diejenigen an Gewicht zu, die bislang normal- oder untergewichtig waren.

Die Gründe für die sogenannte Adipositas-Epidemie scheinen auf der Hand zu liegen:

  • Überflussgesellschaft: Im Prinzip können sich alle Bundesdeutschen ausreichend mit Lebensmitteln versorgen oder eben auch überversorgen, in der evolutionären Programmierung des Menschen ist dieses Schlaraffenland allerdings nicht vorgesehen. Der Mensch ist also genetisch darauf eingestellt, wenn Lebensmittel verfügbar sind, so viel wie möglich zu essen, vor allem Fettes und Süßes. Ohne diese Programmierung hätten unsere Vorfahren nicht überlebt. Heute ist diese zum Problem geworden.
  • Technisierung des Alltags: Autos, Fahrstühle, Rolltreppen, etc. ermöglichen quasi ein Leben ohne Bewegung. Dies begünstigt eine positive Energiebilanz.
  • Freizeit: Fernsehen und zunehmend auch die Nutzung des Computers haben bewegungsfördernde Freizeitaktivitäten verdrängt. Auch dieser Umstand trägt zu einer positiven Energiebilanz bei.

Einige Autoren und Autorinnen nennen als weiteren Grund für die Zunahme der Adipositasproblematik die Industrie: Convenience-Produkte seien zu fett, Süßigkeiten für Kinder zu süß und zu fett, die Packungen würden immer größer. Diese Kritik an der Lebensmittelindustrie folgt allerdings dem Menschenbild eines naiven und unmündigen Konsumenten, der zu sich nimmt, was ihm vorgesetzt wird. Dieses Menschenbild kollidiert mit dem Bild vom mündigen Bürger, der in demokratischen Wahlen zu entscheiden hat, welche Parteien dieses Land regieren sollen. Dieser mündige Bürger ist faktisch auch als Konsument kritisch, indem er beim Kauf des nächsten PKW die Pannenstatistik des ADAC mit berücksichtigt. Aber warum sollte der Konsument beim Kauf eines Autos kritisch, beim Kauf von Lebensmitteln jedoch völlig naiv sein?

Gegen dieses Argument spricht, dass Werbung auf unbewussten Wegen wirkt: Auch wenn sich jemand nicht durch Werbung beeinflussen lassen will, so kann er doch Opfer von dieser werden, indem er das Waschmittel kauft, für das am häufigsten und am besten geworben worden ist. Ein anderes Waschmittel ist ihm dann schlicht nicht vertraut.

Ob Kinder und Jugendliche noch nicht in der Lage sind, kritische Konsumenten zu sein, ist empirisch bislang nicht hinreichend abgeklärt. Hierzu gibt es widersprüchliche Befunde.

Die genannten Gründe – Überflussgesellschaft, Technisierung und veränderte Freizeit – scheinen so durchschlagend zu sein, dass gegen sie quasi kein Kraut gewachsen ist, sprich: Alle Arten von Adipositasbehandlungen haben weltweit nur sehr geringe Erfolge. Vor allem die Aufrechterhaltung eines potenziellen Interventionserfolgs misslingt in den meisten Fällen. Dieser offenkundige Sachverhalt führt jedoch nicht dazu, dass dem Krieg gegen Adipositas abgeschworen wird. Dann muss aber geklärt werden, warum das so ist.

Michel Foucaults Bezugnahme zur Diätetik

Als 1984 in Frankreich und 1986 ins Deutsche übersetzt sein Werk „Der Gebrauch der Lüste – Sexualität und Wahrheit 2“ erschien, da wurde ersichtlich, dass Foucault „Sexualität und Wahrheit 1“ nicht einfach fortgesetzt hatte. Foucault hatte seinen Fokus deutlich verändert: von einer – vereinfacht formuliert – Geschichte der Sexualität hin zu einer Fragestellung, wie sich Menschen selbst gestalten, mit welchen Methoden sich Subjekte herstellen – auch bezüglich des Umgangs mit Sexualität. Dieses Thema bedeutete für Foucault auch die Hinwendung zur Antike, zu den antiken Texten, die das Abendland so entscheidend konfiguriert haben.

Bei diesem Vorhaben stieß Foucault auf den Begriff der „diaiteia“, der Diätetik, die als Lehre von der Lebensweise übersetzt werden kann. Sie kreist um Fragen wie diese:

  • Wie ernähre ich mich?
  • Wie praktiziere ich Sexualität?
  • Wie stark kontrolliere ich meine innere Natur?
  • Welches Verhältnis gehe ich hiermit zu mir selbst ein?

Diätetik stellt so einen selbstbestimmten Umgang mit sich selbst dar. Es gibt keine Religion, die vorschreibt, wie das Leben zu gestalten ist, es gibt keine quasi rechtsverbindliche wissenschaftliche Lehrmeinung, wie die Nahrungsaufnahme zu bewerkstelligen ist, vielmehr ist der freie Bürger aufgerufen, selbst zu definieren, wie der Umgang mit dem eigenen Körper und der Zugang zur Welt sein soll.

