Blöken viel und gerne, aber wenigstens nicht „Fake News“: Schafe Foto: Tobias Blanken

Die Wahrheit ersäufen

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Alles kann, nichts muss, warum eine kreative Zitiertechnik à la Ulrike Guérot und Robert Menasse an die Substanz geht.

Nach dem Abschuss der MH17 in der Ostukraine boten die vom russischen Staat kontrollierten In- und Auslandsmedien ein bizarres Schauspiel. Statt nüchtern über den Abschuss und den Stand der Ermittlungen zu berichten, fuhren die als verlängerter Arm des Kreml fungierenden Medien ständig andere, aber jeweils vollkommen unumstößlich klingende Erklärungen auf, wie es gewesen sein muss. „So und nicht anders“, mit bunten Animationen, mehr schlechten als rechten Photoshop-Kenntnissen und einem ausgeprägten Hang zum verschwörungstheoretischen Denken wurde eine vermeintlich ultimative Wahrheit nach der nächsten durchs Dorf gejagt.

Ein Vorgehen, das im ersten Moment erschreckend dumm anmutet, schließlich desavouieren sich diese vermeintlich ultimativen Wahrheiten gegenseitig; die Logik möchte „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“ schreien, nur dass die vom russischen Staat gelenkten Medien im Brustton der Überzeugung immer wieder neue und unumstößliche Abschussursachen präsentierten; weshalb, selbst wenn eine davon stimmen würde, nicht nur einmal, sondern etliche Male gelogen wurde.

Doch das Vorgehen ist nur im ersten Moment dumm, schließlich funktionierte das bizarre Schauspiel mit einer anderen Zielsetzung. Es ging den Kreml-Medien nie darum, durch logisches Argumentieren Überzeugungsarbeit für die eigene Sichtweise zu leisten, es ging darum, die Wahrheit in einem Meer von Unwahrheiten zu ersäufen. Mehr noch, der Nihilismus sollte befördert werden; die aufklärerische Vorstellung, dass man sich der Wahrheit immer weiter annähern kann, sollte durch eine Sichtweise ersetzt werden, bei der es eigentlich keine Wahrheit mehr gibt – oder unter hunderten von konkurrierenden Meinungen nur noch eine Geschmacksfrage ist. Die einen sagen dies, die anderen sagen das, nichts kann man mehr glauben (beziehungsweise wissen).

Donald Trump, der Lügenbaron von der anderen Atlantikseite, verfolgt mit seinem ewigen „Fake News!“-Geblöke eine ähnliche Strategie, die überprüfbare Wirklichkeit wird zur Disposition gestellt. Schlimmer, ihm wurde auch noch eine Vorbildfunktion zugewiesen, indem immer mehr Akteure – Rechte, Linke, Liberale, Ökos, Medien dies- und jenseits des Atlantiks – selbst dazu übergingen, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit „Fake!“ zu blöken. Statt zu benennen, was an einer Aussage, einem Artikel oder einer Studie konkret nicht stimmt, wird in schlechtester Trump’scher Manier der große Hammer rausgeholt: „Fake, Fake, Fake“ hallt’s wie organisierter Wahnsinn aus dem Internet, dem Radio, dem Fernsehen, Deutschland hat ein neues Lieblingswort.

Ulrike Guérot und Robert Menasse

Bereits 2017 hat der deutsche Historiker Heinrich August Winkler im SPIEGEL den Vorwurf erhoben, dass Ulrike Guérot und Robert Menasse in ihrem Trommeln für eine „Europäische Republik“ mit Zitaten operieren würden, die vermutlich unecht seien; die deutsche Politologin und der österreichische Schriftsteller würden sich Zitate von Walter Hallsteins zu eigen machen, die dieser – so zumindest der Forschungsstand – nie geäußert hat. Konkret liest sich Winklers Vorwurf folgendermaßen:

„Ist Walter Hallstein, der erste Präsident der Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in den Jahren 1958 bis 1967, wirklich der Vordenker der europäischen Sezessionisten, als der er neuerdings von einigen Autoren porträtiert wird? Drei mehr oder weniger gleichlautende Äußerungen werden ihm zugeschrieben. Erstens: ‚Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee.‘ Zweitens: ‚Das Ziel des europäischen Einigungsprozesses ist die Überwindung der Nationalstaaten.‘ Drittens: ‚Ziel ist und bleibt die Überwindung der Nation und die Organisation eines nachnationalen Europa.‘

In den Reden und Schriften Walter Hallsteins sind diese Aussagen nicht zu finden. Dennoch behaupten der österreichische Schriftsteller Robert Menasse, auf der Frankfurter Buchmesse soeben für seinen Brüssel-Roman ‚Die Hauptstadt‘ mit dem Deutschen Buchpreis geehrt, seine deutsche Mitstreiterin, die Politologin Ulrike Guérot, und nun auch Jakob Augstein (SPIEGEL 42/2017), dass Hallstein sich so geäußert habe. Augstein, der das dritte Zitat offenbar von Menasse übernimmt, mit der Einschränkung, der Kommissionspräsident ‚solle‘ dies gesagt haben.

Leider sagen Menasse und Guérot nicht, wo sie die angeblich wörtlichen Zitate von Hallstein gefunden haben, und wir erfahren von ihnen auch nicht, wann, wo und in welchem Zusammenhang er sich so geäußert haben soll. Menasse erwähnt wohl zwei wichtige Reden des Europapolitikers, aber was Hallstein dort sagt, widerspricht dem, was sein Interpret ihm unterstellt.“

Ein Vorwurf, der es durchaus in sich hat, schließlich ist das Hantieren mit unechten Zitaten alles andere als ein Kavaliersdelikt – Winkler selbst spricht im Folgenden davon, dass, wenn Menasse und Guérot auch zukünftig keine (seriösen) Quellen für die angeblichen Zitate nennen können, es sich um einen „Ausfluss einer postfaktischen Geschichtsbetrachtung“ handeln würde. Also um das, was gemeinhin als Geschichtsklitterei bezeichnet wird.

Phantasie kennt keine Grenzen

In der Chose um die angeblichen Falschzitate – die bei Gerald Krieghofer hier en détail nachverfolgt werden kann – tat sich lange wenig, bis DIE WELT im Windschatten der Relotius-Affäre davon berichtete, dass sie bei Menasse nachgehakt hat. Und das mit einem Ergebnis, das eindeutiger kaum sein könnte, Menasse gibt zu, dass die Zitate gar nicht von Hallstein stammen, sondern eine Eigenerfindung seien. Dies aber ohne größeres Unrechtsbewusstsein, als Rechtfertigung (Ausrede?) führt er laut WELT folgende Sätze an: „Die Quelle (Römische Rede) ist korrekt. Der Sinn ist korrekt. Die Wahrheit ist belegbar. Die These ist fruchtbar. Was fehlt, ist das Geringste: das Wortwörtliche.“ Und, überhaupt, das was er gemacht hat, sei „nicht zulässig – außer man ist Dichter und eben nicht Wissenschaftler oder Journalist“, womit er, der Schriftsteller, sich praktisch einen Freifahrtschein beim Zitieren ausstellt: Alles kann, nichts muss.

Was natürlich Bullshit ist, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Zunächst gibt die „Römische Rede“ auch nicht sinngemäß das her, was Menasse in sie hineinschreibt; Hallstein schwebte ein Souveränitätstransfer in bestimmten (aber eben nicht: allen) Bereichen vor, keine „Überwindung“ oder gar „Abschaffung“ der europäischen Nationen. Zudem gilt der vermeintliche Freifahrtschein für Dichter (lies: Schriftsteller) nur – und selbst das mit Einschränkungen; Maxim Biller weiß seit „Esra“ davon ein Lied zu singen – für das Schaffen auf dem Gebiet der Epik, Lyrik und Dramatik; begibt er sich jedoch in die politische Sphäre, unterliegt er denselben Rechten und Pflichten wie jeder x-beliebige andere Bürger, der Schriftsteller kann schlichtweg keinen Standesvorteil für sich in Anspruch nehmen.

