Von der angeblichen Verführung der Deutschen

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Mit „Wir sind die Welle“ hat der Streaming-Dienst Netflix einen Klassiker aus dem Kanon der deutschen Schullektüre verfilmt. Doch „Die Welle“ ist nicht nur schlechte Literatur, der Roman vermittelt auch eine zweifelhafte Botschaft.

Nachdem sie lange Zeit dem Phänomen neidvoll bewundernd zugeschaut haben, wollen nun auch deutsche Produzenten am Erfolg der TV-Serien teilhaben. Mit „Dark“ feierte eine deutsche Serie mit sehr deutschem Wald (und deutscher Atomangst) bei Netflix internationale Erfolge. Nun hat es ein weiterer ziemlich deutscher Stoff auf das Streaming-Portal geschafft: „Wir sind die Welle“. Zwar stammt „Die Welle“ von einem Amerikaner, aber die romanhafte Warnung vor der Verführungsmacht des Faschismus gehört zur Pflichtlektüre in unzähligen deutschen Schulen und ist hierzulande wohl deutlich bekannter als in den USA.

Die mit großem Aufwand beworbene Serie stößt aber nicht nur auf Begeisterung. „Was soll der Quatsch“, fragt etwa Daniel Gerhardt in der „Zeit“. Seine Kritik: Die Geschichte werde in der Serie „auf links“ gedreht, da die „Welle“ nun aus einer Gruppe von Jugendlichen besteht, die sich im Kampf gegen „Nazis, Glyphosat, SUV, Markenklamotten“ radikalisiert.

Aber steht das wirklich so sehr im Widerspruch zum „Faschismuslehrstück“ des Autors Morton Rhue (eigentlich Tod Strasser)? Die Handlung des Romans ist schnell erzählt: Der Lehrer Ben Ross zeigt seiner High School-Klasse einen Film zur Judenvernichtung im Dritten Reich. Die Reaktionen der Schüler gefallen dem Geschichtslehrer nicht; sie reichen von Desinteresse über Unverständnis bis zur Behauptung, so etwas sei nicht wiederholbar. Also entschließt sich Ross zu einem Experiment. Er formt die Klasse zu einer Bewegung mit dem Namen „Die Welle“, die auf den Grundsätzen „Macht durch Disziplin! Macht durch Gemeinschaft! Macht durch Handeln!“ aufgebaut ist. Der damit verbundene autoritäre Unterrichtsstil und Umgangston trifft zu Ross’ Überraschung bei den Schülern auf Begeisterung. Sie beginnen, neue Mitglieder zu rekrutieren, Querdenker zu drangsalieren und die Welle durch die ganze Schule schwappen zu lassen, bis Ross sich genötigt sieht, das Experiment abzubrechen und der faschistoiden Bewegung den Spiegel vorzuhalten.

Stilistisch ist das Buch eine Katastrophe. Miserable und völlig unglaubwürdige Dialoge, charakterlose Figuren, sprachlich enervierend langweilig. Aber das ist unerheblich, denn das einzige, alles entscheidende und ewig wiederholte Verkaufsargument lautet: Es handelt sich um eine wahre Geschichte –um ein Experiment, das der Lehrer Ron Jones 1967 an einer Schule in Palo Alto, Kalifornien, in Szene setzte.

Schlecht dokumentiert

Das macht die moralische Aussage des Romans umso mahnender: „So schnell kann der Faschismus jederzeit zurückkehren“, ruft uns da ein Lehrer mit erhobenem Zeigefinger aus den Seiten entgegen, „das behaupte ich nicht einfach, das ist so passiert.“ Aber ist es das wirklich? Was wissen wir denn über dieses Ereignis? Eigentlich so gut wie nichts, denn es gibt keinerlei Dokumentation der Ereignisse oder gar der Methodik des „Experiments“. In der Schülerzeitung der Highschool wird die Geschichte kurz erwähnt. Erst Jahre später entstand im Rahmen von Artikeln und Interviews mit Jones die „wahre Geschichte“, auf der Buch, Filme und Serie basieren. 

