Monarchie und Alltag

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Solange Angela Merkel noch im Amt ist, verbietet sich ein Nachruf auf die Bundeskanzlerin. Aber ein Problem ihrer Amtszeit kann man schon jetzt benennen: Der Journalismus hat erheblichen Schaden genommen.

Bislang war ich mir ziemlich sicher, dass die deutsche Monarchie mit der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 und dem Gang Kaiser Wilhelms II. ins Exil einen Tag später abgeschafft wurde. Jetzt bin ich mir aber nicht mehr so sicher. Nun ja, konstitutionell trifft es weiterhin zu: Die Monarchie ist am Ende, und die Hohenzollern werden nicht mehr ins Berliner Schloss einziehen. Da ist auch die Weltkultur – jedenfalls noch – im Weg. Aber was ist mit der politischen Kultur? Zu deutlich ist das monarchische Element, dass in den vergangenen Jahren in die deutsche Politik Einzug gehalten hat. An der Spitze der Regierung steht immer noch eine Frau, die seit langem den Eindruck vermittelt, sie stehe über den Dingen, die sie eigentlich verantworten müsste. Wie Queen Elizabeth auf der anderen Seite des Kanals lässt sie sich nur ab uns zu mal sehen, liest dröge und folgenlose Sätze vom Papier ab und wartet auf die nächste Auslandsreise, wo man sie meist herzlich feiern wird. So ist das lange 16 Jahre gewesen, und jetzt in den eigentlich kurzen und doch quälenden Zeiten des deutschen Interregnums ist es immer noch so. Derweil reißt die Corona-Pandemie einen Rekord nach dem nächsten. Trotzdem bleibt der Nimbus der Kanzlerin unverändert: Sie sei eine kluge Krisen-Managerin gewesen (war sie fast nie, man kann es hier noch einmal lesen), der gute Mensch vom Kanzleramt und ganz gewiss nicht Schuld am Niedergang der CDU. 

GLEICHZEITIG BERGAB UND BERGAUF

Wie konnte es zu diesem weit verbreiteten öffentlichen Bild von Angela Merkel kommen? Ganz einfach: Es wurde geschaffen. Ich kann mich noch an eine oft zu lesende Warnung in den ersten Jahren ihrer Kanzlerschaft erinnern: Merkel sei in der Lage, die Leute einzulullen. Ob das je ihre Absicht war, möchte ich bezweifeln. Jedenfalls erreichte sie bei den Wahlen 2013 mit 41,5 Prozent ihr bestes Ergebnis. Doch von da an ging’s bergab. Vier Jahre später landete sie nur noch bei 32,9 Prozent. Gleichzeitig stieg aber ihr Ansehen im größten Teil der Medien enorm und blieb bis heute sehr hoch. So ist auch von „Einlullen“ nicht mehr die Rede. Sind jetzt sehr viele eingelullt, ohne dass sie es merken? Man könnte zur Entlastung annehmen, ihr Ansehen hinge mit einer gewissen medialen Zufriedenheit mit Merkels Politik zusammen. Nur kann das eigentlich nicht sein. Nehmen wir zur Verdeutlichung einmal die beiden aktuellen Großthemen als Messlatte: Klimakrise und Corona-Pandemie. Seit 25 Jahren hält Angela Merkel – sie war ja vor ihrer Kanzlerschaft schon in einiger politischer Verantwortung – quasi die immer gleiche warnende Rede in Sachen Klima. In ihrer Politik, in ihren Entscheidungen blieben die ernsten Worte aber ohne die notwendigen Konsequenzen. Zuletzt ließ sie ihren Wirtschaftsminister den dringend notwendigen Ausbau der erneuerbaren Energien blockieren. Oder die Corona-Pandemie: Wir befinden uns nun in der vierten Welle dieser tödlichen und lästigen Krise, aber die Bundesregierung ist auch zum vierten Mal davon so überrascht wie ein Touristenkind in Nazaré von den Wellen des Atlantiks. Im Ergebnis fordern Politiker der Regierungsparteien führungslos über alle Kanäle dies und das von allen und niemandem – statt Entscheidungen zu treffen, Pläne aufzusetzen und taugliche Verfahren zur Bekämpfung der Pandemie in Gang zu bringen. Und seit zwei Jahren muss sich die Bevölkerung ihre Informationen zur Pandemie aus Talkshows zusammenklauben. Macht jemand die Kanzlerin dafür verantwortlich? Nein. Wo kämen wir auch hin!? 

