Globalisierung im 13. Jahrhundert (nach Janet Abu-Lughod Before European Hegemony: The World System A.D. 1250–1350) Derfel73 at en.wikipedia / File:WorldMap.svg

Patentrezepte gegen Pandemien?

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Glaubt man den Populisten von links und rechts, dann gibt es einen ganz einfachen Weg, um Pandemien ihren Schrecken oder sogar ihre Grundlage zu entziehen: Globalisierung zurückdrehen, Nationalstaaten stärken, Grenzen dicht machen, Kapitalismus abschaffen. 

An der Pandemie sind Globalisierung und Kapitalismus schuld, kann man derzeit in den Feuilletons zahlreicher Medien lesen. Die Welt wäre mit mehr Regionalität, weniger Welthandel, bescheidenerem Lebensstil und Umverteilung von Reichtum besser dran. Dann würden Pandemien es schwerer haben und überhaupt sei die Welt ohne Kapitalismus ein besserer Ort.

Gegen solche Behauptungen stehen schon die simplen Fakten. Globale Seuchenzüge gibt es mindestens seit der Bronzezeit, als der Mensch begann, sich über die Welt auszubreiten und Tauschhandel über weite Strecken zu betreiben. Jahrhunderte vor dem Aufkommen von Kapitalismus und „Neoliberalismus“, als es noch Stadtstaaten und alle paar Kilometer Grenzen, Zollhäuschen und Stadttore gab, die bei Sonnenuntergang zugesperrt wurden, rafften Cholera, Lepra, Milzbrand, Pest, Pocken, Syphilis, Tuberkulose und Typhus in wiederkehrenden Wellen Millionen Menschen dahin.

Wahr ist natürlich, dass die Ausbreitung heute vor allem dank des Flugverkehrs schneller stattfindet als im Mittelalter. Was Globalisierung und hochgradige Vernetzung aber auch bewirken, ist der rasche Austausch von Ideen und Technologien. Nur deswegen war es in Rekordzeit möglich, das neue Virus zu isolieren, zu sequenzieren, sein Verhalten kennenzulernen und Abwehrstrategien zu entwickeln. Der Wissenschaftsjournalist Sascha Karberg hat das im Tagesspiegel ausführlich gewürdigt.

Kapitalistische Risikotechnologie

Es war aber nicht nur die Globalisierung, sondern auch der Kapitalismus, der die rasanten Fortschritte von Medizin und Biowissenschaften der letzten Jahre vorangebracht hat. Hätten die ewigen Apologeten eines anderen Wirtschaftens, einer anderen Gesellschaft und einer anderen Medizin sich im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts durchgesetzt, hätten wir heute keine Biotechnologie und keine Möglichkeit, dem neuen Virus etwas entgegenzusetzen.

Grüne und Linke begriffen die Technologie damals als Werkzeug, mit dem der Kapitalismus sich jedes Individuum nicht nur ökonomisch, sondern auch biologisch unterwerfen werde. Genmanipulation sei Hybris, die Biotechnik werde Arbeitsplätze wegrationalisieren, sie sei der Totengräber der Demokratie und der Weg in die autoritäre Technokratie. Mit Gentechnik werde eine unsolidarische Gesellschaft geschaffen, in der Menschen mit Krankheiten oder nicht „verwertungsgerechten“ Dispositionen aufgrund ihrer Gene identifiziert und ausgesondert würden. Pharmakonzerne würden Supermenschen und maßgeschneiderte, willige Untertanen heranzüchten. Die Medizin werde die letzten Reste ihrer Menschlichkeit verlieren und sich nur noch an kapitalistischen Verwertungsinteressen orientieren. Frauen würden zu Gebärmaschinen für optimierte Nachkommen herabgewürdigt oder alternativ ihrer Mutterschaft beraubt, weil es schon bald künstliche Gebärmütter geben werde, in denen das Untertanenheer der Zukunft herangezogen würde. Zudem würden die genmanipulierten Bakterien unweigerlich aus dem Labor entkommen und den Planeten verwüsten. Gentechnik besitze ein inhärentes Potential für den Super-GAU (größter anzunehmender Unfall) und sei daher so gefährlich wie die Atomtechnologie.

