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Klagen um die Mauer und den Felsendom

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Die wenigen Quadratmeter um den Felsendom herum stehen derzeit im Zentrum des Nahostkonflikts: Es geht dabei um den Streit zwischen amerikanischen Juden und der Regierung Netanyahu sowie um das Attentat, das zwei Polizisten das Leben kostete.

Kommende Woche begehen wir Tisha Be’Av, den zweitwichtigste Fasttag im jüdischen Jahr nach Jom Kippur. Wir betrauern an diesem Tag die Zerstörung des Ersten sowie des Zweiten Tempels und auch alle verpassten Chancen danach, den Dritten zu errichten. Über die Hälfte der 613 Gebote für die Juden aus der Thora sind direkt mit dem Tempel in Jerusalem verbunden.

An seiner Stelle steht heute der Felsendom. Er heißt so, da er an dem Ort errichtet wurde, an dem nach biblischer Überlieferung Abraham auf einem Felsen seinen Sohn Jitzchak opfern wollte. Gott schritt ein und schaffte damit das Menschenopfer ein für alle Mal ab. Wir lernen daraus, dass kein einziges Menschenleben es wert ist, einem Gott geopfert zu werden.

Doch genau dort sind kürzlich von bewaffneten Palästinensern zwei israelische Polizisten ermordet worden. Auf diese religiös motivierte Gräueltat antwortet Israel mit Metalldetektoren, wie sie auch keine 100 Meter weiter vor jedem Eingang zur Westmauer oder auch Kotel oder „Klagemauer“ stehen. Waffen haben an einem Ort des Gebets nichts verloren. Daher sind die teils gewaltsamen und mörderischen Proteste dagegen komplett ungerechtfertigt, ja geradezu absurd. Wer den Mord an drei Menschen aus der Siedlung Halamish damit begründet oder gar rechtfertigt, ist ein Verbrecher und nichts anderes.

In der Bibel steht beim Propheten Jesaia der viel zitierte Satz: „Denn mein Haus soll ein Haus des Gebets für alle Völker sein.“ (Jes 56/7) Viele Synagogen weltweit schmücken sich mit diesem Zitat in großen Lettern. Und die Kotel, der letzte Überrest dieses Hauses, ist heute tatsächlich ein Ort des Gebetes für alle Völker. Der Dalai Lama war da, der Papst, ja sogar Chuck Norris hat dort friedlich gebetet. Doch direkt daneben, oben in dem Felsendom, ist das nicht mehr möglich. Dort sind nicht nur Juden unerwünscht, auch alle anderen Nichtmuslime, die ihn besuchen wollen, werden vom Waqf schikaniert, der jordanisch-islamischen Organisation, die ihn verwaltet.

Früher konnte man einfacher zum Felsendom

Das war früher anders. Ich selbst war 1995 mit einer israelischen Reisegruppe dort, und da ich ein blöder Ignorant war, kam ich in kurzen Hosen an. Am Eingang zum Areal hat man mir daher ein Tuch um die Hüfte gehängt, was ich nur widerwillig angenommen habe. Aber so konnte ich das blaue Licht bewundern, das durch das Fenstermosaik ins Innere des Doms fällt.

An die Kotel darf man und auch Frau mit kurzem Beinkleid. Dabei ist sie eine streng-orthodoxe Freilichtsynagoge mit einem Bereich nur für Männer und einem kleineren für Frauen. Diese Geschlechtertrennung schmeckt nicht jedem und da jetzt die Regierung Netanjahu das Versprechen, einen Bereich für gemischtes Beten einzurichten, zurückgenommen hat, hagelt es Kritik, vor allem von liberalen Juden aus Amerika. Es ist gar die Rede von einem Bruch zwischen den Juden Amerikas und dem Staat Israel deswegen. Auch mein Freund und Salonkolumnist Hannes Stein kritisiert das in der Jüdischen Allgemeinen in seinem Text „Wem gehört die Kotel?“ scharf.

Wenn man aber bedenkt, dass das liberale Judentum in seiner Liturgie alle Hinweise auf den Tempel und den Wunsch nach seinem Wiederaufbau gestrichen hat und in Konsequenz seine Synagogen „Tempel“ nennt, da diese den Originaltempel in allen Belangen ersetzen sollen, verwundert es, warum die Westmauer der Tempelruine in Jerusalem den Liberalen so wichtig sein soll.

Nichtsdestotrotz, und da stimme ich Hannes zu, die Kotel gehört allen Juden weltweit, auch den Liberalen. Ja, sie gehört gar allen Völkern, wie es bei Jesaia steht! Würden sich sonst so viele um diese paar Quadratmeter Erde so erbittert streiten? Und weil das so ist, muss sie erst recht eine orthodoxe Synagoge bleiben.

Die „Klagemauer“ muss Jüdisch-Orthodox bleiben

Das sage ich nicht, weil ich selbst orthodoxer Jude bin, ich sage es, weil es nur so wirklich allen möglich ist, dort zu beten. Als ich in Hamburg lebte und in die Synagoge ging, waren mit Abstand die meisten Gäste in den Gottesdiensten nicht orthodox. Dennoch ist die Synagoge orthodox geführt. So können alle zusammen beten und niemand wird ausgeschlossen. Jeder geht dabei Kompromisse ein, die orthodoxen wie die liberalen und auch alle dazwischen. Wäre das Gebetshaus liberal, wäre es orthodoxen Juden nicht möglich, dort zu beten. Die Gemeinde wird gespalten. In einer Demokratie geht es eben nicht immer nach dem Willen der Mehrheit, sondern meist nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den man sich einigen kann. Ansonsten wäre es eine Raubtierdemokratie, wo zwei Wölfe und ein Schaf über das Abendessen abstimmen.

Möglicherweise kommt der neue Bereich an der Kotel aber doch noch. Er soll etwas abgelegen entstehen und würde so die bestehenden Bereiche nicht stören. Aber den Wiederaufbau des Tempels werden wir so bald nicht erleben. Doch ganz vielleicht wird eines Tages der wunderschöne Felsendom auch wieder ein Haus des Gebetes für alle Völker werden. Das wäre doch fast genau so schön. Oder sogar noch schöner.




Eliyah Havemann ist in Berlin (Ost) geboren, in Hamburg und im Elsass aufgewachsen und lebt jetzt in Israel. Er arbeitet als IT-Knecht in einem Hightech Unternehmen in der Nähe von Tel Aviv. Er schreibt regelmässig für das Jüdische Wochenmagazin Tachles in der Schweiz und hat auch schon für die Welt und andere Texte geliefert. Im Jahr 2014 kam bei Ludwig/Heyne sein Buch "Wie werde ich Jude" heraus.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com