Vorerst gibt es hier keine dunklen Wolken mehr. Daniel Schwen Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Mueller hat den Demokraten einen Gefallen getan

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„The only way out is the way through“, sagen die Engländer. Die Demokraten werden nun zum Glück gezwungen, das anzuerkennen und können sich ab sofort auf Politik konzentrieren.

Das Warten auf den „Mueller-Report“ hatte immer etwas Mythisches. Viele Demokraten hechelten diesem Abschlussbericht des Sonderermittlers entgegen wie einem Showdown im Western. Da waren diese zwei Männer, der Bösewicht und der heroische Sheriff – hier der verlogene, rassistische Präsident mit der fetten Visage, der Diktatoren bewundert; dort der Ehrenmann, der Kriegsheld, der die republikanischen Werte verkörpert – beide übrigens weiß und Angehörige derselben Generation. Und dann zielt der Ehrenmann mit seinem Papierbündel auf den Präsidenten, und der Präsident fällt (metaphorisch gesprochen) tot um. Bumm. Impeachment, alles gut.

In Wahrheit war dies die Hoffnung auf eine ABKÜRZUNG. Ich gestehe, dass ich selber manchmal diese Hoffnung hatte. Irgendwie muss es doch schneller gehen, dachte ich. Irgendwie muss es doch möglich sein, diese schreckliche und schändliche Episode der amerikanischen Geschichte, in der wir kleine Kinder in Käfige sperren und uns mit Schurkenstaaten verbünden, vorzeitig zu beenden. Aber es geht nicht schneller. „The only way out is the way through“, wie die Engländer sagen: Wir finden aus diesem Schlamassel nicht heraus, wenn wir uns nicht ganz durchkämpfen.

Was genau Trump mit Russland verbindet, werden wahrscheinlich erst die Historiker in ca. hundert Jahren wissen. Klar ist, dass Russen 2016 im Wesentlichen den Wahlkampf für Trump geführt haben: via WikiLeaks und Facebook. Klar ist ferner, dass sich Angehörige von Trumps Wahlkampfteam mehr als hundertmal mit russischen Agenten getroffen haben. Klar auch, dass Trump sich wie ein Agent Putins benimmt – siehe sein Auftritt in Helsinki 2018, siehe seine vielfältigen Versuche, die NATO zu sabotieren.

Offenbar lässt sich aber nicht nachweisen, dass Trump von den Russen erpresst wird oder dass seine Geschäfte mit den Russen (über die er übrigens mehrfach gelogen hat) im strafrechtlichen Sinn kriminell waren. Allerdings war auch nie zu erwarten, dass ein Sonderermittler hier Klarheit schaffen würde. David Frum hat hierzu schon vor zwei Jahren das Nötige gesagt.

Die Kandidatensuche beginnt jetzt

Robert Mueller hat den Demokraten einen Gefallen getan, weil er seinen Bericht schon jetzt geliefert hat. Natürlich haben die Demokraten vollkommen recht, wenn sie fordern, dass dieser Bericht – den bisher nur zwei Menschen gelesen haben: Wilhelm Barr und Rod Rosenstein – öffentlich gemacht wird. Aber damit muss es dann auch genug sein. Es gibt kein Amtsenthebungsverfahren, keine „rauchende Pistole“, keinen schlagenden Beweis, keine Tonbänder wie im Watergate-Skandal. Es gibt keine Abkürzung.

Es hat in der amerikanischen Geschichte noch nie funktioniert, einen Präsidenten aus dem Weißen Haus zu vertreiben, weil er nach irgendwelchen alten Skandalen stinkt. Warum sollte es ausgerechnet dieses Mal klappen, bei einem Mann, der ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung hinter sich weiß, die ihn mit dem Messias verwechseln?

Die Demokraten haben jetzt zwei Jahre Zeit, sich einen Kandidaten oder eine Kandidatin zu suchen, die Chancen hat, gegen Trump zu gewinnen. Sie haben zwei Jahre Zeit, sich auf die wesentlichen Themen zu konzentrieren: Was hat Trump eigentlich für seine Wählerinnen und Wähler getan? Hat er ihnen allen eine Krankenversicherung besorgt, wie er versprochen hatte? Ist unter ihm die marode Infrastruktur der Vereinigten Staaten repariert worden? Ist es gelungen, die Einwanderung nach Amerika einzudämmen? Ist es gelungen, das Handelsdefizit der Vereinigten Staaten zu senken (das Trump völlig faktenfrei zu einem Indikator des wirtschaftlichen Erfolgs erklärt hat), oder hat es sich vielmehr vergrößert? Und wem hat Trumps dumme „tax reform“ – die einzige Errungenschaft der Trump-Präsidentschaft bisher – geholfen? Seinen Wählern etwa? Haben sich die Sicherheit und das Ansehen Amerikas unter Donald Trump vergrößert oder ist es vielmehr so, dass wir von unseren Verbündeten isoliert sind? Warum hat sich Jim Mattis noch mal gleich von seinem Posten verabschiedet? Hat Nordkorea aufgehört, mit Atomraketen auf Kalifornien zu zielen?

Wenn die Demokraten sich auf diese Themen konzentrieren, statt noch einmal die verlorene Schlacht von 2016 zu schlagen, dann haben sie eine Chance – eine Chance! mehr ist es nicht! –, 2020 die Wahl zu gewinnen. Kamala Harris macht vor, wie es geht.

Die eigentlich größte Nachricht dieser Tage ist, nebenbei bemerkt, gar nicht Robert Muellers Abschlussbericht. Die wichtigste Nachricht ist, dass gerade ein Eisberg, der so groß ist wie New York City, im Begriff ist, vom Brunt-Eisfeld loszubrechen und in den Ozean zu gleiten. Trotzdem – so erzählte mir Reinhard Mohr gerade am Telefon – rührt man in Deutschland immer noch an ein Tabu, wenn man für Kernenergie ist. Künftige Generationen werden wahrscheinlich überhaupt nicht verstehen, womit wir uns so die Zeit vertrieben haben.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".