Sieht giftig aus, ist aber nur Meerwasser: Die Salinen von Aigues Mortes / Okzitanien Foto: Tom Hegen

Essen mit Ellen (12): Unser täglich Tod

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Jan Grossarth hat in einem wichtigen und amüsanten Buch untersucht, weshalb die Angst vor „Gift“ in der Nahrung so attraktiv ist – und wie Metaphern unser Denken lenken

Es gehört zu den großen Mysterien unserer Zeit, dass man mit dem Satz „Man weiß ja gar nicht mehr, was man noch essen kann“ überall Kopfnicken erntet. Wären unsere Lebensmittel wirklich so schädlich, wie viele Menschen glauben, müsste sich das negativ auf unsere Lebensspanne auswirken. Bekanntlich ist das Gegenteil der Fall: Im Geburtsjahr 1871 betrug die Lebenserwartung in Deutschland ganze 39 Jahre. Eine 1963 geborene Frau kann damit rechnen, 73 zu werden. Ein Mädchen, das heute zur Welt kommt, darf sich über eine Lebenserwartung von 83 Jahren freuen.

Wir werden alle sterben!

Ebenso rätselhaft ist, weshalb wir die Verlängerung unserer irdischen Existenz offenbar für ganz selbstverständlich halten. Mehr noch: Wir ergehen uns in Ängsten, schädlichen Lebensmitteln und einer zunehmend vergifteten Umwelt ausgesetzt zu sein. Langsam, aber stetig bringt uns in dieser Vorstellung die Zucker-Lobby um, die Glyphosat-Mafia betreibt ihr übles Geschäft, die Hormonmäster munkeln im Dunkeln. Unser täglich Brot wurde zum täglichen Tod. In Wirklichkeit ist deshalb alles sehr schlimm.

In seinem ebenso wichtigen wie amüsanten Buch „Die Vergiftung der Erde“ hat der FAZ-Redakteur Jan Grossarth den kühnen Versuch unternommen, das große Paradigma von der vergifteten Nahrung zu durchleuchten. Das ist fast so, wie wenn ein Fisch über das Wasser nachdenkt, das ihn umgibt. In der Mittel- und Oberschicht gehört die Klage über krank machende Lebensmittel zum Grundinventar. Dass damit meist auch soziale Distinktion verbunden ist, interessiert Grossarth nicht. Ihm geht es um die historischen Linien einer „kulturellen Leitmetapher“.

Weltuntergang mit FAZ und „Zeit“

„Die Vergiftung der Erde“ ist eine kulturwissenschaftliche Dissertation, für die sich Grossarth u.a. die Berichterstattung der FAZ und der Wochenzeitung „Die Zeit“ vorgenommen hat. Das geschah im Bemühen um methodische Klarheit einer „Diskurs-Analyse“ und in der Annahme, dass diese beiden Medien den Mainstream der agrarpolitischen Diskurse in der Bundesrepublik „pars pro toto“ abbilden können. In der DDR sozialisierte Leser werden ebenso wenig bedient wie jene, die sich die Einbeziehung eines Boulevardmediums oder einer populären Fernsehsendung als Spiegel der „vox populi“ gewünscht hätten.

Dass sich die 450 Seiten Lektüre trotzdem lohnt, liegt nicht nur am Stil eines souveränen Autors. Grossarth verzichtet auf Polemik und versteht es dennoch, die Grotesken des zeitgenössischen Weltuntergangsdenkens durch die Manege zu führen. Dabei geht es ihm nicht um Grünen-Bashing, auch nicht um die Verteidigung der chemischen Industrie, der konventionellen Landwirtschaft oder anderer Akteure, die an der „Vergiftung der Erde“ schuld sein sollen. Er möchte zur „Versachlichung agrarpolitischer Debatten“ beitragen. Das ist ein sympathisches Ziel.

Rinderwahn, Waldsterben: War was?

Der Autor, der sich in seinem Hauptberuf als Wirtschaftsredakteur immer wieder und mit erkennbarer Sympathie grün-alternativen Themen und Lebensformen widmet, erkennt an, dass die Medien-Skandalisierung durchaus notwendige Korrekturen eingeleitet hat. Nicht zufällig zeigt das Umschlagsfoto des Buches ein Sprühflugzeug, das eine dicke Wolke DDT über einer Schafsherde ausbringt. Das Foto entstand 1948, 15 Jahre, bevor Rachel Carson „Der stumme Frühling“ mit seinen Untersuchungen zum Gebrauch von DDT veröffentlichte und ein Vierteljahrhundert, bevor das Insektizid in vielen Industrieländern verboten wurde.

