Trump-Unterstützerin (St. Paul, Minnesota 2017) Fibonacci Blue / Flickr.com (CC BY 2.0)

Was verstehen Trumps Anhänger unter Verrat?

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Dem Präsidenten sehen seine Anhänger alles nach. Doch was wäre wohl los gewesen, wenn Obama und sein Umfeld sich wie Trump verhalten hätten? Ein Gedankenexperiment.

Wir alle haben gehört, was der amerikanische Präsident diese Woche im amerikanischen Fernsehen gesagt hat. Er hat gesagt, dass ihn (erstens) die amerikanischen Gesetze – etwa im Hinblick auf erlaubte und illegale Wahlkampfhilfe – einen Dreck interessieren, weil sie für ihn nicht gelten, und dass er (zweitens) im Wahlkampf 2020 Hilfe von einer ausländischen Macht annehmen würde, etwa in Form von „opposition research“ über seinen Kontrahenten.

Nun habe ich in an dieser Stelle schon geschrieben, dass Donald Trump eine sehr eigene Definition von Verrat hat. Verrat ist für Donald Trump Verrat an Donald Trump, oder an Mitgliedern der Familie Trump. That’s it. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ihm von Herzen egal. Wenn Trump also mit Putin zusammenarbeitet, um die Interessen von Donald Trump zu fördern, dann ist das in den Augen von Donald Trump kein Verrat. Hingegen begeht den schlimmsten Verrat, wer ihm oder seiner Familie gegenüber illoyal ist. Diese Form von Moral ist jedem vertraut, der jemals den großen Film „Der Pate“ gesehen hat.

Mich interessiert nun aber die Frage, wie eigentlich Donald Trumps Anhänger Verrat definieren. Schließlich steht auf ihren roten Mützen: „Make America Great Again“. Die erste Reaktion von Trumps Anhängern auf die Äußerungen ihres Idols war eine neue Runde von Whataboutism. Aber haben die Demokraten nicht dasselbe getan, als sie die Dienste von Christopher Steele in Anspruch nahmen? Nein, haben sie nicht. Christopher Steele arbeitete nicht im Auftrag einer fremden Regierung, sondern der amerikanischen Firma Fusion GPS. Ursprünglich erstellte er sein Dossier übrigens nicht im Auftrag der Demokraten, sondern der konservativen Zeitung „Washington Examiner“ (das war in der Zeit, lang ist’s her, als Amerikas Konservative noch nicht in Trump verliebt waren). Und als Steele Hinweise fand, dass Trump mit den Russen zusammenarbeitet, tat er das Richtige: Er verständigte nicht Hillary Clinton, sondern das FBI. Aber hat der demokratische Kongressabgeordnete Adam Schiff nicht dasselbe getan, als er einen Anruf von zwei Leuten entgegennahm, die sich als Mitglieder des ukrainischen Parlaments ausgaben, in Wahrheit aber Russen waren und behaupteten, sie wüssten etwas über Donald Trump? Nein. Denn Schiff hat damals das FBI verständigt.

Mir scheint, die Wahrheit darüber, wie Donald Trumps Anhänger über das Thema „Landesverrat“ denken, verraten jene zwei älteren Herren, die T-Shirts über ihren Schmerbäuchen trugen, auf denen stand: „I’d rather be a Russian than a Democrat”. Machen wir nun einmal kurz das, was ich den „amerikanischen Farbtest“ nennen möchte. Stellen wir uns also vor, die Haut jener zwei Herren hätte einen hohen Melaningehalt; stellen wir uns vor, es handle sich um Obama-Anhänger; stellen wir uns vor, es hätte vor zehn Jahren Gerüchte und handfeste Hinweise gegeben, dass Barack Obama klammheimlich mit Jacob Zuma, dem korrupten und autoritären Präsidenten Südafrikas, zusammengearbeitet hat und sich von ihm Informationen über seine rechten Gegner im Kongress zustecken ließ. Stellen wir uns also vor, jene zwei schwarzen Herren hätten T-Shirts getragen, auf denen stand: „I’d rather be a South-African than a Republican”. Undenkbar. Die Mehrheit der Amerikaner hätte vor Empörung apoplektische Anfälle bekommen.

Kampf gegen den „Deep State“

Trumps Anhänger glauben an eine große Erzählung, die so geht: Es gibt eine abgehobene Elite, die an den Küsten lebt und sich gegen die „wirklichen Amerikaner“ verschworen hat. Diese Elite will Amerika zerstören; sie will das Land mit Einwanderern aus Lateinamerika fluten, die allesamt Kriminelle sind; sie will  Muslimen – alles Terroristen – sämtliche Tore öffnen. Trump ist der Einzige, der sich diesen verbrecherischen Eliten entgegenstellt. Er ist ein Heros, ein Kämpfer für alles Gute und Edle, unser Avatar im Weißen Haus. Er ist der demokratisch legitimierte Präsident Amerikas. Trumps Anhänger sind überzeugt, dass es einen geheimnisvollen Deep State gibt, bestehend aus dem FBI und Teilen der amerikanischen Geheimdienste, der versucht, Trump zu stürzen. Jedes Amtsenthebungsverfahren würde von Trumps Leuten als Putschversuch gewertet. Bei jeder Trump-Kundgebung ertönt mittlerweile der Schrei“ Lock them up!“ – dabei geht es längst nicht mehr um Hillary Clintons lächerliche E-Mails, es geht um den ungeheuerlichen Affront, der darin besteht, dass die Demokraten es wagen, sich mit Trump – dem Avatar des amerikanischen Volkswillens – anzulegen.

Dem Whataboutism der Trump-Anhänger liegt also ungefähr folgendes Sentiment zugrunde: Wir kämpfen einen verzweifelten Kampf gegen den Deep State, der unseren Heros belagert. In diesem verzweifelten Kampf muss es selbstverständlich erlaubt sein, die Hilfe der Russen anzunehmen. Verrat ist einzig und allein, sich gegen Trump zu stellen. Und bevor jemand fragt: Natürlich ist das faschistisch




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".