Helden wie wir

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Die „Nazis raus!“-Welle tut keinem weh und vielen wohl. Außer man besitzt ein Gefühl für Peinlichkeit.

Eine TV-Journalistin verwendet (wie Tausende vor ihr) die alte Parole „Nazis raus!“ und wird dafür auf in den Sozialen Medien massenhaft von Rechtsradikalen angepöbelt. Als Reaktion darauf entsteht eine Welle der Solidarisierung mit der Journalistin. Zahlreiche Prominente, sogar Ministerpräsidenten, und noch zahlreiche Nicht-Prominente gehen mit dem Slogan „Nazis raus!“ an die Öffentlichkeit.

Man könnte sich freuen, dass so viele Menschen klar und deutlich ihre Ablehnung des Nationalsozialismus kundtun. Doch ist das so mutig, wie es in vielen Beiträgen anklingt? Es gibt Dörfer und Kleinstädte nicht nur in Sachsen und Brandenburg, in denen es sehr mutig wäre, mit einem Schild durch die Straßen zu laufen auf dem „Nazis raus!“ steht.

Antifaschisten oder Selbstdarsteller?

Tapfere Menschen haben dort sich dem braunen Pack entgegengestellt und dies mit ihrer Gesundheit, manche mit ihrem Leben bezahlt. Ihnen gebührt Hochachtung. Aber gilt das auch für massenhaftes antifaschistisches Twittern? Oder leihen sich da Selbstdarsteller gratis den Mut anderer aus? Unwillkürlich fällt einem das berühmte Johannes Gross Zitat ein: „Der Widerstand gegen Hitler und die Seinen wird umso stärker, je länger das Dritte Reich zurück liegt.“

Es gehört heute zu den angesagten Status-Accessoires ein paar Floskeln abzusondern und dies als Haltung zu verkaufen. Doch da so viele mutigen Widerstand mimen, wird das vermeintliche Unangepasst-Sein zum Massenphänomen. Die ganz große Mehrheit hält sich erstaunlicherweise für eine einsame aber tadellose Minderheit.

Dieser Trend kam Mitte des 20. Jahrhunderts auf, als die politische Propaganda eine Kehrtwende machte. In den Zeiten davor war es üblich, die eigene Macht und Unbesiegbarkeit zu beschwören. Kaiser Wilhelm und Co. wäre nicht in den Sinn gekommen, sich selbst als klein und schwach darzustellen. Dies hat sich gründlich verändert. Den Vietnamkrieg wurde vom Regime in Hanoi auch deswegen gewonnen, weil sich im Westen das Narrativ durchsetzte, ein übermächtiges Imperium unterwerfe ein kleines hilfloses Land.

Das eingebildete Opfer

Heute geht es im politischen Streit längst nicht mehr darum Stärke zu demonstrieren, sondern die eigene moralische Überlegenheit dadurch zu unterstreichen, dass man sich einer Übermacht entgegenstellt. Meister in dieser Kunst sind die Anhänger von Verschwörungslegenden. Sie schaffen es im raunenden Flüsterton so zu tun, als wäre CIA, Mossad und Angela Merkel persönlich hinter ihnen her. Und es fällt ihnen nie die einfache Frage ein, warum sie noch am Leben sind, wenn diese Allmächtigen sie ernsthaft beseitigen wollten.

Sehr gut gelingt diese Attitüde auch der AfD, die alles tut, um das Image der Ausgestoßenen und Unterdrückten zu pflegen. Obwohl die aufrechten Abendlandretter im Bundestag und den Landtagen sitzen und wie alle anderen die üppige Finanzierung von Parteien und Parteistiftungen genießen. Obwohl in den Talkshows AfD-Funktionäre unentwegt ihr Weltbild ausbreiten und am Zeitungskiosk inzwischen etliche AFD-nahe Magazine feilgeboten werden. Von den Sozialen Medien ganz zu schweigen, in denen AfD-Anhänger die Lufthoheit erobert haben.

Die, die ihre Berufung in Kampf gegen rechts finden, präsentieren sich spiegelbildlich in der Pose von NS-Widerstandkämpfern. Was eine posthume Beleidigung der Frauen und Männer darstellt, die tatsächlich Widerstand geleistet haben. Im warmen Sessel am Laptop die zwei Worte „Nazis raus!“ tippen, ist weder falsch noch schlecht. Jedoch ist es – sorry – so ziemlich das Läppischste, was man gegen Demokratiegegner von rechts tun kann.

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Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.