Ethel und Julius Rosenberg (1951) Roger Higgins / gemeinfrei

Über den Verrat

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Haben wir es bei Familie Trump mit Patrioten ganz eigener Sorte zu tun?

Hat sich das Ehepaar Rosenberg des Verrats schuldig gemacht? Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht hier nicht um die Frage, ob Julius und Ethel Rosenberg, die am 19. Juni 1953 in Sing Sing auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurden, Geheimnisse an die Sowjetunion weitergegeben haben. Mittlerweile kann (nach Jahrzehnten der kommunistischen Propaganda, in der das Märchen von der blütenweißen Unschuld der Rosenbergs verbreitet wurde) jeder die Fakten wissen. Sie stehen schwarz auf weiß in den sowjetischen Archiven.

Ja, Julius Rosenberg hat Informationen über Atomwaffen nach Moskau übermittelt und damit dazu beigetragen, dass von nun an die Amerikaner unter dem Damoklesschwert der atomaren Vernichtung leben mussten. Außerdem verriet er hochgeheime Informationen über Radar und Sonar und Düsentriebwerke. Und Ethel Rosenberg war keineswegs die unwissende Ehefrau, als die ihre mittlerweile erwachsenen Kinder sie beschreiben. Sie ging ihrem Mann als Komplizin zur Hand, versteckte Geld für ihn, half ihm, die Kommunikation mit den Sowjets aufrechtzuerhalten, half ihm, andere Spione zu rekrutieren. Die Rosenbergs waren zweifellos schuldig im Sinne der Anklage.

Trotzdem erhebt sich die Frage: Haben die Rosenbergs sich in ihren eigenen Augen des Verrats schuldig gemacht? Und hier lautet die Antwort selbstverständlich: Nein. Schließlich gehörte ihre Loyalität nicht den Vereinigten Staaten von Amerika, sondern dem Kommunismus. Die Vereinigten Staaten sahen sie im besten Fall als ein Land, das dereinst, nach der sozialistischen Revolution, die Ideale seiner Gründerväter verwirklichen würde. Schlimmstenfalls waren die USA für sie die Zentrale des Kapitalismus, die man nach Kräften schädigen musste.

Ihre Loyalität galt nicht den USA

Wenn sie hochgeheime militärische Informationen an die Sowjets weitergaben, taten die Rosenbergs dies im Interesse des Weltfriedens: So lange nur Washington, also der Klassenfeind, über die Atombombe verfügte, war die Welt nicht im Lot. Es mussten unbedingt auch die Herren des GULag über das ultimative Mordwerkzeug verfügen. Wen haben die Rosenbergs als Verräter betrachtet? Linke wie Manès Sperber, die nach den Moskauer Schauprozessen mit dem Kommunismus brachen. Oder Leute, die nach dem Ribbentrop-Molotow-Pakt ihr rotes Parteibuch hinschmissen. Die Rosenbergs dagegen waren loyal – durch alle Windungen und Wendungen hindurch hatten sie der „großen Sache“ die Treue gehalten. Hoch erhobenen Hauptes gingen sie zum elektrischen Stuhl, als Märtyrer der Friedensmacht Sowjetunion.

Das vielleicht treffendste Porträt eines Landesverräters findet sich in John le Carrés Klassiker „Dame König As Spion“. Ein „Maulwurf“ hat sich in der Zentrale des britischen Geheimdienstes eingegraben; die Aufgabe von George Smiley, dem Helden des Romans, ist es, den sowjetischen Spion unter Aktenbergen und Zeugenaussagen aufzuspüren. Am Schluss von „Dame König As Spion“ – Achtung: all jene, die le Carrés Roman oder die großartige BBC-Serie mit Alec Guiness oder den deutlich weniger großartigen Kinofilm mit Gary Oldman in der Rolle des George Smiley nicht kennen, sollte hier mit dem Lesen aufhören und mit den Augen zum nächsten Absatz springen –, also, am Schluss des Buches stellt sich heraus, dass der „Maulwurf“ ein gewisser Bill Haydon ist, ein ehemaliger Liebhaber von George Smileys notorisch untreuer Ehefrau. John le Carré gestattet ihm eine apologia pro vita sua. Und es stellt sich heraus: Bill Haydon ist ein britischer Patriot ganz eigener Sorte. Er glaubt, dass der Westen durch kapitalistische „Gier und Verstopfung“ zugrunde gehen werde; er hasst die Vereinigten Staaten, wo die „wirtschaftliche Unterdrückung der Massen“ bis zu einem Punkt fortgeschritten sei, den nicht einmal Lenin vorhersehen konnte. Er beklagt, dass das Vereinigte Königreich auf der Bühne der Weltpolitik allen Einfluss verloren habe. Darum war es für Bill Haydon nichts als logisch, zum „Maulwurf“ für die Sowjetunion zu werden. In seinen Augen hat er Großbritannien nicht verraten; er wollte es mit sowjetischer Hilfe wieder groß machen.

