Chefingenieur Montgomery "Scotty" Scott (rechts) erklärt die Lage. Foto: Memory Alpha / Paramount Pictures

Captain, wir haben ein Arroganz-Problem!

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Wer hart arbeitet, kommt weiter? Harvard-Professor Michael J. Sandel hat aufgeschrieben, wie das Aufstiegsmantra von der „fairen Chance für alle“ das Gemeinwohl vergiften und den Erfolg der Populisten vorbereiten konnte.

„Diversität“ ist das Modewort der Stunde, dabei wird nach Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Orientierung und kultureller Prägung unterschieden. Eine Kategorie, die ebenfalls stark beeinflusst, wie Menschen aufwachsen, wie sie leben und auf welche Ressourcen sie bei der Bewältigung ihrer Probleme zurückgreifen können, spielt in diesem Diskurs merkwürdigerweise selten eine Rolle: die Klassen- oder Schichtzugehörigkeit.

Das ist kein Zufall, denn die Großstadt-Akademiker, die diesen Diskurs typischerweise führen, schätzen zwar eine gewisse Exotik, gesellen sich aber gern Gleich zu Gleich, wenn es um die Wahl des Wohnquartiers und den Berufsalltag geht. Längst haben sich etwa die Redaktionen zu Biotopen eines Bildungsbürgertums zweiter und dritter Generation entwickelt, auch deshalb, weil immer weniger Journalisten von ihrem Einkommen leben können und elterliches Vermögen oder das Einkommen des Partners zur Subventionierung ihres beruflichen Tuns heranziehen. Journalistin oder Journalist sein – das muss man sich heute erst mal leisten können.*

Hauptsache Akademiker

Wenn schon die oberste Deutungskaste ohne Murren akzeptiert, dass ihre Lebensumstände immer prekärer werden, ist von anderen Geistesberufen erst recht keine Volte zu erwarten. Hier wie dort meint man, „es“ geschafft zu haben, wenn man mit einem klingenden Jobtitel aufwarten kann. Dass ein Zeitvertrag den nächsten jagt, obwohl der Chef unter vier Augen stets beteuert, man sei das beste Pferd im Stall und werde ganz sicher weiter beschäftigt, gilt in der Kreativbranche inzwischen als normal. Was zählt, ist Prestige, und das bieten Akademiker-Berufe mit Selbstverwirklichungs-Gloriole noch immer reichlich.

In seinem Buch „Das Ende des Gemeinwohls“ konfrontiert der Amerikaner Michael J. Sandel seine Leser mit den Absurditäten eines Systems, das sich als Meritokratie präsentiert und dabei oft lügt. Gern rede sich beispielsweise die nicht vermögende Mittelschicht ihre Lage als lohnabhängige Arbeitsarmee schön. Dabei habe sie eine stupende Blindheit für alles entwickelt, was man einst Klassenunterschied nannte. Das wie eine Möhre vor die Nase gehaltene Aufstiegsversprechen mache diese emsige Schicht nicht nur blind für Macht, die auf „altem Geld“ und Beziehungen beruht. Es suggeriere ihr auch mit großem Erfolg, dass die, die wirklich „oben“ sind, dort Kraft ihrer Leistung stehen und ihr Gehalt deshalb verdienen, wie hoch es auch immer sein mag.

Die Efeu-Liga zeigt sich erkenntlich

Als schillernden Beleg für diese Form der (Selbst-) Täuschung führt der in Harvard lehrende Philosophieprofessor Sandel den Skandal um den „College-Berater“ Rick Singer an, der 2019 die amerikanische Öffentlichkeit bewegte. Singer hatte ein raffiniertes Bestechungssystem erschaffen, mit dem er reichen Eltern garantierte, ihre Kinder an jenen Elite-Universitäten unterzubringen, die als sicheres Ticket an die Spitze der Gesellschaft gelten. Es genügte offenbar nicht, die privilegierten Nachkommen mit Aktienpaketen und Chefposten für die Zukunft auszustatten. Der Status musste durch ein Diplom der „Ivy League“ meritokratisch veredelt werden.

Die Kehrseite dieser Entwicklung hält Sandel für eines der größten Probleme westlicher  Demokratien, weil sie den Boden für rechten wie linken Populismus bereite: Je mehr soziale Mobilität in einer Gesellschaft als gegeben erachtet werde, desto unverhohlener degradiere sie Menschen, die ihren Lebensunterhalt nach wie vor mit einer nicht-akademischen Tätigkeit bestreiten wollen oder müssen, zum Beispiel als Verkäuferin, als Tankwart oder Nachtwächterin.