Als das erste gentechnisch erzeugte Medikament, das rekombinante Insulin, schon vier Jahre zugelassen war, beschlossen die Grünen auf ihrer Bundesversammlung in Hagen nahezu einstimmig:

„Die Grünen halten die Gentechnologie für ökologisch, medizinisch, volkswirtschaftlich und ethisch nicht vertretbar. Die Grünen lehnen Gentechnik in allen Anwendungsgebieten entschieden ab. Wir fordern ein Verbot der industriellen und industriefinanzierten Nutzung gentechnischer Methoden in Forschung und Produktion. Wir fordern den sofortigen Stopp der Verwendung öffentlicher Gelder zur Finanzierung gentechnischer Forschung und ihrer Anwendung in allen Bereichen.“ (Grundsatzbeschluss zur Gentechnik, Bundesversammlung der Grünen, Hagen 1986)

Gentechnik sollte also nicht nur der Industrie verboten werden, sondern auch der Forschung. Diese Position wurde fast zwei Jahrzehnte beibehalten. Gentechnik wurde als Fehlentwicklung von Wissenschaft und Technik in der Industriegesellschaft begriffen. 

1990 folgte die Kampagne „Verfassungsklage gegen das Gentechnikgesetz“, 1997 – inzwischen waren fast ein Dutzend gentechnisch hergestellte Medikamente zugelassen, die Menschen mit Diabetes, Gerinnungsstörungen, Schlaganfall, Gaucher-Syndrom, multipler Sklerose und anderen schwerwiegende Erkrankungen halfen – hieß es auf einem Gentechnik-Kongress der Grünen, die Gen-Medizin sei wie die klassische Medizin „weitgehend erfolglos“. Verkannt werde, dass Krankheiten auch soziale Ursachen hätten und Krebs durch Pestizide verursacht würde. Prävention und Alternativmedizin würden vom „Diktat der Wirtschaftsordnung“ nicht zugelassen. Notwendig sei ein „ökologischer Umbau“ des Gesundheitswesens mit Förderung von „Alternativmedizin“ und „Homöopathie“.

Kompromissbereit wurden die Grünen erst nach ihrem vorübergehenden Ausscheiden aus dem Bundestag und dem anschließender Eintritt in die rot-grüne Koalition unter Führung des Pragmatikers Gerhard Schröder – und auch nur beim Thema Gentechnik in der Medizin.

Auf anderen Feldern, vor allem bei gentechnischen Anwendungen in der Pflanzenzucht, wird die krasse Realitätsverweigerung von einem maßgeblichen Teil der Grünen unbeirrt und mit dem gleichen Argumentationsmuster („gefährlich, überflüssig, nutzt nur den Großkonzernen, es gibt bessere Alternativen, es ist eine Fehlentwicklung der Industriegesellschaft, wir fordern das umfassende Verbot“) fortgeschrieben. Noch im letzten Jahr versuchte die Fraktion der Grünen im Bundestag, die öffentliche Finanzierung gentechnischer Grundlagenforschung an Pflanzen zu skandalisieren. Die Grünen lehnen sogar Projekte wie den Goldenen Reis ab. Dabei handelt es sich um ein vollständig nicht-kommerzielles Projekt, mit dem jährlich hunderttausenden Kindern das Augenlicht und das Leben gerettet werden könnte. Auch die Liebe zu „Alternativ“-Medizin und Homöopathie ist bei großen Teilen der Partei nicht erloschen. Der Eiertanz um den Homöopathieantrag, ebenfalls im letzten Jahr, hat das deutlich gezeigt.

Entwickelt hat sich die Biotechnologie fernab von den Bedenkenträgern und Verhinderern vor allem in den USA, in den Hotspots an der Ost- und Westküste, wo es mutige Investoren gab, die Unsummen an Risikokapital in die Technologie steckten, weil sie an ihr Potenzial glaubten, und die trotz zahlreicher Rückschläge und Enttäuschungen an dieser Überzeugung festgehalten haben. Es war also vor allem der amerikanische Erzkapitalismus, der dafür gesorgt hat, dass wir heute binnen Stunden und Tagen Viren sequenzieren, Ansatzpunkte für Therapien finden und mögliche Wirkstoffe im Hochdurchsatzverfahren screenen können.  

Von den Horrorszenarien, die in Deutschland ein knappes halbes Jahrhundert nach dem Aufkommen von Gentechnik und Genmedizin noch immer nachhallen, ist keines eingetroffen. Stattdessen haben wir biotechnologische Prozesse, die Rohstoffe und Energie einsparen und die Umwelt schonen. Wir haben eine völlig neue Medizin, die statt Symptomen Krankheitsursachen bekämpft und sogar die ersten genetisch bedingten Krankheiten ausheilen kann. Es gibt wirksame Medikamente gegen AIDS, Ebola und andere Schrecken der Menschheit, Impfstoffe gegen alle möglichen Erkrankungen und es gibt Nahrungspflanzen, die dank Gentechnik widerstandsfähiger und produktiver sind als je zuvor.

