Kann mit militärischen Interventionen des Westens nur wenig anfangen: Entsorgungsexperte und AfD-Fraktionsvorsitzender Alexander Gauland Olaf Kosinsky/Skillshare.eu | CC BY-SA 3.0 de

Bundeswehr come home!

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Die AfD-Fraktion im Bundestag hat sich diese Woche unter anderem damit beschäftigt, ihre Abneigung gegenüber Bundeswehreinsätzen im Nahen Osten zu demonstrieren. Ein Einblick in außenpolitische Irrungen und Wirrungen.

Wer wissen möchte, wie man mit der „Alternative für Deutschland“ im Bundestag umgehen soll, findet bei Google rasch eine Antwort. Für die Stichwörter „Afd“ „Bundestag“ und „umgehen“ liefert die Suchmaschine in 0.22 Sekunden immerhin rund 111.000 Suchergebnisse, die von „Nicht ausgrenzen!“ bis hin zu „Entlarven!“ für jeden Geschmack etwas bieten. Dass es allerdings auch ohne Google, dafür mit viel Pathos und am Ende ziemlich daneben gehen kann, bewies jüngst die Linken-Abgeordnete Christine Buchholz.

Der dritte Sitzungstag des Deutschen Bundestags war gerade angebrochen, zur Debatte stand der Antrag der Bundesregierung, den Bundeswehreinsatz in Mali im Rahmen der UN-Stabilisierungsmission (MINUSMA) um drei Monate zu verlängern. Der AfD-Abgeordnete Rüdiger Lucassen hatte kurz zuvor in seiner Rede gleich zwei Haltungen zum Thema präsentiert. Das Agieren der Bundeswehr in Mali lehnt er offenbar nicht per se ab, es ist ihm aber zu dürftig. In den Hauptausschuss will er den Antrag zwecks weiterer Beratung jedoch auch nicht überweisen. Von derlei Dissonanzen unbeeindruckt ergriff sodann Christine Buchholz das Wort, um ihrer Souveränität im Umgang mit der AfD Ausdruck zu verleihen. „Die AfD ist nicht nur rassistisch und nationalistisch, nein, sie ist auch militaristisch!“, so die Diagnose der verteidigungspolitischen Sprecherin der Links-Fraktion.

Nun kann man der AfD tatsächlich vieles vorwerfen. Ihr ein Faible für militärische Einsätze aller Art nachzusagen, wäre allerdings recht gewagt. Erst am Vortag hatte die AfD ihre Stimme gegen den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan und gegen das militärische Engagement im Kampf gegen den IS erhoben. Auch der Einsatz im Nordirak sollte bei der AfD später keine Sympathie erfahren. Insgesamt sieben Einsatz-Verlängerungen, vom Mittelmeer bis nach Darfur, standen an diesen beiden Sitzungstagen zur Diskussion. Nur drei davon konnte die AfD gerade so mit sich vereinbaren. Aber eventuell sind das auch schon drei zu viel. Oder Frau Buchholtz hat die vergangenen 24 Stunden in einem anderen Parlament verbracht. Man weiß es nicht.

Die Käßmannisierung der AfD schreitet voran

Jedenfalls scheinen schon allein die Ansichten Alexander Gaulands zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ein wenig an ihr vorbeigegangen zu sein. Schon am Tag zuvor meldete er sich diesbezüglich zu Wort. Immerhin kennt sich Gauland mit Soldaten aus, mit denen der Wehrmacht insbesondere. Eine wichtige Voraussetzung, um das Geschehen in Afghanistan beurteilen zu können. „Korruption, Drogen, Terroranschläge, Chaos und Flucht – das ist die Bilanz in Afghanistan“, so die Einschätzung des Fraktionsvorsitzenden, der dafür plädiert, „das offensichtliche Scheitern des Westens am Hindukusch einzugestehen“. Wobei Gauland freilich nicht in die Verlegenheit gerät, seine Diagnose zu konkretisieren. Nichts ist gut in Afghanistan, und das schon seit gut 17 Jahren. Basta. Die Käßmannisierung der AfD scheint zumindest an dieser Stelle kaum noch zu stoppen zu sein. Den Antrag lehnt er im Namen der Fraktion daher auch ab. Nicht jedoch, ohne zuvor noch dem wutbürgerlichen Blutdruck etwas Gutes zu tun:

