Ein beliebter Spott über ARD und ZDF geht so: Sollten die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten in Zukunft nur noch ein Testbild mit der Nationalhymne ausstrahlen, würden sie bestenfalls ein Drittel ihrer Kosten einsparen. Der Rest geht für Gehälter und Pensionen drauf, für die Ausstattung von Chefetagen und teure Auslandsreisen. Inzwischen weiß man: Auch Audi A-8-Limousinen mit Massagesitzen gehören nach Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG zum öffentlich-rechtlichen Programmauftrag. Sie sind sichtbarer Ausdruck der inneren und äußeren Pressefreiheit. Irony off!

Machen wir es kurz: Das Debakel um den rbb und seine geschasste Intendantin Patricia Schlesinger ist ein GAU in der Geschichte von ARD und ZDF. Dabei geht es nicht nur um Dienstlimousinen, Beraterverträge und Massagesitze. Es geht um die Frage, inwieweit sich das gebührenfinanzierte Fernsehen von seinen ursprünglichen Werten und Ideen abgekoppelt hat. Anspruchsvolle Programminhalte hat man in die Spartenkanäle wie Arte oder 3sat abgeschoben. Dafür fließt viel Geld in den Einkauf von Sportrechten und grenzdebiles Unterhaltungs-Trallala. Ansonsten werden alte Filme abgespult, die rechtemäßig meist abgegolten sind.

Ein Blick in das Programm des rbb vom 22. August 2022 (Schulanfang) offenbart das ganze Elend: „In aller Freundschaft“ (Wiederholung von 2019). „Kesslers Expedition“ (Wiederholung von 2016). „Der Vamp im Schlafrock“ (Wiederholung von 2012). „Der rasende Reporter (Wiederholung von 1999). „Morden im Norden“ (Wiederholung von 2012). “Unser Sandmännchen“ (Wiederholung von 2016). So geht es weiter: Stunde für Stunde, Tag für Tag. Der ehemalige Vorsitzende des Journalistenverbandes Berlin-Brandenburg (JVBB), Hans-Peter Buschheuer: „Das Tagesprogramm des rbb-Fernsehens besteht zu gefühlt 90 % aus Wiederholungen. Nur drei Stunden von 18 bis 21 Uhr werden aktuell bestückt. Der Rest sind olle Kamellen.“ Staubfänger und Regalware!

Dabei haben die anderen IntendantInnen, allen voran Tom Buhrow (WDR), längst erkannt, wie toxisch die Affäre Schlesinger inzwischen für den ganzen Senderverbund ist. Nachdem im rbb mehr Köpfe gerollt sind als beim Stern nach den Hitler-Tagebüchern, versuchen sie panisch eine maximale Distanz zu ihrem Berliner Satelliten aufzubauen. Inzwischen hat man sich von der gesamten Chefetage distanziert, auch nachdem neue Informationen über ein internes Bonus-System für Führungskräfte sowie fragwürdige familiäre Verquickungen bekannt wurden. Dieser Vertrauensentzug ist einmalig in der Geschichte der ARD. Der rbb ist zum Schmuddelkind der Branche geworden.

Doch das ist nicht ganz fair. Denn erstens würde sich bei entsprechender Recherche auch in den anderen Sendern das eine oder andere Millionen-Grab auftun und zweitens ist der rbb ein Zusammenschluss von SFB und ORB aus dem Jahr 2003. Doch während der ORB aus Brandenburg in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder neue und innovative Formate auf den Markt geworfen hat – etwa den Jugendsender „Fritz“ oder „Radio Eins – nur für Erwachsene“ –  befindet sich der SFB, beheimatet im Westteil Berlins, seit knapp 70 Jahren in einer Art Wachkoma. Der Sender mit der höchsten Einfaltsquote war jahrelang ein Abklingbecken für ausgebrannte Alt-Redakteure. Höhepunkt des Tages: die Abendschau mit Hans-Werner Kock, der seine leidgeprüften Zuschauer mit der Abschiedsformel „Macht’s gut, Nachbarn!“ ins Bett schickte.

