Margaret Thatcher und Ronald Reagan Public Domain

Zwei Helden der Ökobewegung

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Die größten Fans der kapitalistischen Marktwirtschaft setzten auch mal auf Verbote. Heute ist die Leugnung des menschgemachten Klimawandels das Entréebillet für die Republikanische Partei in Amerika. Daran kann man ablesen, wie sehr die Konservativen in Amerika auf den Hund gekommen sind.

An dieser Stelle soll zweier Helden der Umweltbewegung gedacht werden. Zweier Menschen, die den Planeten vor einer Entwicklung bewahrt haben, die zu schrecklichen Folgen geführt hätte, wenn die Menschheit nicht umgedacht und neue Wege gesucht und schließlich auch gehandelt hätte. Jene Helden waren nicht unumstritten; das ist häufig so bei Leuten, die radikale, aber notwendige Maßnahmen einleiten. Es gibt sogar Leute, die unsere Helden bis heute abgrundtief hassen. Aber obwohl jene zwei Politiker natürlich Fehler gemacht haben – wer hätte denn keine Fehler gemacht? – lagen sie im großen Ganzen richtig; und nicht nur bei diesem ökologischen Thema. Die Rede ist von Margaret Thatcher und Ronald Reagan.

1974 veröffentlichten die Wissenschaftler Paul Crutzen, Mario Molina und F. Sherwood Rowland einen Artikel, in dem sie zeigten, dass die Ozonschicht über der Antarktis sich so sehr verdünnt hatte, dass sie sich überhaupt nicht mehr schloss. Der Befund war so dramatisch, dass die Wissenschaftler zuerst glaubten, ihre Messinstrumente hätten versagt, aber ihre Messinstrumente zeigten exakt die richtigen Werte an: Die Lage war also wirklich sehr ernst. Die Folgen, wenn die Ozonschicht über dem Planeten noch mehr ausdünnte, konnte sich jeder an drei Fingern ausrechnen.

  1. Mehr UV-Strahlung, die durch nichts mehr abgeschirmt wurde, würde ungehindert auf die Erde knallen.
  2. Die Hautkrebsrate würde rapide ansteigen.
  3.  Langfristig würden Ernten ausfallen, die Folgen wären Hungersnöte, Chaos, Rssourcenkriege.

Die Studie von Crutzen, Molina und Rowland benannte sehr klar, wodurch das Ozonloch über der Antarktis hervorgerufen wurde: Es waren die Fluorchlorkohlenwasserstoffe, die als Treibgase in jeder Dose Haarspray und in jedem Kühlschrank Verwendung fanden.

Ein Sieg der Umweltbewegung

Margaret Thatcher war ausgebildete Chemikerin. Ihr musste man nicht groß erklären, wie ernst die Lage war. Ronald Reagan brauchte ein wenig länger – in seinem Kabinett saß sogar ein Mann, der die Ernsthaftigkeit des Problems glatt leugnete und riet, die Leute sollten sich doch beim Spazierengehen einfach mehr Sonnenöl aufs Gesicht schmieren – aber am Ende hörte der amerikanische Präsident auf seine Berater. Die beiden Politiker taten alles, was in ihrer Macht stand, um das Problem anzugehen. Im September 1987 wurde das „Montrealer Protokoll zum Schutz der Ozonschicht“ angenommen, mittlerweile ist es von sämtlichen Mitgliedsstaaten der UNO ratifiziert. Dieses Protokoll verbietet den Gebrauch von FCKWs, statt dessen werden heute andere Treibgase und Kühlstoffe verwendet, die für die Ozonschicht nicht schädlich sind. Selbstverständlich waren Reagan und Thatcher nicht die einzigen Akteure, aber ohne sie wäre das Problem nicht – und vor allem nicht so schnell – gelöst worden. Ein großer, ein phantastischer Sieg der Umweltbewegung!

