Philipp Ruch vom "Zentrum für Politische Schönheit" Wikipedia / Tobias Klenze / CC-BY-SA 4.0

Aschfahl

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Das „Zentrum für Politische Schönheit“ möchte mal wieder aufrütteln. Doch der Missbrauch der Asche von Holocaustopfern ist eine geschmacklose Selbstermächtigung.

„Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.“

Niemand Geringerem als Richard Wagner wird dieses Zitat immer wieder zugeschrieben, und das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu Unrecht.

Ebenfalls mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit darf man davon ausgehen, dass die Getreuen des „Zentrums für Politische Schönheit“ Richard Wagner nicht zu ihren Vorbildern zählen. Aber, wie der Engländer sagt: Two wrongs sometimes make a right.
Denn wie nah die organisierte Schönheit dem verhassten Wagner im Geiste doch ist, haben ihre Protagonisten mit der Aufstellung einer Säule im Berliner Regierungsviertel, in der sich die Asche von Opfern des Holocaust befinden soll, heute wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Lang und bemerkenswert bereits die Kette an Selbstermächtigungen, die einer solchen Grenzüberschreitung an diesem Ort vorausgegangen sein muss. Und doch: Kein Augenblick der Selbstreflexion und kein noch so kurzer Moment kritischen Innehaltens störten die Inszenierung der eigenen Tugendhaftigkeit, die – sprachlich korrekt verbrämt – als „Gedenkstätte gegen den Verrat an der Demokratie“ gefeiert wurde und die sich doch die AfD kaum schöner hätte ausdenken können.

Dass nämlich mit einer solchen Verjahrmarktung der Geschichte kein Kampf um die Demokratie zu führen, geschweige denn zu gewinnen ist, sollte eigentlich für jedermann auf der Hand liegen. Nur wer vom alles überstrahlenden Wunsch nach Richtigkeit so verblendet ist, dass er freudig die gute Sache um ihrer selbst willen über Bord wirft, kann wirklich glauben, es würde der AfD irgendwie schaden, wenn man die Asche ermordeter Juden aus der Erde holt, um sie im Zuge eines billigen Politstunts vor dem Bundestag aufzubauen. Die Trivialisierung des Unfassbaren und die beiläufige Verfüllung des zivilisatorischen Abgrunds, der der Holocaust war und bleibt, sind eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad, wie Björn Höcke sie sich nicht schöner neben der Kornblume ans Revers hätte heften können.




Studierter Historiker aus München, leidenschaftlicher Kartensammler und im Brotberuf in der jüdischen Bildungsarbeit aktiv. Bestens vertraut mit der Rolle als liberaler Exot und Quotenkapitalist. Hier und bei den Ruhrbaronen schreibt er zu deutscher und amerikanischer Politik und Israel. Sein Motto: „Geheimratsecken wollen auch schön eingerichtet sein!“