Von Zucht und Unverzucht

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Natürlichkeit ist Trumpf auf dem Lebensmittelmarkt. Nach Vollkorn, bio und biodynamisch kommt jetzt „unverzüchtet“. Was für ein Unsinn.

Unverzüchtetes Getreide, unverzüchtetes Fleckvieh, unverzüchtete Reben und unverzüchtete Früchte – „unverzüchtet“ ist das neue Marketing-Zauberwort der Biobranche. Es soll Ursprünglichkeit und Naturbelassenheit suggerieren und unterstellt, moderne Sorten seien „verzüchtet“, weil die Züchter (gemeint sind natürlich Monsanto, Syngenta & Co.) die guten alten Sorten irgendwie verdorben hätten.

Nun kann man in der Tat manche modernen Sorten – vor allem von Obst und Gemüse – kritisieren. Wenn Tomaten und Erdbeeren vor allem auf Transport- und Lagerfähigkeit gezüchtet wurden und dabei der Geschmack auf der Strecke geblieben ist, ist das durchaus beklagenswert. Erst recht, wenn man die Tomaten roh verzehren und aus den Erdbeeren mehr als nur hübsche rote Deko machen will.

Dennoch ist „unverzüchtet“ ein irreführendes und diffamierendes Wort – ähnlich wie „genverseucht“, „Frankenstein-Mais“ und „pestizidgeschwängert“, „Giftbauer“ und „Brunnenvergifter“.

Unsere Kulturpflanzen sind voll verzüchtet

Schauen wir uns den unverzüchteten Weizen an. Woher stammt Weizen? Einen wilden Ur-Weizen gibt es gar nicht, denn Weizen ist ein züchterisches Kunstprodukt, das unbekannte Bauern irgendwo zwischen Mesopotamien und Europa über mehrere tausend Jahre aus verschiedenen Gräsern geschaffen haben: erst Emmer, später Einkorn und schließlich Saat- und Weichweizen, aber auch Dinkel und Hartweizen.

So entstand das Riesengenom des Weizens, das fünfmal größer ist als das des Menschen, als Kombination aus mindestens drei verschiedenen Pflanzen, von denen jede einen doppelten Chromosomensatz beisteuerte. Nichts davon ist natürlich oder wild – von Emmer bis Brotweizen handelt es sich um vollkommen „verzüchtete“ Gräser. Trotzdem müsste ein Saatgutunternehmen, das heute bekanntgeben würde, aus mehreren Wildgräsern eine Superpflanze für neue Lebensmittel schaffen zu wollen, sich auf Petitionen, Mahnwachen, Klagen und Schlimmeres gefasst machen. Umwelt-NGOs hätten ein Fest: Was für eine Hybris, ganze Genome zusammenzuschmeißen, mit völlig unbekannten Folgen für Gesundheit und Umwelt – Katastrophe, Weltuntergang!

Ähnliches gilt für Mais. Es dauerte Jahrzehnte, bis die Forschung erkannte, dass der Mais vermutlich aus einer völlig anders aussehenden Pflanze namens Teosinte hervorgegangen ist. Das Teosinte-Gras wächst büschelig verzweigt. Aus seinen kleinen Blütenständen reifen ein paar eckige, von einer steinharten Hülle umgebene Körnchen heran. Aus dieser Pflanze hatten die Bewohner Mittelamerikas schon tausende Jahre vor der Ankunft von Kolumbus den Mais gezüchtet, den wir heute in mehreren hundert Sorten kennen: Blau-, Gelb-, Rot-, Zahn-, Zucker-, Hart-, Stärke-, Spelzen- und Puffmais. Auch Mais ist also ein völlig verzüchtetes Gras. 

Teosinte - Ursprungspflanze des Mais Bernardo Bolaños, CC BY-SA 3.0

Oder nehmen wir den Kohl. Die Ursprungspflanze ist ein unscheinbarer, zarter Kreuzblütler, den man heute noch vor allem in felsigen Abschnitten an Europas Küsten findet. Menschliche Züchter haben daraus in zehntausenden von Jahren die Kohlsorten geschaffen, die wir heute kennen: Rosenkohl, Rotkohl, Weißkohl, Grünkohl, Palmkohl, Kohlrabi, Wirsing, Blumenkohl, Broccoli und Romanesco. Auch Raps und Kohlrüben sind daraus hervorgegangen.