„Noch immer fliehen hunderttausende Afghanen innerhalb der Landesgrenzen und auch nach Deutschland. Im Jahre 2000 stellten rund 5400 Afghanen einen Asylantrag in Deutschland. Im vergangen Jahr waren es 227.000  Asylanträge. Das ist 42 Mal mehr als auf dem Höhepunkt der Herrschaft der Taliban. Und jetzt wollen Sie erneut deutsche Soldaten zur Staatenrettung nach Afghanistan schicken, während afghanische Flüchtlinge auf dem Ku‘damm Kaffee trinken, anstatt beim Wiederaufbau zu helfen.“

Nun könnte man sich freilich fragen, wieso Menschen aus einem Land fliehen, das bis vor kurzem noch mit Wahlen und die Schule besuchenden Mädchen von sich reden machte; warum und seit wann es in Afghanistan eigentlich scheitert, und ob die Flüchtlinge sich tatsächlich „noch immer“, oder nicht doch eher schon wieder auf den Weg begeben. Aber mit derlei Kleinigkeiten muss sich ein „Mut zur Wahrheit!“-Politiker nicht abgeben. Er muss auch nicht die strategische Bedeutung Afghanistans erwähnen, das immer wieder zur Brutstätte des internationalen Terrors geriet, der sich schlussendlich zwischen Hamburg-Harburg und New York City entfaltete. Es hat einen AfD-Abgeordneten auch nicht weiter zu interessieren, dass Al Qaida und die sie beherbergenden Taliban schnell in die Annalen der Geschichte befördert wurden, nachdem die Internationale Gemeinschaft 2001 am Hindukusch intervenierte – und dass vor allem die Taliban erst dann wieder ihr Comeback feierten, als der Westen unter Führung der USA größtenteils abgezogen war. Auch die Ausbreitung des IS und die Verwicklung des atomar bewaffneten Nachbarn Pakistan sind daneben Peanuts. Und sollten die nunmehr von Russland unterstützen Taliban im Angesicht des Islamischen Staates zum „kleineren  Übel“ befördert werden, wie es zuletzt auch schon mit Baschar al-Assad in Syrien der Fall war, dann wäre es schließlich etwas ungünstig, wenn die Bundeswehr sich Seit an Seit mit den westlichen Partnern gegen die Interessen des Kremls stellen müsste – zumindest aus gauländischer Perspektive, von wo aus den Beziehungen zu Russland seit je her besondere Signifikanz zukommt.

Despotistan first!

Ganz ähnlich hält es auch sein brandenburgischer Kollege Norbert Kleinwächter, der sich zuvor um den Einsatz der Bundeswehr im Kampf gegen den IS (COUNTER DAESH) kümmerte und dabei eine „Dehnung des Rechts bis zur Unkenntlichkeit“ ermittelte. Nun hätte man gerade von der AfD etwas mehr Einsatz erwartet, wenn es um die Rettung des Abendlandes vor mordenden Terrorbanden geht. Kleinwächter jedoch, der seine ersten politischen Schritte in Oskar Lafontaines WASG machte, kann damit leider nicht dienen. Die Verlängerung des Einsatzes lehnt der studierte Romanist und Theaterwissenschaftler im Namen seiner Fraktion aus einer Reihe von Gründen (der Antrag enthalte etwa „zu viele Falschaussagen“) ab. Vor allem ist es jedoch die Verletzung der Souveränität Syriens, die ihn umtreibt und zu seinem Veto bewegt. Lieber wäre ihm „Politik mit Anstand“, so seine abschließenden Worte – womit er beweist, dass sich ein Studium der Theaterwissenschaften auch in parlamentarischen Gefilden auszahlen kann.

Ähnlich besorgt wirkt Kollege Ulrich Oehme aus Sachsen. Seinen Wahlkampf bestritt er unter anderem noch mithilfe der SS-Losung „Alles für Deutschland!“. Nun jedoch, da die Verlängerung des Bundeswehr-Einsatzes in der Region Kurdistan-Irak ins Haus steht, muss offenbar auch viel für Despotistan getan werden. Freilich habe die AfD „grundsätzlich eine Sympathie für Völker, die nach Souveränität und Selbstbestimmung streben“ – selbst dann, wenn es sich dabei um Kurden handelt. Noch mehr Sympathie scheint der sächsische PR-Profi jedoch für die Türkei Erdogans, immerhin ein Bündnispartner, zu hegen. Denn in dessen Vorgarten hat die Bundeswehr laut Oehme daher nichts zu suchen. Von Assad, dessen Lust auf „Kooperation“ durch die Präsenz deutscher Bundeswehrsoldaten womöglich schwinden könnte, ganz zu schweigen. Und so gilt auch hier: Bundeswehr come home, aber presto!

