Volle Transparenz: Dieses Foto entstand auf der Pride-Parade in Tel Aviv 2017, gibt aber ein schönes Symbolbild ab M. Niewendick

Von Messer-Attacken und Testbildern

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Die „Tagesschau“ berichtet von einem Attentat auf die Jerusalemer Gay-Pride 2017. Das ist nie passiert. Nachfrage bei den Verantwortlichen.

„Wenn Sie die von Ihnen propagierten Standards immer anwenden würden, dann hätten Sie nur Testbilder.“ Mit diesem Bonmot konterte der Historiker Michael Wolffsohn Ende Juni die harsche Kritik des WDR-Direktors Jörg Schönenborn an der Antisemitismus-Doku „Auserwählt und ausgegrenzt“.

Dieser hatte zuvor genüsslich die journalistischen Schnitzer in dem von Arte und WDR bestellten Streifen aufgelistet. Der Film lasse in erheblichem Maße journalistische Standards vermissen. Nun blickt die geneigte Öffentlichkeit ihrerseits verwundert auf einen Beitrag der ARD-Programmfamilie.

Auf tagesschau.de heißt es, datiert auf den 3. August 2017: „Messerattacke auf Gay Parade in Jerusalem“. Ein ultraorthodoxer Jude, so ist dort zu lesen, habe „sechs Teilnehmer einer Schwulen- und Lesbenparade in Jerusalem niedergestochen. Der Mann sei mit einem Messer in die Menge gestürmt, so der Notfalldienst. Der Mann hatte bereits 2005 eine solche Tat begangen.“

Um es kurz zu machen: Der Vorfall hat tatsächlich stattgefunden. Allerdings bereits vor zwei Jahren. Die Gay-Pride 2017 in der israelischen Hauptstadt fand zwar unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt, aber ohne größere Zwischenfälle (was man bei der Tagesschau an anderer Stelle auch zur Kenntnis genommen hat). Wie war das nochmal mit der journalistischen Sorgfaltspflicht? Nachfrage bei der Programmdirektion.

Der auf den 3. August 2017 datierte Beitrag über die Messerattacke sei ein Archiv-Artikel, der in der aktuellen Berichterstattung über die Parade verlinkt wurde, sagt ein Sprecher. Offenbar sei der Fauxpas einem Mitarbeiter bei der erneuten Aufbereitung unterlaufen. Dieser habe wohl vergessen, das Datum in dem zwei Jahre alten Stück anzupassen (warum sich das Datum eines Archivartikels ohne menschliches Zutun aktualisieren sollte, erschließt sich mir als Online-Redakteur übrigens nicht).

„Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht“

Während der Bearbeitung meiner Anfrage am Freitagmorgen tauchte dann auch ein Hinweis unter dem Artikel auf: „Versehentlich wurde diese Meldung mit falschen, aktuellem Datum (3.8.2017) veröffentlicht. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.“ Das Datum ist mittlerweile angepasst.“ „Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht“, fügte der Sprecher noch hinzu.

Da hat er recht. Und es ist wohl tatsächlich ein wenig übertrieben, direkt die „Fake News“-Karte zu ziehen, wie es hier und da auf Facebook zu lesen ist. Und auch die „Testbilder“-Schelte von Michael Wolffsohn war gelinde gesagt übertrieben (wenn auch angesichts der süffisanten Art von Schönenborn für den Moment angemessen). Solche Dinge passieren. Allerdings muss man sich an den eigenen Standards messen lassen, was grade auch der Sender Arte wegen einer Gaza-Dokumentation erfahren muss.

Für das nächste Mal reicht vielleicht der Vorschlag an Jörg Schönenborn und Kollegen, gewisse Maßregelungen vor dem Hintergrund der eigenen Fehlbarkeit ein bisschen weniger schulmeisterlich  vorzutragen.

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Journalist bei der Berliner Morgenpost, Blogger bei Ruhrbarone. Stationen bei Tagesspiegel, Spiegel, taz, Jungle World and some funky shit. Ansonsten: Sprechsänger, Ruhrpott-Gewächs. Based in Berlin.


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