Der Eingriff in den Körper

Heute ist uns dieser Begriff der Diätetik überwiegend fremd. Die Sexualität wird tendenziell als etwas begriffen, was sich natürlich Bahn bricht, was sich ereignet, aber weniger als bewusster Umgang mit sich selbst wahrgenommen wird. Bezüglich der Nahrungsaufnahme ist die Freiheit geblieben, zwischen verschiedenen Diäten auszuwählen, also zwischen unterschiedlichen Kostregimes. Wenn Diätetik im antiken Sinne als Lebenskunst verstanden werden kann, dann ist diese heute zu einem bestimmten Kostplan verkümmert. Die nahezu selbstverständliche Annahme, dass wir in Westeuropa als freie Bürger in einer freien Welt leben, ist mit diesem historischen Prozess von der Diätetik zur Diät unterhöhlt.

Den Idealen der Menschenrechte, der bürgerlichen Aufklärung (z.B. Ausgang aus einer selbst verschuldeten Unmündigkeit – Kant) und der Demokratie als neue Freiheiten korrespondieren möglicherweise neue Zwänge, mit denen die Subjekte reguliert und kontrolliert werden, vor allem über den Eingriff in den Körper. Auch das ist ein Grundgedanke von Foucault. Das Subjekt, das seine Regierung wählen darf, freie Meinungsäußerung besitzt und nicht willkürlich verhaftet werden darf, darf im Prinzip nicht darüber befinden, ob es schlank oder wohlbeleibt ist, ob es das Rauchen lassen oder nicht lassen soll. Denn im Falle der Entscheidung zur Wohlbeleibtheit drohen massive negative Sanktionen wie verbale Diskriminierung, schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Partnersuche. Die gesellschaftliche Thematisierung der Adipositas eignet sich vorzüglich zur Kontrolle der Körper und das nicht nur in unserer Zeit, sondern auf die unterschiedlichsten Weisen in der gesamten abendländischen Geschichte.

Diätetik

Die Diätetik, von Hippokrates fundiert (460 – 377 v. Chr.), umfasst die gesamte Lebensweise hinsichtlich dessen, was gesundheitsförderlich oder – abträglich ist. Sie bezieht sich auf die Bereiche Übungen, Speisen, Getränke, Schlaf und sexuelle Beziehungen. Die bekannteste Systematisierung der Diätetik stammt von Galen von Pergamon (2. Jahrhundert n. Chr.). Sein System hat die abendländische Medizin 1500 Jahre lang beherrscht. Galen unterscheidet zwischen den „res naturales“, also den natürlichen Dingen, die die Gesundheit des Menschen ausmachen, den „res contra naturam“, also den Dingen, die die Gesundheit geschädigt haben, und den „res non naturales“, also den nicht natürlichen Dingen, die aus den Lebensbedingungen bestehen:

  1. Licht und Luft
  2. Essen und Trinken
  3. Bewegung und Ruhe
  4. Schlafen und Wachen
  5. Stoffwechsel
  6. Gemütsbewegungen

Galen hat sich die Frage gar nicht gestellt, ob eher die Umweltverhältnisse gesund bzw. krank machen oder das Individuum hierfür verantwortlich ist. Er umgeht das heute heiß diskutierte Problem, ob eher Verhaltens- oder Verhältnisprävention präferiert werden sollen, indem er selbstverständlich beides einbezieht. So ist für Galen die Bestimmung des Ausmaßes an sexueller Aktivität oder die Wahl der Getränke im Rahmen der Diätetik nicht abzulösen von der Berücksichtigung klimatischer oder jahreszeitlicher Bedingungen. Für Hippokrates oder Galen steht Gesundheit bzw. Krankheit in einem hoch komplexen System zahlreicher Dimensionen. Die naturwissenschaftliche Medizin, die die Diätetik als vorherrschendes Modell im 19. Jahrhundert abgelöst hat, hat mit dieser Komplexität Schluss gemacht und Umweltbedingungen und psychosoziale Faktoren tendenziell ausgeklammert. Allerdings darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, dass dieses Ausklammern einen ungeheuren Innovationsschub für die Medizin bedeutet und so manches Leben gerettet hat. Somit gibt es eine erste Antwort auf die Frage, wie aus der Diätetik eine Diät geworden ist: durch Reduktion von Komplexität. So wie heute ein Medikament den Kopfschmerz besiegen soll, so soll heute eine bestimmte Diät Gesundheit und ewiges Leben gewährleisten.

Hippokrates und Galen hätten nicht nur über diese Reduktion den Kopf geschüttelt, sie wären auch verwundert gewesen, dass normativ ein rechtes Maß (die gesamte Diätetik kreist um das rechte Maß) für alle Menschen aufgestellt wird, wie z. B.: „Das Idealgewicht ist mit der höchsten Lebenserwartung verbunden. Alle Menschen müssen das Idealgewicht erreichen.“ Die Diätetik ist dagegen individuumszentriert. Für sie gibt es das rechte Maß nur unter Berücksichtigung des jeweiligen Individuums. Im Sinne der Diätetik dürften einige Menschen durchaus ein bisschen mehr wiegen und würden damit ihre Gesundheit schützen. Die sich im 19. Jahrhundert durchsetzende Normierung hat damit Schluss gemacht.

Lesen Sie im nächsten Teil: Warum der BMI illiberal und willkürlich ist

 

 

Über den Autor: Christoph Klotter ist Professor für Ernährungspsychologie und
Gesundheitsförderung an der HS Fulda und Psychologischer Psychotherapeut. Er lebt in Berlin. (Foto: Hochschule Fulda)

 

 

Wir danken außerdem dem Springer-Verlag (SNCSC) für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung. Dieser Text erschien zuerst im Buch „Fragmente einer Sprache des Essens“  (2014) von Christoph Klotter.




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