„Über westliche Arroganz“ – von und mit Alexander Gauland

Letztlich musste man ebenso in Alexander Gaulands Rede-Beitrag aus der „Aktuellen Stunde“ zum Thema Nahost reichlich lange nach militaristischen Geschmackstoffen fahnden. Die „wirklich machtpolitischen Spieler“ in dieser Region seien heute vor allem die USA und Russland, Saudi-Arabien, der Iran und die Türkei. Deutschland habe nicht den geringsten Einfluss – und „darüber bin ich nicht einmal traurig“, bekennt Gauland. Ohnehin seien es vor allem die „fehlgeleiteten Interventionen westlicher Mächte“, die die Stabilität der Region immer weiter geschwächt hätten – wobei ihm zu diesem Thema vor allem die Balfour-Deklaration sowie der UN-Teilungsplan für Palästina einfallen. Arrogante Verfehlungen des Westens, die zu all den Krisen führten, von denen Alexander Gauland heute möglichst wenig wissen will. An erster Stelle sei da der „Konflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn“ zu nennen, gefolgt immerhin von den Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten, während das Vormachtstreben des Irans in Gaulands kleinem 1×1 des Nahen Ostens keine Erwähnung findet. Sei’s drum. Schon wenige Tage nach 9/11 machte Gauland im „Fremdkörper Israel“ eine der Ursachen „verletzten Stolzes“ unter Arabern aus, der schließlich zu Hass führe und Terror gebäre. Und was 2001 schon richtig erschien, kann heute ja nicht ganz falsch sein. Nicht mörderischer Hass auf Juden, nicht blutdürstige Despoten, nicht Fundamentalisten sind schuld an all den Dramen im Nahen Osten, sondern der Westen. Womit Alexander Gauland en passant demonstriert, wie harmonisch es zwischen deutschnational parfümierten Rechten und antiimperialistischen Linken zugehen könnte, wenn sie sich nur endlich trauen würden.

Sein Herzensthema spart sich Gauland jedoch für das Finale auf: das Existenzrecht Israels als Teil deutscher Staatsräson, was ihn schon am Tag nach der Wahl deutlich umtrieb. Das Bekenntnis an sich wiederum befindet er als „moralisch richtig“ – bloß nicht als richtig genug, um ihm nicht doch noch ein großes „aber“ folgen zu lassen. Immerhin enthalte es die Verpflichtung, im „Ernstfall einer existentiellen Bedrohung Israels an dessen Seite zu kämpfen und unter Umständen zu sterben.“ Und weiter: „Ich bin mir nicht sicher, ob alle in Deutschland wissen, was diese Verpflichtung bedeutet.“ Was Gauland selbst davon hält, ob er gar „traurig“ wäre, wenn Deutschland endlich einen Schlussstrich unter derlei Bekenntnisse ziehen würde, verschweigt er indes elegant. Stabiles Engagement für die Sicherheit Israels klingt zumindest etwas anders.

Alternative für Diktatoren

Ohnehin wäre es nicht fair, den Abbau der deutsch-israelischen Beziehungen und die Demontage der Westbindung ausschließlich der Linkspartei zuzugestehen. Wettbewerb belebt schließlich das Geschäft. Das könnte theoretisch auch Christine Buchholz bekannt sein. Insoweit hatte der CSU-Abgeordnete Florian Hahn auch nicht ganz unrecht, als er der Linken-Abgeordneten auf den Kopf hin zu sagte, sie habe mit ihrer Intervention „ein Handtuch über die große Übereinstimmung dieser beiden Fraktionen in der Frage MINUSMA legen“ wollen. „Beide Fraktionen haben nur gesagt, was alles nicht geht und was alles falsch ist. Aber sie haben nicht gesagt, wie sie eigentlich mit Mali umgehen wollen.“

Darüber hinaus haben beide Fraktionen nicht verraten, was sie im Nahen Osten zu tun gedenken, um Terrorismus, Krieg, Elend und den damit verbundenen Implikationen für Deutschland vorzubeugen. Aber vielleicht sind sie sowieso ganz glücklich damit, gar nichts zu tun und den Putins, Rohanis und Assads das Spielfeld zu überlassen. Immerhin verdienen auch Diktatoren und Despoten eine echte „Alternative“, die in ihrem Sinne agiert.




Jennifer Nathalie Pyka hat Politikwissenschaft studiert, lebt und arbeitet selbstständig in München sowie in San Francisco und bloggt daneben seit 2010 über Politik und weitere Intimitäten.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com