Genau das scheint in vielen Medien das Motto der letzten Jahre gewesen sein. Oder können Sie sich an ein relevantes, aber immer als Riesensensation angekündigtes Interview mit der Kanzlerin erinnern, an auch nur eine bemerkenswerte Aussage? Man kann der Frau nur wenig vorwerfen, wenn sie nicht aus ihrer Haut geht und mehr von sich preisgibt, als sie möchte oder für verträglich hält. So ist wohl ihr Naturell. Sie verstand es aber auch geschickt, ein Geheimnis aus sich zu machen. Dabei wäre es schon interessant gewesen, ihre politischen Absichten, Pläne, Vorhaben und vielleicht auch ihre klitzekleinen Visionen kennenzulernen. Doch statt politisch neugierige, kritische und Widersprüche aufdeckende Fragen stellt man heute in Interviews eher Stichworte zur Verfügung, auf deren Podest die Interviewten ihren nach allen Seiten hin abgesicherten und inhaltsleeren Sermon ausbreiten können. Das ist nicht nur bei der Kanzlerin so, aber da war es besonders offensichtlich: dass aus dem Respekt, mit dem man ihr wie einer Monarchin begegnete, schnell Ergebenheit wurde, die von Servilität nicht mehr zu unterscheiden ist.  

JOURNALISTISCHES UNVERMÖGEN

Gerne würde ich hoffen, dieses ärgerliche Syndrom hätte sich mit dem baldigen Abgang von Angela Merkel erledigt. Es lag einfach nur am Frauen-Bonus, den man in einer Männerwelt für einige Zeit akzeptieren muss. Es lag am Vergleich mit ihrem Vorgänger, Gerhard Schröder, dessen breitbeinige Attitüden unserer feinnervigen Zeit selbst noch im Rückblick Pein bereiten und die Kanzlerin als Inbegriff nobler Vernunft erscheinen lassen. Es lag vor allem am Vergleich mit Trump und Putin, wodurch sie definitiv wie eine Heilige Angela wirkte. Das mag alles sein und könnte bis zu einem bestimmten Grad auf unser Verständnis zählen. Aber der ernste, lausige Zustand unserer politischen Kultur hat tatsächlich einfach viel mehr mit dem Unvermögen des heutigen Journalismus zu tun: Er kriegt seine Gefühle nicht mehr in den Griff, ist einfach zu leicht hingerissen von bestimmten Politikern bzw. Politikerinnen – achten Sie zum Beispiel nur mal auf die Berichterstattung über die neuseeländische Ministerpräsidentin im SPIEGEL – und weiß vor allem nicht mehr zwischen Performance und Inhalt zu unterscheiden. Gefällt die Haltung, erinnert sie an einen matriarchalen Archetyp, strahlt sie eine Mischung aus Verstand, Humor, Impulskontrolle aus – dann ist das schon so überzeugend, dass der Rest egal ist. Es kann alles andere als trösten, dass in den USA das genaue Gegenteil bei einem Typen wie Trump auch funktioniert und auch dort im Journalismus reihenweise professionelle Regeln und Weisheiten außer Kraft gesetzt werden.

Doch möglicherweise ist das alles nicht nur ein Problem des Journalismus. Bisher konnte ich mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass jemand sich beim Kauf eines Buches oder einer CD davon beeinflussen lässt, ob sich die Künstlerin vegan ernährt oder der Künstler seinen Kindern jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest. Aber ist nicht mittlerweile überall der tadellose Lebenswandel wichtiger und die Leistung eine Nebensache? So kann man verstehen, warum die Kanzlerin keinen Twitter- oder Instagram-Account hatte. Eine schlechte Politik ist nicht so gefährlich wie ein schlechtes Image.  

Lassen wir zum Schluss die neuseeländische Ministerpräsidentin, Jacinda Ardern, mit einer Grußadresse für Angela Merkel zu Wort kommen: „Ihr ständiges Engagement für die Welt, ihre Nachdenklichkeit und ihre Bereitschaft, die Sichtweise anderer anzuhören, spiegeln meiner Meinung nach eine echte Führungspersönlichkeit wider – aber auch einfach einen sehr guten Menschen.“ Es ist doch eine Freude, so etwas zu lesen.




Lektor und gelegentlich Autor