Es geht um den Clan

Auf diesem etwas gewundenen Weg kommen wir nun endlich zu Donald Trump Junior und dem Treffen mit fünf Putin-Emissären im Juni 2016. Wir kommen außerdem zu den E-Mails, mit denen Trump Junior sich und seine Mitverschwörer (Jared Kushner, Paul Manafort) kürzlich vor aller Augen bloßgestellt hat. Und wir kommen zu den zwei, möglichweise auch mehr, Treffen des amerikanischen Präsidenten mit Wladimir Putin in Hamburg, Treffen, die von niemandem protokolliert und mit niemandem abgesprochen wurden.

Zwei Dinge fallen bei diesen unglaublichen, aber wahren Geschichte sofort ins Auge. Erstens: Trump Junior wartete keinen Augenblick, als ihm ein britischer Freund in Russland mitteilte, Vertraute des russischen Oberstaatsanwalts könnten ihn mit kompromittierendem Material über Hillary Clinton versorgen. Er biss sofort an; er sagte sofort ja zu einem Treffen im Trump Tower. Kein Augenblick des Zögerns – kein Augenblick, in dem er auch nur einen Gedanken verschwendete, ob das, was er zu tun sich anschickte, rechtens war. Zweitens: Er dachte außerdem keinen Augenblick darüber nach, ob es ihm schaden könnte, die E-Mails über dieses Treffen jetzt nachträglich zu veröffentlichen.

Viele linksliberale Kommentatoren machen Witze darüber, dass Trump Junior offenbar die Intelligenz seines Vaters geerbt habe. Das ist bestimmt wahr; aber es gibt noch eine tiefere Wahrheit. Wem gehört die Loyalität von Donald Trump Senior? Von Donald Trump Junior? Gewiss nicht der amerikanischen Republik; die war den Herrschaften schon immer von Herzen egal. (Ein ausführlich recherchierter Artikel in der jüngsten Ausgabe der „New Republic“ belegt die vielfachen Kontakte Donald Trump Seniors mit hochkarätigen russischen Verbrechern.) Die Loyalität von Donald Trump Junior gehört also seinem Vater und seinem Clan; niemandem sonst. Und an ihm hat er keinen Verrat begangen. Er ist ihm vielmehr absolut treu geblieben. Er bekam die Möglichkeit, Munition gegen die Feinde seines Clans zu besorgen – und hat von dieser Möglichkeit als guter Sohn Gebrauch gemacht. Bitter enttäuscht war er dann nur, als jene Munition sich als ein nutzloser Haufen von Blindgängern erwies.

Der amerikanische Präsident ließ mittlerweile per Twitter wissen: Die meisten Leute, die er kenne, hätten an einer solchen Konferenz teilgenommen. Dass von den acht Teilnehmern dieser Konferenz fünf Agenten des russischen Geheimdienstes waren, fällt natürlich nicht ins Gewicht, wenn die einzige Loyalität der Familie gehört. So wie es den Rosenbergs egal war, dass sie die Gesetze des Klassenfeindes brachen. So wie es dem fiktiven Maulwurf in le Carrés Roman egal ist, dass er Kollegen ans Messer liefert.

Wen betrachten die Trumps als Verräter? Mitarbeiter von Geheimdiensten, die Details über ihre Kontakte mit den Russen ausplaudern (die „lowlife leakers“). Alle Fernsehstationen und Zeitungen, die nicht jeden Tag aufs Neue von Donald Trump und seiner Regierung begeistert sind. Neuerdings: Jeff Sessions, weil er sich selbst für befangen erklärt hat, statt seinem Chef die lästige Russland-Ermittlung vom Hals zu schaffen. Ein Verräter ist natürlich auch der frühere FBI-Chef Comey, weil er sich weigerte, einen Loyalitätseid auf Trump persönlich zu leisten. Und Bob Mueller, weil er unbeirrbar immer weiter ermittelt. Kurz gesagt: Verräter sind in den Augen des Trump-Clans all jene, die es wagen, sich dem Trump-Clan in den Weg zu stellen.

Wie aber sieht es auf der anderen, der russischen Seite aus? Natalia Wesilnetskaja – die Anwältin, die im Zentrum des Treffens im Trump Tower im Juni 2016 stand – ist nach allem, was man über sie hört, eine glühende Nationalistin: eine fanatische Anhängerin des Putin-Regimes. Sie attackiert Putins Gegner hämisch als „sogenannte Liberale“. Sie hasst Amerika. Von dem „Women´s March“ am Tag nach Trumps Amtseinführung war sie angewidert. Insgesamt betrachtet sie den Westen als dekadent, weil er sich nicht gegen seine Feinde wehre.

Das Schlimme ist: Mit dieser letzten Einschätzung könnte sie recht haben.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


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