Kein Kohl war schon immer so

Bei einzelnen Sorten haben wir den Sproß grotesk verdickt (Kohlrabi), die Blätter vergrößert (Palmkohl) oder die Endknospe verstärkt und dabei den Sproß so sehr gestaucht, dass die Blätter über- und ineinanderwachsen (Weißkohl, Rotkohl, Wirsing). Beim Blumenkohl, Broccoli und Romanesco sind es die stark vergrößerten Blütenstände, die wir essen, beim Rosenkohl sind es die Blätter des gestauchten Seitensprosses.

Und so geht es munter weiter. Die heutige Karotte hat nicht einmal mehr die Farbe mit der wilden Möhre gemeinsam, deren Würzelchen gerade mal bleistiftdick und weißlich sind. Die Ursprungspflanze der Banane hat mehr Kerne als Fruchtfleisch. Die Ur-Melone ist gerade so groß wie eine Haselnuss und so hart, dass sie nur mit einem Hammer geöffnet werden kann. Der Ur-Pfirsich ist klein wie eine Kirsche, hat eine lederige, wächserne Haut und besteht vor allem aus Kern.

Aber das sind nur die optischen Veränderungen. Im Inneren haben sich wesentlich tiefgreifendere Modifikationen ereignet. Den Raps haben wir als Öllieferanten gezüchtet, viele Gemüse wesentlich reicher an Stärke und Geschmacksstoffen gemacht, Obst mit mehr Süße und weniger Bitterstoffen gezüchtet.

Wer Näheres wissen willen, findet bei den Pflanzenzüchtern der „Progressiven Agrarwende“ noch mehr Hintergrund und bei dem australischen Chemielehrer James Kennedy instruktive Illustrationen.

"Verzüchteter" Wildkohl Hendrik Hanekamp (privat)

Zucht und natürliche Ordnung

Durch die züchterischen Eingriffe haben sich Geschmack, Nährwert und Bekömmlichkeit wesentlich verbessert – aber leider nicht nur für uns, sondern auch für allerlei Tiere, die jetzt ebenfalls das von Menschenhand „verzüchtete“ Obst, Gemüse und Getreide verzehren können, ohne sich angewidert abzuwenden oder tot vom Blatt zu fallen. Auch die Anfälligkeit für allerlei Befall mit Pilzen, Bakterien und Viren ist damit gestiegen. Aus all diesen Gründen brauchen wir Pflanzenschutzmaßnahmen.

Es ist also völlig widersinnig, irgendeine alte Sorte aus dem Garten unserer Urgroßeltern als „unverzüchtet“ zu bezeichnen. Schon zur Zeit der alten Römer und Griechen waren Getreide, Gemüse, Obst und Wein Kunstprodukte menschlicher Eingriffe und mithin „verzüchtete“ Wildpflanzen – was übrigens schon damals beklagt wurde. Um 60 n. Chr. empfahl der griechische Arzt Dioskurides die wilde Möhre als wichtige Arzneipflanze und warnte dabei, die im Garten gezogenen Pflanzen seien wesentlich weniger wirksam. 

Und noch etwas ist wider- und sogar blödsinnig. Die Gefahren der „Auskreuzung“, die von den Verbänden des Biolandbaus und eNGOs immer wieder als Argument gegen Pflanzen und Sorten vorgebracht wird, bei deren Zucht moderne Methoden der Pflanzenzucht (Gentechnik, Genome Editing) im Spiel waren. In Mexiko erzielten sie mit ihren Warnungen unlängst den zweifelhaften Erfolg, dass die Regierung den Anbau von „Genmais“ verboten hat, weil der die Teosinte und die „alten Maissorten“ des Landes durch „unkontrollierbare Einkreuzung und Kontaminierung“ bedrohe. Gentechnik sei ein Angriff auf die „Biodiversität“, also die Vielfalt von Arten und Sorten.