Unbestritten bleibt, dass Jones ein Faschismus-Experiment in seiner Klasse machte. Anders ist es allerdings bei der Frage, ob „Die Welle“ eine realistische Wiedergabe dieses Experiments ist. Da verlangt ein Lehrer militärischen Drill von einer ganz normalen High School-Klasse, und niemand beschwert sich, niemand widerspricht, nicht der kleinste Anflug von Verweigerung oder zumindest Desinteresse ist zu spüren? Und das, obwohl Lehrer Ross seine Bewegung völlig ohne Ideologie aufbaut. Die Welle ist inhaltsleer. Trotzdem begeistern sich die Schüler dafür. Für was, fragt man sich? Sollen wir etwa glauben, dass Jugendliche sich insgeheim so sehr nach Disziplin sehnen, dass sie es geil finden, neben ihren Tischen stramm zu stehen und sich von ihrem Lehrer im Kasernenhofton rumkommandieren zu lassen? Eine der wenigen Quellen aus der Zeit, lässt daran zumindest Zweifel aufkommen. In einem Artikel der Schülerzeitung der betroffenen Schule, der ein paar Wochen später auf die Aktion zurückblickt, heißt es, dass einige Schüler die ganze Sache beinahe hätten platzen lassen, indem sie ihren Lehrer entführten und damit drohten, an seiner Stelle Demokratielehre zu unterrichten.

Ist es ohnehin schon ziemlich fragwürdig, ein Verständnis des Nationalsozialismus anzustreben, ohne dabei die Ideologie zu berücksichtigen, wird es darüber hinaus noch vollkommen unglaubwürdig, wenn Mitglieder der Welle plötzlich einen jüdischen Mitschüler verprügeln. Ist Antisemitismus etwa die logische Folge, die sich aus der Form der Organisation ergibt? Offenbar geht der Autor davon aus, dass Judenhass irgendwie etwas Urwüchsiges, allgemein Menschliches wäre.

Die Glaubwürdigkeit ist das größte Problem des Romans. Welche unbekannten Kräfte bewirken den mysteriösen Wissenszuwachs durch eine aufrechte Sitzhaltung? Am zweiten Tag ist Lehrer Ross begeistert vom Verhalten seiner Schüler. Er stellt ihnen kurze Fragen und erhält kurze und präzise Antworten. Und plötzlich kommt der Inhalt mit der Form von ganz allein. Plötzlich wissen die Schüler wie die Nazipartei hieß, wer die Vernichtungslager kontrollierte und wer alles darin umkam. Lernen mussten sie das offensichtlich nicht. Und der junge, unkonventionelle Lehrer, der immer wieder gern neue Lehrmethoden ausprobiert, ist nach einer Stunde eines didaktisch rückständigen Frage und Antwort-Spiels „ganz mitgerissen, von dem Fortschritt, den die Klasse heute erzielt hatte“. Weder das Verhalten der Schüler, noch das des Lehrers sind nachvollziehbar. Muss es aber auch nicht, ist ja schließlich alles wirklich so geschehen.

Übrigens gibt es derartige Nazi-Planspiele an amerikanischen Schulen immer wieder. Überraschenderweise werden dabei keine jüdischen (oder andere) Schüler verprügelt, und es entstehen auch keine faschistischen Gruppen innerhalb von drei Tagen. Vielleicht ist das ja doch nicht so einfach jederzeit wiederholbar.

Gute Absichten

Eigentlich soll Schullektüre „literarisch und literaturgeschichtlich bedeutsam“ und geeignet sein, „die Orientierung in die eigene Kulturgeschichte zu begründen“. So steht es jedenfalls im Kerncurriculum für die Oberschule der Jahrgänge 5-8 in Niedersachsen. Diesem Anspruch kann „Die Welle“ nicht einmal ansatzweise gerecht werden.  

Was hier stattdessen zählt, ist die gute Absicht des Autors, seine moralische Botschaft. Wenn die stimmt, darf sie Schülern auch mit dem Holzhammer um die Ohren geprügelt werden. Anders ist nicht zu erklären, dass Gudrun Pausewangs unsägliches Anti-Atom-Propagandapamphlet „Die Wolke“ noch immer gelegentlich in deutschen Klassenzimmern zu finden ist.