Wer jetzt noch unten ist, ist doof

Zwar stelle niemand die Notwendigkeit solcher Tätigkeiten infrage, argumentiert der Autor. Auch sehe jeder ein, dass ein Tankwart nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage nicht das Gehalt eines Piloten erwarten könne. Von neuer Qualität sei jedoch die ungeschminkte Arroganz, mit der man auf diese „Unteren“ herabsehe. Fatalerweise habe vor allem der marktfreundliche Mitte-Links-Liberalismus à la Blair, Schröder, Clinton mit seinem Mantra vom Aufstieg für alle Willigen („Jeder soll so weit kommen, wie sein Talent und sein Fleiß ihn tragen“) die wirtschaftliche Ungleichheit nicht nur vergrößert, sondern auch zum Schaden der einfachen Berufe umetikettiert: Wer jetzt noch „unten“ ist, ist doof oder faul. 

Sandel untersucht Begriffe wie Gerechtigkeit, Ansehen, Verdienst und Wert auf einer großen tour d’horizon auf ihren philosophischen und ideengeschichtlichen Gehalt und zeigt unter anderem, dass eine calvinistische Tradition den Glauben an die „Gottgewolltheit“ scharfer sozialer Unterschiede auch heute noch besonders zu befeuern scheint. Wer reich, schön und gesund ist, hat es in dieser Denkungsart auch in einem höheren Sinne verdient, denn Gott sendet den Menschen durch ihren weltlichen Erfolg Zeichen, dass sie im Himmelreich begnadet und auserwählt sein werden. Während eine große Mehrheit der Amerikaner und eine knappe Mehrheit der Briten an die Fairness der Leistungsgesellschaft glaubt, ist es in Deutschland weniger als die Hälfte, in Frankreich eine noch kleinere Minderheit.

Weniger Einkommen als vor 40 Jahren

Dennoch ist der Autor der Meinung, dass weniger der reale oder gefühlte Abstieg als die „verhöhnende Phrase vom Aufstieg“ (das inflationsbereinigte Median-Einkommen von Männern im erwerbsfähigen Alter liegt in den USA heute mit 36.000 Dollar jährlich niedriger als vor 40 Jahren) der Grund für die Wut ist, die Politiker vom Schlage eines Donald Trump oder Boris Johnson an die Macht gebracht hat. Dass die Arroganz der Eliten gerade in den vermeintlich arbeitnehmerfreundlichen Parteien das Beet für den Populismus bereitet hat, ist kein origineller Gedanke. Sandel zeigt auf, wie diese Eliten mit den besten Vorsätzen zynisch wurden, wie fest das Trugbild von der Meritokratie in unserer Wahrnehmung verankert ist und wie zersetzend die Entwürdigung einfacher Arbeit auf das Gemeinwohl wirkt.

So erklärt sich auch der pointierte Untertitel seines Buches, das zwar nicht die Systemfrage stellt, wohl aber einen verbindlicheren Kapitalismus fordert. Einen, der den wirklich Reichen höhere Abgaben zumutet und einfache Arbeit nicht nur anständig bezahlt, sondern auch in ihrer Würde anerkennt. Auch das ist in keiner Weise originell, aber vielleicht trotzdem richtig. Mehr Bodenhaftung und weniger Besoffenheit für die Abgehobenen also, oder, um es mit der berühmten Phrase aus „Star Trek“ und Scotty an Kommandant Kirk zu sagen: „Captain, wir haben ein Arroganz-Problem.“ Vielleicht beim nächsten Mal dran denken, wenn der alte weiße Mann als Popanz herhalten muss, egal, ob er sein Geld bei der Stadtreinigung oder als DAX-Vorstand verdient? Das wäre mal was.

Michael J. Sandel: Vom Ende des Gemeinwohls – Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt S. Fischer Verlag, 25 Euro.

*Die Autorin schreibt, wie alle Autoren der Salonkolumnisten, ohne Honorar oder sonstige Zuwendungen. Sie ermöglicht sich das mit einem sogenannten Brotberuf.




Ellen Daniel wurde 1968 in Hofheim am Taunus geboren und studierte Politikwissenschaft. Nach ihrem Master ging sie nach Brüssel, wo sie von 1994 bis 1999 Pressesprecherin der Sozialdemokraten im Europaparlament und Brüssel-Korrespondentin für verschiedene Tageszeitungen (u.a. Nürnberger Nachrichten, Passauer Neue Presse) und den Nachrichtendienst vwd Vereinigte Wirtschaftsdienste war. 1999 kehrte sie nach Deutschland zurück und war bis 2015 Redakteurin beim Nachrichtenmagazin Focus; zunächst als EU- und Nahost-Expertin im Auslandsressort, später im Kulturressort. Sie hat im Marketing von SOS-Kinderdorf gearbeitet und war Pressesprecherin der Roland Berger Stiftung. Sie lebt als Autorin und PR-Beraterin in München und Berlin.