Zwei Coronadiktaturen

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Unter Impfgegnern ist es mittlerweile üblich, alle Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-Seuche als diktatorisch zu bezeichnen; manche Ungeimpfte heften sich gar gelbe Sterne an und vergleichen sich mit Juden. Für uns ein Anlass, sich auszumalen, wie zwei wirkliche Diktaturen — die Nazi-Diktatur und die Sowjetunion unter Stalin — mit der Pandemie umgegangen wären.

Als erstes: Nazideutschland

Eintragung von Goebbels in seinem Tagebuch, Oktober 1938: “… erreichen uns Berichte von einer seltsamen Krankheit, die zu Fällen von schwerer Lungenentzündung führt, oft mit tödlichem Verlauf. Nach Absprache mit dem Führer haben wir beschlossen, nichts darüber verlauten zu lassen, um die Volksgenossen nicht unnötig zu beunruhigen …”

Schlagzeile des “Völkischen Beobachters” vom November 1938: “ES GIBT KEINE SEUCHE”. Unterzeile: “Ausländische Lügenpresse erfindet angebliches `Virus´”. Ende des ersten Absatzes: “… handelt es sich um eine von den Juden gesteuerte Kampagne, mit der von den wirtschaftlichen und anderen Erfolgen des Reiches abgelenkt werden soll …”

Bericht der Geheimen Staatspolizei, Dezember 1938: “… muss leider davon ausgegangen werden, dass das Virus längst innerhalb der Bevölkerung zirkuliert. Es wird nicht mehr lange möglich sein, dies zu verheimlichen, zumal schon Witze die Runde machen. Ein besonders geschmackloses Beispiel: Welche Tagesordnungspunkte werden bei einer Sitzung der NSDAP-Ortsgruppenleitung verhandelt? 1. Schnupfen, 2. Husten, 3. Fieber, 4. Röcheln, 5. Abkratzen. Natürlich wurde der Erzähler jenes infamen Witzes sofort ins nächstgelegene KL eingewiesen …”

Aus dem Tagebuch von Dr. Werner Cohn, Berlin-Steglitz, Januar 1939: “… ist es uns gelungen, mittels unserer neuen Methode einen Impfstoff herzustellen, von dem wir die Hoffnung haben dürfen, dass er einen guten, vielleicht sogar sehr guten Schutz gegen den neuen Erreger bietet. Leider ist es mir natürlich nicht möglich, meine Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, habe ich doch im vergangenen Jahr meine Approbation verloren. Ich habe die Formel also meinem ehemaligen Mitarbeiter Herrn Stramm zur Verfügung gestellt, der zwar nicht sonderlich intelligent, aber immerhin arisch und Parteimitglied ist …”

Aus dem Tagebuch von Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz, Mai 1940: “… wurde das Stramm-Vakzin an 50 polnische Häftlinge verimpft, die zuvor dem Erreger ausgesetzt worden waren. Nur zwei von ihnen erkrankten, keiner von ihnen schwer (während ich noch immer mit Symptomen der Infektion zu kämpfen habe). Natürlich wurden alle Probanden nach dem Versuch der Erschießung zugeführt …”

Eintragung von Goebbels in seinem Tagebuch, Juni 1940: “… geht uns Heinrich Himmler mit seinem Geschwafel auf die Nerven. Der Impfstoff, sagt er, dürfe nicht zum Einsatz kommen, da er ungermanischen Ursprungs sei. Er rät zu den bekannten Naturheilverfahren, die schon unsere Ahnen kannten: Kamillentee und Wadenwickel. Hat der Kerl nicht begriffen, dass wir einen Krieg zu gewinnen haben? Der Führer hat soeben die Durchimpfung der Wehrmacht angeordnet, und auch die Herrschaften von der SS werden sich über kurz oder lang bequemen müssen …”

Aus dem Tagebuch von Werner Cohn, Juli 1940: “… gestern den Deportationsbefehl erhalten Morgen müssen wir uns alle am Bahnhof Grunewald einfinden — Vater, Anna, Henriette, Susanna und ich. Glücklicherweise ist es meiner Mutter erspart geblieben, dies miterleben zu müssen, ist sie doch schon vor einem Monat der Seuche …” 

Verordnungsblatt der Gemeinde Weilheim an der Mosel, August 1940: “… hat sich die gesamte Bevölkerung morgen früh 8 Uhr zwecks Impfung am Adolf-Hitler-Platz einzufinden. Nichtarier sind von der Impfung selbstverständlich ausgeschlossen.”

Aus einer Urteilsbegründung des Volksgerichtshofs, Januar 1942: “… darf als zweifelsfrei erwiesen gelten, dass der Angeklagte aus Wehrmachtsbeständen Impfstoff entwendet und dem Feind hat zukommen lassen … Bolschewistenweiber und Juden … ohne Rücksicht auf die Interessen des Reiches … auch Essen zugesteckt … zum Tod durch den Strang verurteilt.”