Doch vermittelt „Die Welle“ wirklich eine Botschaft, die Schulen vermitteln sollten? „Wie entsteht Faschismus? Wie kam es zum Holocaust?“, steht auf dem Buchrücken einiger Ausgaben. Und auf diese Fragen will der Autor eine Antwort geben, ohne auch nur in einem einzigen Satz auf die Ideologie der Nazis einzugehen? Mehr noch, am Ende des Buches bekommt der Leser eine klare, monokausale Antwort auf eine Frage geliefert, mit der sich die Menschheit schon seit über 70 Jahren beschäftigt. Hier wird es richtig gruselig: „Ja, ja, ihr wärt alle gute Nazis gewesen“, erklärte Ben.

„Ihr hättet die Uniform angezogen, hättet euch den Kopf verdrehen lassen, und ihr hättet zugelassen, dass man eure Freunde und Nachbarn verfolgt und vernichtet. Ihr habt gesagt, so etwas könnte nie wieder geschehen. Aber denkt doch mal darüber nach, wie nahe ihr selbst schon diesem Zustand gekommen seid. […] Faschismus, das ist nicht etwas, das nur andere Menschen betrifft. Faschismus ist hier mitten unter uns und in jedem von uns.“

Ob ein derart harscher Vorwurf wirklich einen Lerneffekt hervorruft? Da wird Schülern, die Mitglieder einer inhaltsleeren Organisation waren, vorgeworfen, sie würden ganz sicher nur zusehen, wenn ihre Freunde ins KZ abtransportiert würden. Und was lernen wir daraus? Wir alle sind ganz tief in uns doch irgendwie Faschisten, denn der Faschismus, so scheint Rhue zu glauben, ist die Natur des Menschen. So gesehen, war es eigentlich auch nur purer Zufall, dass die Nazis in Deutschland an die Macht gekommen sind und sich dort der „Endlösung der Judenfrage“ widmen konnten. Wäre Hitler Amerikaner gewesen…

Das klingt absurd? Lesen wir weiter:

„Ich muss mich bei euch entschuldigen. Ich weiß, dass es schmerzlich für euch ist, aber in gewisser Hinsicht könnte man sagen, dass keiner von euch wirklich schuldig ist, denn ich habe euch zu alledem gebracht. […] Ich bin sicher vielmehr zum Führer geworden als ich es wollte.“ 

Und plötzlich ist sie wieder da, die These von der Verführung des deutschen Volkes. Das ist keine Antwort auf die oben gestellten Fragen, sondern das genaue Gegenteil. Auf diese Weise kann man einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit der Verantwortung der Deutschen am Holocaust prima aus dem Weg gehen und zur Tagesordnung zurückkehren. Wie das alles möglich war? Hitler war’s, und Menschen sind nun einmal nur dumme Marionetten, die beliebig manipulier- und steuerbar sind.

 „Die Welle“ wirft zwar historische Fragen auf, was für den Deutsch- oder Geschichtsunterricht einen interessanten Ansatz liefern kann, der Roman geht ihnen aber am Ende aus dem Weg, indem er sie enthistorisiert, entideologisiert, entlokalisiert. Ist dadurch eine Annäherung an das Phänomen des Faschismus möglich? Trägt der Roman zu einem besseren Verständnis der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocausts bei? Ganz im Gegenteil. 2008 schrieb Tobias Kniebe in der „Süddeutschen“ eine Kritik des Films „Die Welle“, die auch für den Roman gültig ist:

„Wer ausgerechnet damit vor dem Faschismus warnen will, dass er ihn aller Inhalte beraubt; wer die Gefahr ganz unhistorisch und undifferenziert in Nirgendwo verortet; und wer dann auch noch vorgibt, rettende Wachsamkeit zu verbreiten – der ist doch eher ein Teil des Problems als ein Teil der Lösung“.




Johannes Kaufmann hat schon vieles gemacht. Zum Beispiel Chemie studiert, eine Karriere als Profifußballer angestrebt und eine Doktorarbeit über israelische Militärgeschichte geschrieben. Außerdem hat er vieles nicht zu Ende gemacht. Zum Beispiel sein Chemiestudium, die Karriere als Profifußballer oder seine Doktorarbeit. Mit Umwegen über Uni, Israel, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt etc. und einigen Jahren als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung ist er mittlerweile in der Presseabteilung einer Forschungsinstitution gelandet. In seiner Freizeit beschäftigt er sich besonders gern mit Agrarforschung, Lebensmittelsicherheit, Infektionsforschung, Gentechnik und Kometenlanderobotern.