Über Grenzen

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Die amerikanische Zivilgesellschaft hat Trump zur Rücknahme seiner teuflischen Direktive, Kinder an der amerikanischen Südgrenze von ihren Eltern zu trennen, gebracht – für Entwarnung ist es aber dennoch zu früh.

Wo anfangen? Vielleicht mit diesem Tondokument hier, das die Rechercheorganisation ProPublica ergattert und öffentlich gemacht hat. Hören Sie sich das an. Hören Sie sich das Ganze an, auch wenn es unerträglich ist. Hören Sie die Stimme des Mädchens, das wieder und wieder die Telefonnummer seiner Tante aufsagt, die es gern anrufen möchte.

Das, meine Damen und Herren, sind wir. Das ist die Stimme von Trumps Amerika.

Die gute Nachricht ist, dass es in Amerika noch eine Zivilgesellschaft gibt. Journalisten, Rechtsanwälte, Citoyens. Diese Zivilgesellschaft hat erreicht, dass Trump seine teuflische Direktive, Kinder an der amerikanischen Südgrenze von ihren Eltern zu trennen, zurücknehmen musste. Die amerikanische Zivilgesellschaft hat gesagt: Bis hierher und nicht weiter. Wir können stundenlang darüber diskutieren, wie wir unsere Einwanderungsgesetze ändern müssen; aber niemand zwingt uns, bei der Sicherung unserer Grenzen zu Ungeheuern zu werden.

Schaut mal her, so grausam bin ich!

Die schlechte Nachricht: Damit ist überhaupt nichts gut. 2000 Kinder wurden längst großflächig über die Vereinigten Staaten verteilt. Es gab nie einen behördlichen Mechanismus, diese Kinder wieder mit ihren Eltern zu vereinen. Da viele der gekidnappten Kinder Babys und Kleinkinder waren, wird es sehr schwierig werden, sie aufzuspüren. Hunderte Kinder, die von uns zu Waisen gemacht wurden, werden nun in Heimen aufwachsen.

Zu den größten Lügen, die Donald Trump verbreitet, gehört, dass es ihm darum gehe, die Grenzen der Vereinigten Staaten zu schützen, um Gefahren abzuwenden. Unsere wichtigste Grenze nämlich steht weit offen: die Grenze im Cyberspace. Diese Regierung hat nichts getan – buchstäblich: nichts –, um uns gegen neue Hackerangriffe aus Russland zu schützen. (Warum wohl?) Sie hat nichts getan, um zu verhindern, dass Russland unsere Wahlen manipuliert oder schlicht die Ergebnisse fälscht. Sie hat nichts dagegen getan, dass russische Schadprogramme sich in unserem Elektrizitätsnetz festsetzen, so dass Moskau nun mit einem Knopfdruck den Strom in New York ausschalten kann.

Statt dessen schützt Trump unsere Südgrenze gegen Familien aus Honduras, Guatemala und El Salvador, die vor Verbrecherbanden fliehen. Und der Grund ist natürlich nicht, dass er irgendjemanden vor Schaden bewahren will. Der Grund ist, dass er ein Signal an seine Basis schicken will: Schaut mal her, so grausam bin ich! Und seine Basis goutiert das. Denn wenn erst einmal eine Hürde überschritten ist, wird es leichter, andere Hürden zu überschreiten. Wenn man sich – wie Corey Lewandowski, Trumps früherer Wahlkampfhelfer – öffentlich über ein zehnjähriges Mädchen mit Down-Syndrom lustig macht, das seiner Mutter weggenommen und in einen Käfig gesperrt wurde, dann findet man es irgendwann auch ganz in Ordnung, dass es Tote gibt.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com