Karl-Hermann Leukert

Ouvertüre für den nächsten Krieg

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Eiskalte Reaktionen auf die Irrfahrt der „Aquarius“ und die verzweifelten Kinder, die an der amerikanischen Grenze von ihren Eltern getrennt werden, zeigen eine bedrohliche Verrohung.

Ein Arschloch zu sein, ist ja wieder schick geworden. Bilder von zusammengekauerten Flüchtlingen auf der „Aquarius“ oder ein verzweifeltes Kind, das an der amerikanischen Grenze nach Mexiko von seiner Mutter getrennt wird – für etliche Parteigänger des neudeutschen Populismus sind sie vor allem Anlass zu hämischen Kommentaren. C’est la vie! Oder schlimmer: „Wenn man illegale Migration bekämpfen will, kommt es zu Kindertränen“ (Aron Sperber). Man fragt sich, ob solche Typen schon seit Geburt Psychopathen waren oder sich diese Haltung erst antrainiert haben – bei ihrer täglichen Schnüffelei nach dem kriminellen Migranten.

Natürlich ist dieser modische Trend zur Unbarmherzigkeit auch eine Gegenbewegung zur kulturellen Umerziehung und dem von Judith Butler ausgerufenen Marsch der Gendertoilette durch die Institutionen, der inzwischen zu einer weitgehenden Entmündigung des Bürgers durch virtuose Vertreter der „performanten Sprechakte“ im amtlichen Formularwesen geführt hat. Wer erst einmal bei einer öffentlichen Ausschreibung zehn Formblätter unterzeichnen musste, die einem bei einer Konventionalstrafe von fünf Prozent  der Auftragssumme dazu verpflichten, seitenlange Listen von Auflagen einzuhalten – von der Gleichbehandlung über die die Tariftreue, die Frauenförderung, der Einwilligung in eine Korruptionsauskunft, bis zu der Erklärung, keine Technologie von L. Ron Hubbard zu verwenden – ist kurz davor, den Beamten anzurufen und ihm mitzuteilen, dass er sich seine Formblätter sonst wohin stecken kann. Zumal einen ja auch niemand für diesen endlosen Quatsch bezahlt.

Es ist allerdings eine Sache, sich gegen den von links-alternativen Sozial- und Kulturdezernenten durchgedrückten Good-Gouvernance-Wahnsinn zu wehren, der offensichtlich eine eigene Universitäts-Kaste aus arroganten Sprach- und Formulardespoten hervorgebracht hat. Eine andere Sache ist es hingegen, seine Spiegelzellen für Mitmenschlichkeit abzuschalten. Kein Zufall, dass dieser Streit gerade jetzt kulminiert, wo Europa nach Wegen sucht, die internationale Flüchtlingskonvention einzuhalten, ohne dabei die Bürger in die Arme der Naziparteien zu schicken. Solange nicht nur autoritäre Staatslenker wie Trump, Putin, Orban oder Erdogan täglich unter Beweis stellen, dass ihnen die Menschenrechte nichts bedeuten, sondern inzwischen auch Vertreter demokratischer Parteien in Deutschland eine zumindest fragwürdige Haltung dazu einnehmen (die Linke bei Putin, die Rechte bei Orban oder Trump), glaubt auch jeder Depp, die Sau rauslassen zu können und zu zeigen, wie unbeeindruckt ihn doch das Elend anderer Menschen lässt. Es ist aber nicht cool, sondern einfach nur widerwärtig. Und Verrohung bildete schon immer die Ouvertüre für den nächsten Krieg.

Wie cool ist das denn?




Diplom-Politologe vom OSI ohne politische Heimat. Derzeit Vorstand bei FORMBLITZ AG, ehemals Chefredakteur bei tip Berlin und Verlagsleiter bei PRINZ, langjähriger Freier bei "Die Zeit", Dokumentarfilmer für NDR, WDR, RBB. Schreibt noch gelegentlich für die Berliner Zeitung, wenn man ihn lässt.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com