Freiheitsstatue vor New York. Im Hintergrund geht die Sonne unter. Markus Lukacevic / Ultor

Ami goes home

Für den Fall des Rückzugs der USA empfiehlt ein deutsch-amerikanisches Autorenduo, dass Deutschland europäische Führungsnation wird. Angst müsse davor niemand haben, wenn die Germans sich fürs „dienende Führen“ entscheiden.

Es ist eine Spezialität von Angela Merkel, Ansagen von großer Tragweite nicht mit Aplomb im Bundestag vorzutragen, wie es beispielsweise Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010 tat. Ihrem tastenden Politikstil entsprechend, verlautbart die Kanzlerin gern unverhofft und untertourig, quasi im Vorbeigehen. Sie spricht dann in mageren Worten und gerade so weit über der Wahrnehmungsschwelle, dass Freund, Feind und Medien den zugespielten Ball wie dressierte Seelöwen auf die Nase nehmen und drehend, drehend das mühsame Geschäft der politischen Willensbildung besorgen. Da steht die Kanzlerin wieder am Rand der Manege und beobachtet die Reaktionen des Publikums.

Besser rechtzeitig vorbereiten auf ein Ende der Pax Americana

Als sie vor zwei Monaten in einem Münchner Bierzelt sagte, die Zeiten, in denen sich Deutschland auf andere völlig habe verlassen können, seien „ein Stück weit vorbei“, war wieder so ein Merkel-Moment gekommen. Ihr Fazit aus ihrem ersten Treffen mit US-Präsident Trump, das unterkühlt bis desaströs verlief, musste man als Weckruf verstehen. Natürlich zog das Bierzelt-Zitat einen Rattenschwanz von Interpretationen und Fragezeichen hinter sich her. Dabei war ziemlich klar, was die Kanzlerin meinte: Auf diesen Mann darf Europa nicht bauen. Es ist gut beraten, sich auf ein Ende der Pax Americana vorzubereiten. Ami goes home. Und dann?

Die beiden Politikwissenschaftler Jan Techau und Leon Mangasarian hätten keinen besseren Erscheinungstermin für ihr Buch „Führungsmacht Deutschland – Strategie ohne Angst und Anmaßung“ wählen können. Auch wenn der Titel etwas anderes suggeriert, beschwören sie keine neue germanische Mittelmacht. Sie gehen der Frage nach, wie Deutschland und seine EU-Nachbarn auf Dauer die Rahmenbedingungen für das Staatsmodell sichern können, das ihnen die westlichen Siegermächte per Nachkriegsordnung bescherten. Es geht den Autoren um die Bewahrung der westlichen Werte und Freiheiten, die heute nicht nur von autokratischen Regimen in Frage gestellt werden, sondern auch von rechten Ideologen in den „reifen“ westlichen Gesellschaften selbst. 

Weltflucht als „rückblickender Widerstand gegen Hitler“

Jan Techau, Jahrgang 1972, ist Direktor des Richard C. Holbrooke-Forums in Berlin, man darf dem Deutschen also eine grundlegende Amerika-Sympathie unterstellen. Zuvor war Techau einige Jahre im Verteidigungsministerium tätig, was ein interessantes Licht auf die Passagen im Buch wirft, in denen vom beklagenswerten Zustand der Bundeswehr die Rede ist. Der Amerikaner Leon Mangasarian wurde 1960 in Kalifornien geboren und kam 1987 nach Deutschland, wo er bald für Bloomberg News über den Fall der Mauer und den Einigungsprozess berichteten konnte und blieb. Inzwischen hat er die vielleicht tiefste Form des Deutschseins erreicht: Er besitzt deutschen Wald und brandenburgische Streuobstwiesen.

Der Blick des „Fremden“ auf das Eigene ist fast immer erhellend und oft amüsant. Das gilt auch für dieses Buch, wenn es zum Beispiel heißt: „Die Deutschen haben nicht nur ihre dunkle Vergangenheit analysiert, sie neigten mit zunehmender Aufarbeitung nicht selten auch zur missionarischen Verbreitung ihres eigenen historischen Exorzismus. Er gab ihnen das Gefühl, moralisch sauber zu bleiben und befreite sie von den schwierigen Kompromissen, die das Praxisgeschäft der internationalen Politik stets abfordert. Das führte häufig zu einer Verweigerung der Erkenntnis, dass nationale Verantwortung nicht nur rückblickenden Widerstand gegen Hitler bedeutet, sondern auch einen Beitrag zur Stabilisierung der gegenwärtigen Welt.“