Damit zur Sowjetunion

Aus einer Ansprache von Trofim Denissowitsch Lyssenko vor der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, April 1948: “… folgt zwingend, dass es keine sogenannten `Viren´ gibt, dass es sich bei `Viren´ vielmehr um eine Erfindung der bürgerlichen Wissenschaften handelt, die das ausdrückliche Ziel hat, die Lehrsätze des Marxismus-Leninismus-Stalinismus sowie die wirtschaftliche und wissenschaftliche Entwicklung der Sowjetunion zu untergraben. Da es keine sogenannten `Viren´ gibt, ist auch jene merkwürdige Grippe, über die in letzter Zeit im kapitalistischen Ausland so viel spekuliert wurde, ein reines Hirngespinst, und alle Gerüchte, wir hätten es mit einer `Seuche´ zu tun, sind ins Reich der Legenden und Märchen zu verweisen. Bekanntlich gibt es unter sozialistischen Bedingungen keine Seuchen mehr; vielmehr ist die Sowjetunion soeben mit der Verwirklichung des neuen Fünfjahresplan und der Erstürmung der Höhen der Kultur beschäftigt …”

Aus den Geheimakten des Kreml, Mai 1948: “Erwähnungen des sogenannten `Coronavirus´ sind verboten und werden mit Einlieferung in ein Arbeitslager bestraft. Die Verwendung des Wortes `Seuche´ ist mit sofortiger Erschießung zu ahnden. (gez.) Jossif Wissarionowitsch Stalin”

Aus einem internen Bericht des MSB, der Nachfolgebehörde des NKWD, August 1948: “… wurde bei einer Parteiversammlung in Wladiwostok beobachtet, dass die Genossinnen und Genossen allesamt einen Mund-Nasen-Schutz trugen, obwohl dies von Moskau ausdrücklich verboten worden war. Selbstverständlich wurden sofort Maßnahmen eingeleitet; die Hälfte der Teilnehmer jener Parteiversammlung wird sich vor Gericht verantworten müssen, während die andere Hälfte per Genickschuss darüber belehrt wurde, was es heißt, sich einer Direktive des Genossen Stalin zu verweigern! Leider finden sich nun nur noch wenige Genossinnen und Genossen, die gewillt sind, in Innenräumen an Parteiversammlungen teilzunehmen. Man wird sie also verpflichten müssen. Hieran ist problematisch, dass die Abteilung aus Gründen, die hier nicht auszuführen sind, leider momentan kaum arbeitsfähig ist und unser Dienststellenältester nicht mehr unter den Lebenden weilt …”

Aus dem Tagebuch einer Moskauer Krankenschwester: “… kam gestern der Erlass, Menschen mit Grippesymptomen, die an einer Lungenentzündung leiden, grundsätzlich nicht mehr aufzunehmen. Wir mussten also rund 80 Patienten abweisen, die sich bei uns eingefunden hatten; manche von ihnen waren kaum mehr fähig, Luft zu holen. Fünf Patienten starben auf dem Krankenhausflur. Leider sind vor einer Woche auch die Doktoren Popow, Fedorow und Abakumow der Seuche erlegen; auch die Schwestern Maria, Alina und Ekaterina sind nicht mehr unter uns; Gesichtsmasken und Schutzkleidung sind uns ja verboten, da es offiziell keine Seuche gibt. Möge Gott ihren Seelen gnädig sein! Ich habe seit heute vormittag Temperatur …”

Schlagzeile der “Prawda” vom Januar 1949: “ZIONISTISCHES ÄRZTEKOMPLOTT AUFGEDECKT!” Unterzeile: “Sie wollten uns alle mit ihrem `Impfstoff´ vergiften.” Aus dem Zeitungsartikel: “… nicht nur behaupteten die Ärzte, deren Nachnamen nicht zufällig Goldstein, Kagan und Moisewitsch lauteten, dass es sogenannte `Viren´ gebe, deren Nichtexistenz vom Genossen Lyssenko zweifelsfrei nachgewiesen wurde; sie wollten uns außerdem glauben machen, dass wir gegen jene nicht existenten `Viren´ dringend einer sogenannten `Impfung´ bedürften, obwohl der Genosse Lyssenko gezeigt hat, dass Seuchen nur unter kapitalistischen Bedingungen … dahinter steckt nichts weniger als ein internationales Komplott wurzelloser Kosmopoliten, die mit den faschistischen Hyänen in Washington ebenso wie mit mit den kleinbürgerlichen Nationalisten in Jerusalem … Mit Recht hat der Chefankläger, der Genosse Andrej Wyschinski, die Erschießung der Angeklagten gefordert, und der gerechte Zorn der Arbeiterklasse …”

Aus der Geheimrede von Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag 1956: “… bedauerliche Fehlentwicklung .. gewisse Entgleisungen … wird es uns hoffentlich schon in fünf Jahren gelingen, einen sozialistischen Impfstoff, der dem kapitalistischen ebenbürtig ist …”  




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".