Schließlich ist das „Wortwörtliche“ eben nicht das „Geringste“, denn hierbei handelt es sich um eine Tatsachenbehauptung. Weshalb vor Gericht bei einem falschen Zitat das durch Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG verfassungsrechtlich gewährleistete Persönlichkeitsrecht greift; zuletzt musste das etwa Lamya Kaddor erfahren, die sich vorm Berliner Landesgericht beim kreativen Zitieren auf ihre Meinungsfreiheit berief, sich dann aber vom Richter anhören musste, dass Zitate stimmen müssen.

Beim Paraphrasieren, also dem Umschreiben in eigenen Worten („Ulrike sagte, dass es ihr draußen zu kalt sei“) verbleibt noch ein gewisser Spielraum, beim wörtlichen Zitieren („‚Mir ist es draußen zu kalt‘, sagte Ulrike“) hingegen nicht, da es sich dort für alle erkennbar um eine direkte und ungefilterte Wiedergabe der Wirklichkeit handelt. Verfälscht man hier wissentlich die Wörter, handelt es sich um eine vorsätzlich unwahre Tatsachenbehauptung; man kann auch sagen: eine Lüge.

Ministry of Truth

Schlimmer noch, Menasse und Guérot (die, er ist’s gewesen, sich mittlerweile auf Unwissenheit beruft) haben die Lüge explizit als Wahrheit ausgegeben, etwa in diesem in der „Die Presse“ publiziertem Essay:

„Und die Träumer? Ach, die Träumer! Sie waren und sie sind die wahren Realisten, ihnen verdanken wir die schönsten Ideen und praktisch die Grundlagen des modernen Europa, die realpolitische Durchsetzung der vernünftigen, seinerzeit utopisch anmutenden Konsequenzen, die aus den Erfahrungen mit Nationalismus und europäischen Realpolitikern gezogen werden mussten, die den Kontinent in Schutt und Asche gelegt hatten. Der erste Präsident der Europäischen Kommission, Walter Hallstein, ein Deutscher, sagte: ‚Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee!‘ – ein Satz, den weder der heutige Kommissionspräsident noch die gegenwärtige deutsche Kanzlerin wagen würde auszusprechen. Wahrscheinlich wagen sie nicht einmal, ihn zu denken. Und doch ist dieser Satz die Wahrheit, auch wenn sie vergessen wurde.“

Und diese Umkehrung von Lüge und Wahrheit ist es, was Menasses (und Guérots) Vorgehen so furchtbar unappetitlich macht; es ist mehr als nur ein billiger rhetorischer Taschenspielertrick – einer Autorität die eigenen Gedanken in den Mund legen, um sich anschließend auf sie zu berufen –, es ist ein Vergehen an den Grundlagen einer offenen Gesellschaft. Einer offenen Gesellschaft, die so schon unter Druck ist; sich der Propaganda des Kremls, des amerikanischen „Fake News!“-Blökers erwehren muss, um nicht dem Wahnsinn des allgegenwärtigen Nihilismus anheimzufallen.

Was hilft? Statt politisierende österreichische Schriftsteller lieber noch einmal George Orwells „1984“ lesen und sich den Satz zu Herzen nehmen: „There was truth and there was untruth, and if you clung to the truth even against the whole world, you were not mad.“ Oder, schlichter, ganz ohne Pathos, sich einfach nicht auf eine Stufe mit Putin und Trump begeben und die Lüge Lüge und die Wahrheit Wahrheit sein lassen.




Mag Karl Popper, Brutalismus und die Ramones.