Was aber ist aus dem Waldsterben geworden, das uns Anfang der 80er Jahre zu Demonstrationen auf die Straße trieb? Was geschieht mit den „dioxinverseuchten“ Eiern, die meist kurz vor Ostern gefunden werden und dann wieder aus der Berichterstattung verschwinden? Wie viele Menschen sind eigentlich an dieser Variante der gruseligen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gestorben, die in Verbindung mit der Rinderseuche BSE gebracht wurde und die in den 90ern viele bäuerliche Betriebe die Existenz kostete? (Hinweis an jüngere Leser: Nicht, weil die Bauern an dieser Krankheit starben, sondern weil die Leute kein Rindfleisch mehr essen wollten).

Die Macht der Bilder

Die ökologische Krisen-Publizistik ist eine besonders gut geölte Maschine innerhalb des Medienbetriebs, der dem Grundsatz „bad news are good news“ folgt. Grossarth analysiert die Konjunkturen und stillen Tode dieser Katastrophen, indem er den agrar- und umweltpolitischen Diskurs auf Metaphern und Symbole untersucht, denn: „Die Metapher ist ein rhetorisches Mittel um Kampf um Macht, Ausdruck des Zeitgeistes und ein konstituierendes Element von Sprache überhaupt. Metaphern lassen sich in ihrer bildlichen Verdichtung (…) als implizite Argumentationen verstehen.“

Im Zentrum steht dabei die Metapher vom Gift als heimtückischer Substanz, als Stoff, der von bösen Mächten und zum Schaden ahnungsloser Menschen ausgebracht wird. In einer anders gelagerten Hintergrundmetaphorik produzieren fehlgeleitete und „kranke“ Gesellschaften das Übel eigenhändig und führen so einen Krieg gegen sich selbst. Vor allem der ersten Variante spürt der Autor überzeugend nach. Er zeigt auf, wie stark die Idee von der vergifteten Gabe, dem tödlichen Geschenk (engl. „gift“), durch Sagen und Märchen im kollektiven Bewusstsein verankert ist und wie es in der ironischen Rede von den „Segnungen“ der konventionellen Landwirtschaft fortexistiert.

Antisemitisches in Grün

Seine These, dass so manche Gift-Metapher eine Fortschreibung alter antisemitischer Stigmatisierungen wie der „Brunnenvergiftung“ sei, belegt er recht überzeugend. Wer anhand zahlreicher Beispiele nachlesen möchte, wie die in der Romantik wurzelnden Vorstellungen der Lebensreformbewegung im völkischen Vollkornprogramm der Nationalsozialisten aufgegriffen wurden und wie sie die junge Bundesrepublik überdauerten, um im Gewand der „modernen“ Anti-Atomkraft- und Umweltbewegung zurückzukehren und die Debatten bis heute zu prägen, der wird in diesem Buch fündig.

Die Tour d’Horizon umfasst viele einschlägig bekannte Autoren. Sie reicht von A wie Franz Alt über B wie Rudolf Bahro über S wie Alwin Seifert bis Z wie Slavoj Zizek. Besonders lehrreich ist die ausführlich geschilderte Rezeptionsgeschichte von Rachels Carsons „Der stumme Frühling“. Die Wissenschaftlerin hatte mit ihrer blumigen Titel-Metapher auf die -wissenschaftlich belegte- Tatsache angespielt, dass DDT zu sehr dünnen Eierschalen bei Raubvögeln geführt und so die Nachkommenschaft der Tiere dezimiert hatte. Einige Jahre später hat sich die Metapher verselbständigt: Nun sind selbst „seriöse“ Autoren sicher, dass der sorglose Einsatz von DDT zum Tod ganzer Singvogel-Populationen und zu „verstummten“ Landstrichen geführt hat.

