Bereits nach kurzer Zeit sieht Deana Mrkaja ihre Muskulatur schwinden Deana Mrkaja

Kreuzbandriss (4): Das immer dünner werdende Bein

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Deana Mrkaja hat sich immer gewünscht, dass ihr rechtes Bein etwas dünner wird. Aus ganz pragmatischen Gründen. Dass Muskeln jedoch dermaßen schnell schwinden, damit hat sie nicht gerechnet.

„Warum läufst du so seltsam?“ „Ähm, weil ich…“ „Nein, lauf einfach ganz normal. Wir üben das jetzt mal!“ Noch bevor meine Physiotherapeutin auch nur etwas Raum für mein Jammern übrig ließ, zwang sie mich so zu tun, als sei nichts gewesen. Einfach ganz normal laufen also. Wenn ich das könnte, würde ich es tun, dachte ich. Doch nach 1,5 Stunden Laufschule, merkte ich, dass das einzige, was mich und das „normale Laufen“ trennte, mein Kopf war. Mein Körper hat längst eine Schonhaltung eingenommen – das Knie muss entlastet werden, egal wie, denkt sich mein Körper die ganze Zeit. Ich trage eine extrem feste Schiene, die das Knie stabilisiert, gehe auf Krücken und trotzdem vertraue ich meinem Knie, vertraue mir selbst nicht. Was für manch einen der Sprung aus einem Flugzeug ist, war in den vergangenen Tagen für mich mein rechtes Knie beim Gehen wieder voll zu belasten. Nach unzähligen Versuchen schaffte ich es, den Kopf einfach mal auszuschalten und zu vertrauen. Nach also nicht einmal drei Wochen laufe ich wieder – mit Hilfsmitteln, jedoch fast fehlerfrei geradeaus.

„Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen, keine heißen Duschen oder Bäder!“ Als ich auf diese Aussage hin lache und meine, ich hätte dann kein Leben mehr, verzog sich die Miene meiner Physiotherapeutin zu einer in Stein gemeißelten Skulptur: „Ich meine das sehr ernst.“ Da ich bei dem Ausdruck etwas Angst bekam und ich ja auch irgendwann wieder aufhören möchte, jede Treppenstufe einzeln zu nehmen, bestellte ich noch am selben Abend mehrere Kilogramm Quark bei Rewe Online und schmiere mir mein Knie seither damit ein: „Ein Löffel für das Knie, einen für mich.“ Das habe ich nicht selbst erfunden, ich sollte das machen, damit die Schwellung endlich verschwindet. Und da ich ja nun ordentlich Bizeps trainiere, kann die extra Portion Proteine auch nicht schaden. Ich bin davon überzeugt, in wenigen Monaten so auszusehen wie die Leute aus dem Fitnessstudio, die den Leg-Day gerne mal überspringen und dafür bis zum Erbrechen Bankdrücken – ein Oberkörper wie Tim Wiese und die Beine wie Streichhölzer. Zudem sehe ich mich nur noch telefonieren können, indem ich das Telefon mit der rechten Hand ans linke Ohr halte, da der Bizeps sonst im Weg stünde.

Deana Mrkaja schmiert sich sogar Quark für die Genesung aufs Knie Deana Mrkaja

Wenn die Muskulatur in kürzester Zeit abbaut

Lange habe ich mir gewünscht, dass mein starkes rechtes Bein etwas schmaler wird. Es war stets dicker als mein linkes. Das merkte ich immer dann, wenn ich enge Hosen trug und die Hose rechts schier zu platzen drohte, während links noch Luft für eine dicke Strumpfhose blieb. Wahnsinnig ist jedoch, wie schnell sich die Muskulatur verabschiedet. Ich sehe meinen sportlichen Schweiß seit meinem vierten Lebensjahr dahinschwinden – innerhalb von zwei Wochen ist ein deutlicher Unterschied zwischen den beiden Beinen zu erkennen.

Die Tatsache, dass ich mittlerweile halbwegs normal laufen kann und auch bald anfangen darf, stabilisierende Kraftübungen zu machen, stimmt mich jedoch positiv in Bezug auf die erneute Ausbildung meiner Muskulatur. Zumindest bis zur OP. Denn dann beginnt das ganze Spielchen von vorne. Aber so weit will ich noch nicht denken.

Seit meiner Sportverletzung laufe ich im Übrigen nur noch in Sportklamotten herum. Ich will deutlich machen, ich hätte mich beim Sport verletzt und nicht beim Haushalterledigen. Denn kürzlich ließ mich ein Bekannter wissen, auch er laufe aufgrund eines Meniskusrisses auf Krücken herum. Im Gegensatz zu mir, verletzte er sich – wait for it – beim Staubsaugen. Ich weiß, ich sollte nicht, aber ich kann nicht aufhören zu lachen. In meinen Sportklamotten und dem wachsenden Bizeps erinnere ich mich selbst an die ganzen squattenden Slawen. Jetzt fehlt mir nur noch eine Armani-Umhängetasche, eine Goldkette und ein langer Nagel am kleinen Finger. Ach ja, und die Sonnenblumenkerne zum Knabbern.

Im nächsten Beitrag: Wenn sich die Balkan-Mentalität nicht mit dem Sport verträgt


Sämtliche Beiträge aus Deana Mrkajas Tagebuch des Kreuzbandrisses finden Sie hier.




Deana verbrachte den Großteil ihrer Kindheit im Garten ihrer Großeltern in Sarajevo. Sie findet es schade, dass ihr Nachname nicht auf "ić" endet. Das Studium der Politikwissenschaft in Berlin und Paris dauerte länger als geplant - weil ihr Theorien zu theoretisch sind und sie lieber praktisch tagträumt. Als Journalistin arbeitete sie für die taz, das ZDF, Welt der Wunder, FOCUS Online und baute zudem die Berliner Regionalseite von FOCUS Online auf. Ihr Herzblut steckte sie in das Zetra Project und die Aufarbeitung der jugoslawischen Friedensbewegung. Derzeit ist sie als Online-Redakteurin bei der Berliner Morgenpost tätig und versucht nebenher Friedensdemonstrationen zu veranstalten.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com