Anstalt – im medizinischen Sinne

Wer jemals für den SFB gearbeitet hat, versteht das Wort „Anstalt“ im überwiegend medizinischen Sinne. Dafür können natürlich die Autoren und Moderatoren nichts, vor allem nicht die „Freien“. Sie sind die Leidtragenden eines Systems, das man mit Friedrich Glausers Romanklassiker „Matto regiert“ relativ präzise umschreiben kann, also dem Leben in einer Irrenanstalt.

Das heimliche Zentrum der Berliner Anstalt (ehemals SFB) war die Kantine. Suchte man einen Redakteur, um Projektdetails zu besprechen. Wo fand man ihn? In der Kantine. War für eine Überspielung der MAZ-Mann nicht am Platz. Wo fand man ihn? In der Kantine. Suchte man einen Beleuchter, um das Kopflicht für einen Interviewpartner neu einzustellen. Wo fand man ihn? In der Kantine.

Selbstverständlich waren die Chefs nie in der Kantine. Die waren – wo sonst? – in der Chefetage, wo man als einfacher Autor nie oder nur mit 10 Sondergenehmigungen Zutritt hatte. Dafür tauchten sie ungefragt auf, wenn es mal um was Wichtiges ging, etwa um die Abnahme einer längeren Dokumentation, um möglichst als Vollender Schrägstrich Retter Schrägstrich Genie mit durchs Ziel laufen zu dürfen. Dann wanzten sie sich in die engen Vorführkabinen, wo sie ächzend und stöhnend unfassbar dumme Sätze von sich gaben: „Also mal ehrlich, ich finde diese Fassung nicht wirklich essayistisch …“ Dann nach tagelangem Umschnitt – den mangelnden Essayismus betreffend – vollkommen schmerzfrei und triumphal: „Wissen Sie was. Diese Fassung ist mir einfach zu essayistisch …“ – ehe sie grußlos zu irgendeinem wichtigen Essen verschwanden.

Skandal zur Unzeit

Zu ganz großer Form liefen sie auf, wenn es um die ARD-Schaltkonferenz ging, kurz „Schalte“ genannt, zu der man als Co-Autor einer senderübergreifenden Doku-Serie hinzu zitiert wurde, um Detailfragen beantworten zu können. Das Schaltinstrument sah noch um die Jahrtausendwende aus wie ein Volksempfänger der Dreissiger Jahre. Er war aus Holz, hatte seltsame Drähte hinten raus, machte krächzende Geräusche und schien nicht immer zu funktionieren, so dass man Hauptabteilungsleitern dabei zusehen konnte, wie sie auf den Schaltkästen herumhämmerten, ehe sie wütend einen Techniker riefen, der ihnen erklärte, dass in den anderen Sendern gerade katholischer Feiertag ist und die „Schalte“ daher ausfiele. Derzeit wird der rbb zu gar keiner Schaltkonferenz mehr eingeladen. Das trifft sich gut, auch weil die „Schalte“ vermutlich nicht mehr über Volksempfänger, sondern über Microsoft Teams abgewickelt wird.

Für die Öffis kommt der Schlesinger-Skandal zur Unzeit! Nicht nur, dass die Rechtspopulisten Sturm gegen den angeblich „links-grün versifften Staatsfunk“ laufen, auch der Normalbürger hadert mit der sogenannten „Zwangsabgabe“. Dazu kommt die die Konkurrenz aus den Streaming-Diensten Netflix & Co., die dem analogen Fernsehen den Kampf angesagt haben. Warum, fragen sich viele, muss ich Geld dafür bezahlen, dass ich ein Programm sehe, das mich nicht interessiert und zu Zeiten läuft, wo ich anderes zu tun habe.

Vor etlichen Jahren hielt Apple-Chef Steve Jobs bei einer internationalen Konferenz der Fernseh-Gewaltigen eine Keynote-Rede: „Ich sehe tote Menschen“, begrüßte er die leicht irritierten Anwesenden – in Anlehnung an den Film „The Sixth Sense“. Ganz so schlimm ist es nicht gekommen. Die meisten haben Steve Jobs überlebt. Aber der Count Down läuft – vor allem in Deutschland. ARD und ZDF haben nur dann eine Chance, wenn sie den Programmauftrag ernst nehmen und mit guten Sendungen punkten und nicht mit schlechter Presse.