Pharmaindustrie – nein, danke!

Gewirkt haben die gebetsmühlenartig wiederholten Anwürfe gegen die „Gentechnik-Industrie“ dennoch. Kaum eine Industrie hat in Deutschland ein schlechteres Image als die Pharmaindustrie: Die „weiße Mafia“ verabreicht uns „tödliche Medizin“, „Pillen-Konzerne“ „manipulieren“ uns, „profitgierige Pharmaunternehmen“ setzen unsere Gesundheit „vorsätzlich aufs Spiel“, „Raubritter der Gesundheit“ betrügen uns mit „erfundenen Krankheiten, fragwürdigen Impfungen und zweifelhaften Therapien“, das „Pharmakartell“ lässt „betrogene Patienten“ zurück und traktiert uns „mit Gift und Genen“ (alle Zitate aus Buch- und Filmtiteln der letzten Jahre). Praktischerweise stelle die gleiche Industrie krebserzeugende Pestizide und Krebsheilmittel her, um doppelt zu verdienen, schrieb 2019 die taz. 

Die Folge waren immer neue Auflagen für die Produktion von Chemikalien und Medikamenten sowie für Tierstudien. Jede gentechnisch veränderte Maus gilt als Tierversuch, auch wenn zeit ihres Lebens nicht ein Experiment mit ihr durchgeführt wird – ein willkommener Anlass für grüne Populisten, „immer mehr Tierversuche“ zu skandalisieren. Hinzu kamen ausufernde Zulassungsverfahren für den Neubau oder die Erweiterung bestehender Anlagen. Sie führten dazu, dass Grundlagenforschung, gentechnische Produktion und klinische Erprobung ins Ausland verlagert wurden und Grundstoffe für Medikamente nicht mehr in Deutschland oder Europa zu produzieren, sondern aus Indien und China zu beziehen.

Dort sind behördliche Auflagen, Steuerbelastung und Arbeitskosten wesentlich geringer, so dass Arzneimittelgrundstoffe zu Preisen angeboten werden können, mit denen europäische Firmen nicht mithalten können.

Hinzu kamen massive staatliche Eingriffe in die Preisgestaltung von Arzneimitteln: Festbeträge, Zwangsrabatte, Arzneimittelhöchstbeträge, das europäische Vergleichspreissystem usw. Wenn nur ein oder zwei große Krankenkassen mit demselben Hersteller Verträge abschließen, wie das heute üblich ist, muss der Hersteller, der den Vertrag erhält, Rabatte einräumen, hat aber dafür einen Marktanteil von weit über 50 Prozent und ein sicheres Geschäft. Die, die leer ausgegangen sind, können gar nicht anders, als sich aus der Produktion zurückzuziehen, weil der Markt für sie zu klein geworden und die Produktion nicht mehr rentabel ist. So wurden Monopole geschaffen. Darauf haben auch die wissenschaftlichen Dienste des Bundestages bereits hingewiesen.  Auch das Referenzpreissystem, das selbst bei noch patentgeschützten Arzneimitteln zur Preisanpassung nach unten führt, hat dazu beigetragen, die Produktion ins Ausland zu verlagern.

Derzeit umfasst die Datenbank des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte mehr als 350 Arzneimittel mit Lieferengpässen. Das Thema beschäftigt die Fachpresse seit Jahren, ohne dass etwas geschehen ist.

2018 fehlten bei den zwangsweise rabattierten Arzneimitteln 9,3 Millionen Packungen – fast doppelt so viele wie 2017.

Versagt haben auch hier weder Kapitalismus noch Markt, sondern die staatlich verwaltete und gelenkte Gesundheitsbürokratie.

Und wenn wie jetzt Indien den Export von mehr als zwei Dutzend Wirkstoffen einschränkt, hat Europa dem nichts entgegenzusetzen.

Weder Globalisierung noch Kapitalismus haben also versagt. Ganz im Gegenteil haben sie trotz aller Widerstände in den letzten Jahrzehnten die Möglichkeiten dafür geschaffen, dass wir dem neuen Coronavirus überhaupt etwas entgegenzusetzen haben und dass wir das mit einer Geschwindigkeit und mit Technologien tun können, die wir vor zehn Jahren noch nicht zur Verfügung hatten.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit, 2020 das Sachbuch "Winzig, zäh und zahlreich - ein Bakterienatlas" bei Matthes & Seitz. Ludger Weß kommentiert hier privat.