Brunnenbau in Afghanistan und andere Lebenslügen

Man muss kein großer Bellizist sein, um einzusehen, dass die eingeübte Zurückhaltung der Deutschen bei internationalen Kriegseinsätzen „ein Stück weit vorbei“ sein wird, wenn die Pax Americana bröckelt.  Jahre der Selbsttäuschung und der Begriffskosmetik liegen hinter uns. Heute ist klar: In Afghanistan schützt die Bundeswehr nicht nur den Bau von Brunnen und Mädchenschulen. Eine erfolgreiche Außenpolitik muss auch die Voraussetzungen für solche Projekte schaffen können – notfalls mit militärischen Mitteln. In Afghanistan haben die US-Streitkräfte unter hohem Einsatz und mit zweifelhaftem Erfolg gekämpft. Würden sie es auch in der Ukraine tun, wenn der Konflikt mit Russland weiter eskaliert und die EU militärisch nicht eingreifen kann oder will?

In Deutschland, wo Militarismus und Nationalismus an den Rand der Selbstauslöschung geführt haben, sind solche Planspiele so populär wie Fußpilz. Alle Meinungsumfragen zeigen, dass die Mehrheit in sicherheitspolitischen Fragen recht insular aufs Weltgeschehen blickt. Techau/Mangasarian nehmen keine Rücksicht auf diese Befindlichkeiten. Sie fordern die deutsche Politik auf, eine außenpolitische Strategie zu entwickeln, die auch den Ernstfall für die Bundeswehr definiert und auf eine europäische Streitmacht einschließlich nuklearer Waffen setzt. Es müsse entschieden werden, ob die „alten“ Atommächte Frankreich und Großbritannien einen nuklearen Schutzschirm über ganz Europa spannen könnten. Oder ob weitere Anstrengungen nötig seien. 

Es ist, wie es ist: Amerika hat im Nahen Osten Fakten geschaffen

Die Autoren sind klug genug, keine Zahlen zu nennen, was verteidigungspolitische Investitionen im Bund oder die Kosten einer EU-weiten Synchronisierung der Waffensysteme betrifft. Explizit werden sie beim „Problem“ der Parlaments-Armee wie sie das Grundgesetz nun einmal vorsieht: „Die Idee eines Parlamentsheeres ist in Wirklichkeit die Schutzbehauptung einer politischen Klasse, die so sehr gegen den Einsatz von Streitkräften voreingenommen ist, dass sie sogar die Bündnisfähigkeit Deutschlands zu riskieren bereit ist, um die schmerzvollen moralischen Abwägungsprozesse beim Einsatz von Streitkräften zu vermeiden.“ Das ist starker Tobak und ziemlich frech. Denn die Frage nach dem Erfolg amerikanischer Militäreinsätze, insbesondere im Nahen Osten, stellen die Autoren nicht. Die Fakten, die in dieser Weltregion geschaffen wurden, werden als gegeben vorausgesetzt. 

Es stimmt ja: Trotz der Flächenbrände und Krisen im Nahen Osten, trotz ungelöster Flüchtlingsproblematik und trotz Euro-Sklerose geht es der Exportnation Deutschland erstaunlich gut. Dazu schreiben Techau/Mangasarian: „Deutschland und Europa sind abhängig von globalen Handelsströmen, sind existenziell von einer globalen Ordnung abhängig, die sie selbst nicht garantieren können.“ Und weiter: „Deutschland muss ein Verständnis für die eigene Größe und Gestaltungsmacht bekommen (…), es muss den intellektuellen Anspruch entwickeln, eine solche Führungsrolle auch inhaltlich anspruchsvoll und politisch sensibel auszufüllen.“

London und Paris sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt

Nicht auf eigenen Wunsch und nicht primär durch eigenes Tun sei Deutschland in die Rolle der europäischen Führungsmacht gerutscht, sondern durch die bekanntenTurbulenzen in Großbritannien und das wirtschaftlich kränkelnde Frankreich: „Deutschland wird auch aufgewertet durch die Schwäche anderer.“ Die britischen Brexit-Befürworter dürften das anders sehen – oder zumindest für die Zukunft anderes hoffen. Die Wahl von Emmanuel Macron gab zwar den Schwarzsehern Unrecht. Eine EU unter Kommando der „boches“ wünschen sich jedoch auch die europafreundlichsten Franzosen nicht. Wie also soll Deutschland führen, ohne dass den anderen angst und bange wird?