Das ist so ziemlich der größte Unsinn, den man sich ausdenken kann. Seit 1990 ist bekannt, dass die Gene, die die Unterschiede zwischen Mais und Teosinte kontrollieren, in lediglich sechs Regionen des Genoms angesiedelt sind – einige wenige Veränderungen reichen also aus, um die Teosinte in Mais zu verwandeln. Nach dieser Logik müssten sofort sämtliche Maissorten, die in den vergangenen 6.000 Jahren in Mittelamerika gezüchtet wurden, verboten werden – schließlich könnten sie ebenfalls die Teosinte verderben, indem sie eine oder mehrere dieser Mutationen an die Wildpflanze weitergeben. Dasselbe gilt in Europa für den Anbau der zahlreichen Kohlsorten. Die Mutationen, die Züchter genutzt haben, um den Wildkohl bis zur Unkenntlichkeit zu „verzüchten“, können schließlich auch auf den Wildkohl übertragen werden.

Die wilde Möhre müsste nach diesem Szenario längst orangefarbene Wurzeln haben – dank einer Kontamination durch die verzüchtete, farbstoffgenversuchte Karotte, die übrigens nur deswegen orangegelb ist, weil niederländische Züchter vor einigen hundert Jahren damit dem Königshaus Oranje huldigen wollten. Was für eine Hybris!

Quergedacht

Aber um Logik und Wissenschaft geht es in der Diskussion um neue Züchtungsmethoden und Sorten schon lange nicht mehr. Es herrscht dieselbe Vorgehensweise wie bei den Corona-Querdenkern. Es werden Thesen verbreitet, die jeder Grundlage entbehren, vorgebliche Experten herangezogen, die falsche Behauptungen aufstellen und damit Ängste in einer Bevölkerung geschürt, die vom wissenschaftlichen Hintergrund nichts versteht und der auch deshalb steile Thesen sofort einleuchten – vor allem, wenn sie von interessierter politischer Seite befeuert werden. Bei der Corona-Impfung ist es die AfD, bei der Gentechnik sind es vor allem Die Grünen. Pikanterweise sind zahlreiche ihrer Hauptkronzeugen gegen Gentechnik mittlerweile ins Lager der Gegner des Corona-Impfstoffs abgewandert.

Doch zurück zu den Tomaten und den „unverzüchteten Sorten“. Tomaten mit besserem Geschmack, die gleichzeitig hübsch aussehen und transportfähig sind, gibt es längst. Sie werden nur nicht akzeptiert, weil ihr Preis höher ist und weil Konsumenten neuen Sorten nicht trauen. Stattdessen suchen sie ihr Heil in den vermeintlich überlegenen alten, weil „unverzüchteten“ Sorten. Mit diesem Marketingtrick kann man ihnen Tomaten andrehen, die nur in der Werbung besser sind. 

Wer wirklich echte, unverzüchtete Sorten möchte, muss ein wenig weiter suchen. Diese Sorten erkennt man daran, dass sie weder auf einem Acker noch in einem Gewächshaus wachsen und dass sie mit dem gewohnten Anblick nichts zu tun haben. Unverzüchtete Gemüse sind winzig, unscheinbar, bitter im Geschmack, haben eine holzige Textur und bestehen hauptsächlich aus Ballaststoffen. Ihr Nährwert ist gering, ihre Bekömmlichkeit auch – Verdauungsstörungen sind garantiert. Wirklich unverzüchtete Getreide haben mehr Spelzen als Stärke und unfassbar schlechte Backeigenschaften. Sie eignen sich weder für Hefe- noch für Sauerteig. Aber man lebt damit echt ursprünglich, schmirgelt sich die Kauflächen ab, schädigt Darmschleimhaut und Leber und verkürzt seine Lebenserwartung auf unverzüchtete 35 Jahre.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit, 2020 das Sachbuch "Winzig, zäh und zahlreich - ein Bakterienatlas" bei Matthes & Seitz. Ludger Weß kommentiert hier privat.