Ein Vulgärpazifist namens Jung

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Der Journalist Tilo Jung hängt einem simplen politischen Weltbild an, in dem die Rollen von Tätern und Opfern klar verteilt sind. Politische Substanz? Nicht vorhanden.

Deutschland ist Heimat vieler kluger Köpfe in der Außen- und Sicherheitspolitik. In zahllosen unabhängigen Think-Tanks, hochkarätigen Beratergremien und in den Parteistiftungen ballen sich  beeindruckende Expertise und ein gerüttelt Maß an politischem und strategischem Sachverstand, die gemeinsam das Potenzial hätten, der deutschen Politik und der öffentlichen Debatte wertvolle Impulse zu geben.

Wie gesagt: Hätten. In der Praxis genügt nämlich schon ein Tweet von Tilo Jung, um das erschreckend niedrige Niveau offenzulegen, auf dem hierzulande über Sicherheitspolitik diskutiert wird. Das gilt auch jetzt, da Krisen wie in der Straße von Hormus Deutschland eigentlich ein klares Bekenntnis für oder gegen die Übernahme internationaler Verantwortung abverlangen, von der gern und viel gesprochen wird, solange sie nichts kostet.

Aber Bedrohung des freien Welthandels und iranische Aggression hin oder her: Wenn der Mario Barth des junggebliebenen Netzjournalismus anrollt, können Langweiler wie der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag oder der Transatlantik-Koordinator der Bundesregierung einpacken. Dass Tilo Jung gern auch dann klar Position bezieht, wenn seine Kenntnis der Materie bestenfalls oberflächlich ist, stellte er bereits 2018 durch ein hagiographisches Interview mit der von ihm so betitelten „Friedensaktivistin“ Ahed Tamimi unter Beweis, deren Claim to Fame in wiederholten körperlichen Übergriffen auf israelische Soldaten und der Forderung nach einer Einstaatenlösung bestanden. Mit einem Engagement für Frieden konnte das schon damals nur verwechseln, wer selbst im demokratischen Israel den Wiedergänger der südafrikanischen Rassentrennung erkannte.

Jungs Irrlichterei mag jedoch weniger auf bösen Willen als vielmehr auf eine zur undurchdringlichen Selbstgewissheit verhärtete Ahnungslosigkeit zurückzuführen sein. Und so fällt er auch heute noch regelmäßig den Kriegstreibern dieser Welt in den Arm, zuletzt gestern auf Twitter:

Ganz klar: Wenn das eigene Weltbild nur aus einen kriegslüsternen Westen hier und wehrlosen Opfern wie dem Iran da besteht, ist es logisch, dass ein Julian Reichelt, der sein Unverständnis über das kolossale Desinteresse der Exportnation Deutschland an der Behinderung des freien Warenverkehrs durch den Iran ausdrückt, notwendig ein Imperialist sein muss.

Applaus von der nationalpazifistischen Fanbase

Bei Jungs von jeder Kenntnis der Realitäten internationaler Politik unbefleckten nationalpazifistischen deutschen Fanbase verfing das super. Ihr war egal, dass sein Tweet in der Sache völliger Unsinn war: Wenn nämlich eine Schutzmission für Handelsschiffe in internationalen Gewässern tatsächlich Imperialismus ist, dann ist die Zeit gekommen, um den Begriff ganz neu zu denken.

Imperialismus wäre es nach dieser Lesart bereits, wenn einem Land wie dem Iran, das seit Langem durch eine so unberechenbare wie aggressive Außenpolitik auffällt, mit Skepsis und Misstrauen begegnet wird.

Imperialismus wäre es außerdem, wenn Deutschland zum Schutz der Handelsrouten, von denen sein Wohlstand abhängt und deren Freiheit grundsätzlich von allen Beteiligten anerkannt wird, selbstständig, defensiv und im Verbund mit seinen Partnern tätig wird, anstatt wie sonst üblich seine Interessen von anderen wahren zu lassen und währenddessen permanent auf ihre politischen und moralischen Fehler hinzuweisen. 

Und Imperialismus der übelsten Sorte wäre es schließlich auch, wenn Deutschland, das pausenlos von der Sicherheit Israels redet, jenem Regime, das erklärtermaßen und in Wort und Tat die Vernichtung des jüdischen Staates anstrebt, mit mehr als tadelnden, aber folgenlosen Worten gegenübertreten würde.

Schurkenstaaten? Nie gehört.

Kurzum, Jung propagiert als „antiimperialistisches“ Wunschbild eine multilaterale Welt, in der alle Akteure sich, auch ohne Kontrolle, an geschriebene und ungeschriebene Regeln halten. Zwar genügt bereits ein flüchtiger Blick auf die Realität, um zu erkennen, dass es eine solche Welt nicht gibt, dass Kontrolle im Gegenteil bitter nötig ist und von irgendjemandem auch on the ground ausgeübt werden muss. Doch genau das darf nicht sein, weil, erraten: Imperialismus und Kanonenbootpolitik. Einseitige Abrüstung ist zwar gefährlich, aber eben nicht für uns.

Und so können Schurkenstaaten wie der Iran weiter nach Belieben in ihren Nachbarstaaten zündeln, ohne dass Friedensfreunde wie Tilo Jung daran etwas auszusetzen haben. Jungs Vulgärpazifismus ist das Paradebeispiel für einen politisch vollkommen substanzlosen Rigorismus, der nicht als Beitrag, sondern als Ende einer Diskussion gedacht ist und der nicht Stichpunkt, sondern Schlussstrich sein will. Worte wie „strategische Autonomie“ sollte in Deutschland angesichts solcher Auenland-Mentalität jedoch besser niemand im Munde führen. 

Maxim Biller schrieb einst über die Süddeutsche Zeitung, sie sei das „Zentralorgan des narzisstischen deutschen Linksreaktionärs“. Ob man sich diesem Urteil anschließen muss oder nicht, sei dahingestellt, Fakt ist aber: Biller könnte auch über Jung geschrieben haben. Nur ist der noch jünger und naiver.




Studierter Historiker aus München, leidenschaftlicher Kartensammler und im Brotberuf in der jüdischen Bildungsarbeit aktiv. Bestens vertraut mit der Rolle als liberaler Exot und Quotenkapitalist. Hier und bei den Ruhrbaronen schreibt er zu deutscher und amerikanischer Politik und Israel. Sein Motto: „Geheimratsecken wollen auch schön eingerichtet sein!“