Hier bringen die Autoren das Modell des „Servant Leader“ ins Spiel, das vor 50 Jahren von Robert Greenleaf entwickelt wurde und in den USA eine weithin akzeptierte Methode der Mitarbeiterführung ist. Im Kern geht es darum, Management und Führung durch ein umsichtiges Handeln zum Wohle aller zu legitimieren. Dabei muss der „Servant Leader“ darauf vertrauen, „dass seine eigenen Interessen dann am stärksten befördert werden, wenn die der anderen zuerst bedient werden.“ Eine plumpe Zurschaustellung von Macht verbietet sich genauso wie das Übergehen von Schwächeren. Dem guten „Servant Leader“ geht es um langfristige, klar definierte Interessen, nicht um die kurzfristige Mitnahme des schnellen Gewinns. Dafür muss er wirtschaftlich stark und „militärisch fit“ sein. 

Deutschland als „Servant Leader“

Es ist nachvollziehbar, dass Techau/Mangasarian die Merkelsche Politik zur Stabilisierung des Euro in das Licht von „Servant Leadership“ rücken. Auch Merkels prinzipientreue Haltung gegenüber Russland in der Ukraine-Krise, massive Nachteile für die deutsche Wirtschaft in Kauf nehmend, bewerten die Autoren als dienende Führerschaft. Kurz gesagt: Die Kanzlerin zeigt in ihren Augen gute Ansätze, fällt aber immer wieder in ihren bewährten Modus der „Politik auf Sicht“ zurück. Reaktives Führen aber sei ein Widerspruch in sich. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Man kann darüber streiten, ob das Konzept des „Servant Leader“ für politische Zusammenhänge taugt. Es suggeriert Kooperation und Egalität, wo es stets auch um Hegemonie und Handlungszwänge geht. Angestellte können kündigen, für unterdrückte Staaten steht kein Ausweichglobus zur Verfügung. Auch müssen die Mitglieder eines Arbeitsteams selten damit umgehen, dass sich ihre Großväter und Urgroßväter einst gegenseitig totgeschossen haben. Aber es stimmt ja: Die europäischen Feinbilder sind verblasst. Nicht per Dekret, sondern durch die Erfahrung von jahrzehntelanger Kooperation und allseitigem Gewinn. Es ist der materielle Nutzen, der sich vor heroische Selbstkonzepte schiebt. Daran haben nur die Hasardeure der politischen Ränder etwas auszusetzen.

Kein zweiter Regierungschef in der EU führt so unprätentiös wie Angela Merkel. Ihr Pragmatismus und ihr konsequenter Verzicht auf machtpolitische Gockeleien sind nicht nur sympathisch, sondern essenziell für ihre Führungsrolle in der EU. Es ist das klug Taktierende, das Wartenkönnen, das diese Frau so virtuos beherrscht und das auch Teil jeder „Servant Leadership“ ist. Der „Servant Leader“ zeichnet sich aber auch durch klar kommunizierte Ziele, Haltung und ein beherztes Umsetzen der für richtig erkannten Inhalte aus. Das klingt nicht nach Angela Merkel. Doch für Überraschungen war die deutsche Kanzlerin immer gut, und das neue deutsch-französische Tandem gibt Anlass zu frischem EU-Optimismus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leon Mangasarian/Jan Techau: Führungsmacht Deutschland. Strategie ohne Angst und Anmaßung. Erschienen bei dtv. 176 Seiten. 20,00 Euro.




Ellen Daniel begann ihr Leben im Taunus bei Frankfurt. Frankophile Neigungen zeigte sie schon als Elfjährige, nach dem Politik-Studium reichte es aber nur für Belgien: In Brüssel lernte sie zunächst als Korrespondentin, dann als Pressesprecherin im Europaparlament die EU von innen kennen. Später ging sie zum "Focus", wo sie Redakteurin im Auslands- und später im Kulturressort war und viel herumreiste. Heute arbeitet sie im Marketing für SOS-Kinderdorf. Sie ist überzeugte Europäerin und bodenständige Internationalistin, im allgemeinen wie im kulinarischen Leben.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com