Seit es ihn gibt, ist der 3. Oktober in Deutschland ein ungeliebter Feiertag. Das kann und sollte man womöglich bedauern, es hat in jedem Fall nachvollziehbare Gründe wie die mangelnde Tradition des Datums und die alle Jahre wieder hölzernen Einheitsfeiern. Nachdem die historische Errungenschaft der Wiedervereinigung, an die der Tag erinnern soll, inzwischen auch generationell bald verjährt ist, stellt sich die Sinnfrage rund um Nationalfeiertag heute mit wachsender Dringlichkeit.

Gerade rechtzeitig kommt deshalb Timothy Snyders sehr lesenswerter Beitrag „Ukraine Holds the Future“ in der aktuellen Ausgabe von Foreign Affairs, der auch für das deutsche Selbstverständnis richtungweisend sein kann – und das, obwohl Snyder sich darin gar nicht mit Deutschland beschäftigt, sondern mit dem aktuellen und historischen Kampf um Selbstbestimmung: Mit Einigkeit und Recht und Freiheit außerhalb unserer Grenzen, wenn man so will. Im Zentrum steht der Vergleich zwischen der Ukraine unserer Tage und der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit, die beide von imperialen Nachbarn überfallen wurden und auf Unterstützung von außen angewiesen waren. Während die ČSR aber im Moment der Not von ihren Verbündeten fallengelassen wurde und sogar „ihre Führungsriege sich verhängnisvollerweise für das Exil statt für den Widerstand entschied“, sei die Ukraine unserer Tage nicht allein – und in ihrem Kampf ein so gleißend helles Fanal für den Glauben an Demokratie und Selbstbestimmung in einer Ära des Autoritarismus, dass es manchen Zeitgenossen schier blenden müsse. Wo die Feigheit der freien Länder der Tyrannei 1938 den Weg ebnete, mit allen bekannten Folgen, sei der Kampf heute zumindest offen.

Blick für das große Ganze

Es dürfte den Deutschen an diesem 3. Oktober noch schwerer fallen als sonst, in Feierlaune zu kommen, Krieg und wirtschaftliche Malaise drücken aufs Gemüt. Aber gerade jetzt bietet Snyders Analyse den dringend nötigen Blick auf das größere Ganze: Auch wenn das „Ende der Geschichte“ wieder abgeblasen ist, darf nicht vergessen werden, dass wir, also der Westen und darin segensreicher- wie unverdienterweise auch Deutschland, in dieser Fortsetzung der Geschichte eine Rolle zum Guten zu spielen haben. Imperialismus und korrupter Nihilismus bleiben heute nicht unwidersprochen, sie treffen auf klaren Widerstand – unseren. Während Prag damals nach einem Tag fiel, ist Kiew im achten Monat des Krieges zum Sieg entschlossener denn je.

Die historische Prüfung hat so niemand gewollt, zu bestehen haben wir sie trotzdem. Mit der Kleinherzigkeit derer zu reagieren, die bereitwillig andere für sich leiden lassen und das im grotesken Ruf nach „Frieden mit Russland“ verpacken, gerade so, als ob Russland selbst Frieden wollte, ist ein neuer Weg in alte Feigheit. Wer für die eigene Totenruhe so weit geht, der hat auch am 3. Oktober nichts zu feiern. Allen anderen, die Geschichte konkret verstehen und nicht abstrakt entsorgen und die wie Ilko-Sascha Kowalczuk im Zweifel die Freiheit dem Frieden vorziehen, dürfen sich an diesem Tag inspiriert fühlen: Den Kampf für die Einigkeit der Demokratien, für das Recht auf Selbstbestimmung und für die Freiheit der Menschen können wir in diesen unseren Tagen gemeinsam mit der Ukraine gewinnen.