Tanz mit dem Teufel

Ohne Beispiel ist der Roman „Der Tanz mit dem Teufel“ von Günther Schwab (1905-2006). Man mag kaum glauben, dass das Buch des österreichischen Försters und überzeugten Nationalsozialisten in den 5oern und 60ern ein Bestseller war und bis heute (15. Auflage) verlegt wird. FAZ und „Zeit“ waren sich zwar zu fein, diese Melange aus antisemitischem Raunen und „grüner“ Zivilisationskritik zu rezensieren. Grossarth weist Schwab dennoch einen Ehrenplatz unter den waldnahen Kulturpessimisten zu: Schließlich habe der zu einem bemerkenswert frühen Zeitpunkt alles gegeißelt, was nicht seinem Ideal von der „unverdorbenen“, d.h. vor-industriellen Gesellschaft entsprach: „Von der Atomkraft über Pestizide bis hin zu Antibiotika und Fertiggerichten.“ (Jazz-Liebhaber aufgepasst: Schwab erläutert, weshalb diese Musikrichtung ebenfalls gesundheitsschädlich ist.)

Was ist eigentlich so attraktiv an der Vorstellung vom Gift in Luft und Nahrung? Weshalb werden Ernährungsfragen in den westlichen Industrieländern mit religiösem Eifer diskutiert? Woher, um Himmels Willen, immer diese Angst? Vielleicht ist es so, dass das in der christlichen Vorstellungswelt nach außen verlagerte Böse, die Projektion nicht integrierter Schatten, manche sagen schlicht: der Teufel in unserer Ernährungspanik in säkularer Form weiterlebt? Das Essen als das Böse, das bekanntlich gern verlockend tut (Zucker!) und seine teuflische Natur erst zu erkennen gibt, wenn es für eine Umkehr zu spät ist? Gern hätte man mehr über die These gelesen, die Grossarth nur kurz und in Bezug auf den Religionswissenschaftler Alfred Bodenheimer streift.

Grossarth kam nicht bis Bienenbüttel

Im Frühjahr 2011 erkrankten mehrere Tausend Menschen in Deutschland an einem Darm-Bakterium namens EHEC. 53 Personen starben, als Verursacher wurde nach wochenlanger Suche ein Biohof in Bienenbüttel/Niedersachsen ausgemacht. Selbstverständlich berichteten auch FAZ und „Zeit“ ausführlich. Man rätselt, weshalb der Autor ausgerechnet diese Katastrophe, den größten Lebensmittelunfall in der Geschichte der Bundesrepublik, nicht in sein Buch aufgenommen hat. Sind „natürliche“ Dung-Bakterien kein Gift, weil sie der sanften Natur entstammen und nur die „böse“ Industrie potente Gifte hervorbringen kann? Wenn das die Erklärung ist, wäre der Autor einem Denkfehler aufgesessen, den er zuvor hellsichtig analysiert hat.

Ackergift, Waldsterben, Bauernsterben. Nordsee-Mord, Giftwelle, Pestizid-Waffen, Todesfarmen: Umweltpolitische Diskurse sind voller Endzeit-Bilder. Nie hat man von einem „Bergleutesterben“ gelesen, obwohl das Verschwinden dieses Wirtschaftszweiges genauso Anlass für drastische Wortschöpfungen geboten hätte. Grossarth kritisiert die „totale Vernichtungsmetaphorik“ umweltpolitischer Diskurse, an die sich das Publikum längst gewöhnt habe: „Wir meinen oft, sachlich zu argumentieren, aber denken und sprechen bildlich. (…) So entstehen Scheingefechte um semantische Hoheiten, und die Problemlösung gerät aus dem Blick.“

Etwas unvermittelt wirkt deshalb der sehr versöhnliche Schwenk, den er am Ende vollzieht und schreibt: „Die Umweltbewegung war und ist, (…) trotz aller von ihr aufgenommenen Ideologien und Mythen, ein Projekt der Aufklärung, (…) eines friedlichen, international kooperativen Wegs in die Zukunft.“ Vielleicht hat diese Milde mit der eingangs erwähnten Sympathie des Autors für grün-alternative Wirtschaftsformen und Lebensstile zu tun. Sie sei ihm zugestanden.

Jan Grossarth: Die Vergiftung der Erde: Metaphern und Symbole agrarpolitischer Diskurse seit Beginn der Industrialisierung. Frankfurt, Campus Verlag, 2018. 39,95 Euro.




Ellen Daniel wurde 1968 in Hofheim am Taunus geboren. Als Journalistin war sie EU-Korrespondentin in Brüssel und Redakteurin im Auslands- und im Kulturressort des "Focus". Außerdem hat sie als Pressesprecherin der SPD-Europaabgeordneten gearbeitet. Sie lebt mit ihrer Familie in München, arbeitet aktuell als Pressefrau für die Roland Berger Stiftung und beschäftigt sich als Autorin bevorzugt, aber nicht nur mit dem weiten Feld der Gastrosophie.