Ein Mopedfahrer möchte zur Chanukka-Feier am Brandenburger Tor. Er durfte nicht rein Til Biermann

Was ist das für ein Phänomen?

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Es heißt, es gäbe „jetzt“ einen verstärkten Antisemitismus von muslimischer Seite. Das „jetzt“ ist falsch.

Dieser Tage rauscht es durch den Blätter- und Pixelwald. Ein Phänomen sei offenbar geworden: Neben dem deutschnationalen Antisemitismus gebe es womöglich auch einen unter muslimischen Einwanderern und ihren Nachkommen!

„Die Anfeindungen kamen bisher fast immer von rechts. Jetzt bekommen Juden verstärkt den Hass muslimischer Migranten zu spüren“, heißt es im aktuellen „Spiegel“.

Ich erinnere mich an meine Metallbauer-Lehrzeit. Anfang der 2000er Jahre lernte ich in Hamburg in einer Klasse mit Türken, einem Kurden, einem Polen und Deutschrussen das Handwerk, außer mir gab es noch eine Kartoffel, einen St. Paulianer. Da ich kurz zuvor ein halbes Jahr in Israel gearbeitet und Hebräisch gelernt hatte und meine Kollegen das wussten, hörte ich von meinen Kollegen nun allerlei.

Am liebsten ließen sie, nicht lang nach dem 11. September 2001, ihren Gedanken in der Berufsschule freien Lauf.
Nihat, genannt „Ziggy“, klein, hager, große Nase, ein Connaisseur purer Dreiblatt-Gras-Joints in der Pause, Fan von SS-Dokus im Fernsehen: „Zwei Atombomben auf Tel Aviv und das Problem ist gelöst, Herr Lehrer! Adolf Hitler wusste schon, wie man mit denen umgehen muss.“

„Diese dreckigen Juden“

Ayhan, 120 Kilo, groß, Boxer, Deflorateur, Erzähler von fiktiven Vietnamkriegsgeschichten im Unterricht („Herr Lehrer, Sie wissen nicht, wie das war, Butch war tot, wir lagen drei Tage im Dschungel ohne Wasser, konnten uns nicht bewegen“), sagte, während er sich vor dem Lehrer mit seinem Rambo-Messer die Nägel säuberte: „Ich hab diesen Jesus-Film von Mel Gibson gesehen. Da sieht man richtig, wie diese dreckigen Juden sind.“ Gibsons Propaganda-Film „Die Passion Christi“, der Juden als blutrünstige Jesu-Mörder darstellte, die Pontius Pilatus zur Kreuzigung drängten, hatte bei ihm gewirkt.

Hakan, kleiner als Nihat, dick, klug, witzig, genannt „Mobby“: „Die Juden backen ihr Brot mit Kinderblut!“ Er hatte das in einer Serie über Juden gelernt, inspiriert von den zaristisch gefälschten Protokollen der Weisen von Zion, übertragen im türkischen Satellitenfernsehen, frei Haus in die Wohnung seiner Eltern am Hamburger Hafen.

Einer, der nie über Juden oder Israel schimpfte, war Fikrit, ein muskulöser, sehniger Thai-Box-Kurde aus Wilhelmsburg. Er war mehr beschäftigt mit dem Schicksal seiner Leute und teilte mit mir die Pausen-Fladenbrote seiner Mutter mit Oliven und kurdischem Bergkäse. Auch die Deutschrussen hetzten nicht. Sie nannten mich aufgrund meiner Israel-Zeit „Hebraiski“.

Jedenfalls: Das „jetzt“ aus dem „Spiegel“-Artikel halte ich für falsch, denn diesen Judenhass seitens in Deutschland lebender Muslime gibt es schon lange.




Til Biermann ist Reporter bei „B.Z.“ und „Bild“ und treibt sich, wenn er nicht in LA ist, in der deutschen Hauptstadt herum. Er schreibt öfters über Sonderlinge.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com