Heute ist das Ozonloch da, aber es ist nicht mehr so dramatisch wie vor dreißig Jahren. Die Atmosphäre erholt sich langsam von dem, was wir ihr zugemutet haben. Und kein Mensch erinnert sich mehr an die Episode.

Interessant ist an der Geschichte vor allem, was Ronald Reagan und Margaret Thatcher nicht taten. Sie stellten sich nicht hin und sagten: Alles nur Einbildung, es gibt gar kein Problem, es besteht kein Handlungsbedarf. Sie sagten auch nicht: Der Kapitalismus wird das Problem schon irgendwie von selber lösen. Wenn der Staat (etwa mit einem FCKW-Verbot) in das freie Spiel der marktwirtschaftlichen Kräfte eingreift, ist das schon der erste Schritt in die sozialistische Knechtschaft. (Reagan ist ja für seinen Ausspruch berühmt, Regierungen seien nie die Lösung, sondern immer nur das Problem. Das Angenehme an Reagan war, dass er seinen eigenen Bullshit nicht geglaubt hat.) Thatcher und Reagan waren große Fans der kapitalistischen Marktwirtschaft, der es gelungen ist, den größten Teil der Menschheit aus dem Dreck und dem Elend herauszuholen. Sie waren aber außerdem Realisten. Sie wussten, dass es, damit es eine kapitalistische Marktwirtschaft geben kann, erst mal eine menschliche Zivilisation geben muss und dass es zu den Aufgaben einer Regierung – jeder Regierung – gehört, die Bedingungen zu schaffen, unter denen die menschliche Zivilisation weiterexistieren kann.

Heute ist die Leugnung des menschgemachten Klimawandels das Entréebillet für die Republikanische Partei in Amerika. Daran kann man ablesen, wie sehr die Konservativen in Amerika auf den Hund gekommen sind.

Mörderische Braunkohle

Ein kleines PS in eigener Sache. Für die „Welt“ schrieb ich vor einiger Zeit einen Meinungsartikel mit der Überschrift „Kernkraft? Ja bitte“. Die Grundthese: Wer die Bedrohung durch den menschgemachten Klimawandel ernst nimmt, und ich nehme sie mittlerweile sehr ernst, der muss für Atomkraft sein. Denn nur mit „Erneuerbaren“ ist die Reduktion des CO2-Ausstiegs nicht zu schaffen, vor allem, wenn man bedenkt, dass China und zunehmend auch Indien immer mehr Strom produzieren und dies vor allem dadurch tun, dass sie Kohle verbrennen. (Margaret Thatcher war übrigens derselben Meinung. Sie nannte die Bedrohung durch den menschgemachten Klimawandel in einer Rede vor der UNO eine ebenso große Herausforderung wie die Bedrohung durch den Atomkrieg, und sie förderte in Großbritannien den Ausbau der friedlichen Nutzung der Atomenergie.)

In meinem Artikel steht unter anderem, dass die Stromerzeugung im Braunkohlekraftwerk Jänschwalde an der polnischen Grenze jedes Jahr 650 Menschenleben kostet. Daraufhin wollten die Justiziare jenes Kraftwerks gerichtlich gegen meinen Artikel vorgehen. Es kam nie dazu, weil ich meine Quelle nennen konnte: Anil Markandya und Paul Wilkinson haben in „The Lancet“ vorgerechnet, wie viele Menschenleben jede Methode der Stromerzeugung kostet. Kernkraft ist sehr billig (auch unter Einrechnung von Tschernobyl). Braunkohle dagegen ist mörderisch: 32,6 Tote pro Jahr – und 298 ernsthafte Erkrankungen – pro Terawattstunde. (Eine Terawattstunde sind eine Milliarde Kilowattstunden.)

Jetzt muss man nur noch multiplizieren können: Jänschwalde erzeugt 20 Terawattstunden. Und vom CO2-Ausstoß haben wir dabei noch gar nicht gesprochen.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".