Links und Rechts haben fertig

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Politische Ideen können mit dem klassischen Schema nicht mehr richtig beschrieben werden. Die neue Gretchenfrage lautet: Ist das autoritär oder nicht-autoritär?

Alles begann mit einer Unverschämtheit der Jungen Union: Die nahm die Debatte um linke Gewalt zum Anlass, am Tag des Mauerbaus vor der SPD-Zentrale in Berlin zu demonstrieren. Das war mehr als geschmacklos, denn in der DDR wurden Sozialdemokraten verfolgt und ermordet, während viele, die nach der Wiedervereinigung in der Bundes-CDU Karriere machten, in der Blockpartei CDU das hohe Lied auf den Sozialismus flöteten. Selbst Einwürfe wie die von Ralf Stegner, der nach den G20-Krawallen behauptete, es gäbe keine linke Gewalt, rechtfertigen so etwas nicht.

Aus guten Gründen regte sich die scheidende Linkspartei-Bundestagsabgeordnete Halina Wawzyniak auf Twitter über den plumpen Protest des CDU-Nachwuchses auf, den sie zutreffend als unhistorisch bezeichnete, als sie der Journalist Hugo Müller-Vogg via Twitter fragte, ob denn die SED eine rechte Partei gewesen sei.

Wawzyniak Antwort sorgte für Schlagzeilen:

Nun regten sich alle auf: Linke waren empört, Müller-Vogg legte nach und fragte, ob auch Mao und Stalin Rechte waren und ob es überhaupt jemals so etwas wie Linke gegeben habe.

Die Diskussion, die mit viel Häme geführt wurde, ging am Kern vorbei: Die politische Welt in links und rechts zu unterteilen, ergibt keinen Sinn. Wawzyniak lag schon richtig, als sie zur Beschreibung von Politik Begriffe wie autoritär, nationenbezogen und ausgrenzend verwandte. Und die kann man eben auch auf politische Gruppen anwenden, die mit links  beschrieben werden. Und natürlich gab es eine rassistisch und antisemitisch geprägte rechte Sozialpolitik. In Götz Alys Buch „Hitlers Volksstaat“ wurde sie mit all ihren mörderischen Konsequenzen beschrieben.

Aufs Menschenbild kommt es an

Nehmen wir einen Maßstab, den Wawzyniak genannt hat, um die politische Welt zu beschreiben: Unterscheiden wir einfach Politik nach dem Gegensatzpaar autoritär/nicht-autoritär. Wenn wir so die verschiedenen Strömungen ordnen, finden sich in vielen Fragen Liberal-Konservative,  Liberale und antiautoritäre Linke auf einer Seite: Sie achten das Individuum, wollen den Menschen nicht erziehen, sind, auf verschiedenen Art und Weise, demokratisch, haben sicher Unterschiede bei der Beantwortung sozialer Fragen, aber Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus und Volkserziehung haben in ihrem Denken und Handeln keinen Platz. Auf der autoritären Seite des politischen Spektrums finden wir dann so unterschiedliche Strömungen und Bewegungen wie Nationalsozialismus, Islamismus, Faschismus, die autoritäre Linke und Radikalökologen, die bei allen Unterschieden eint, die Menschen nicht als selbständige Individuen zu sehen, denen man vertrauen kann, ihren Weg zu finden, sondern als einen Haufen, der erzogen, diszipliniert und selektiert werden muss – aus verschiedensten Gründen und sicher mit einem unterschiedlich ausgeprägten Hang zur Vernichtung, der in dem Versuch der Nazis, die Juden auszurotten, so deutlich zutage trat wie nie zuvor in der Geschichte.

Unterteilt man die politischen Gruppierungen nach diesem Muster, wird die Welt nicht nur klarer, es stellen sich auch viele Fragen: Wie kann man als Sozialdemokrat oder Grüner mit einer stalinistischen Partei wie der MLPD gemeinsam gegen die AfD protestieren? Wie kann es sein, das FDP-Politiker wie Parteichef Christian Lindner und der schleswig-holsteinische Fraktionschef Wolfgang Kubicki einem Despoten wie Putin die Besetzung der Krim durchgehen lassen wollen? Und wieso kann sich ein SPD-Mitglied wie der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, der womöglich bald in den Vorstand einer russischen Ölfirma berufen wird und nicht erst ab dann auf Putins Payroll steht, in der Partei halten ? Und warum ist ein Rassist wie Sarrazin noch in der SPD? Wieso kann eine Partei wie die CDU mit den zutiefst reaktionären Vertriebenenverbänden kooperieren? Wieso sind islamistische Organisationen wie DITIB und der Zentralrat der Muslime für fast alle Parteien Ansprech- und Kooperationspartner? Wie kann man auf die Idee kommen, in Hijab und Burka ein Zeichen der Emanzipation zu sehen und warum soll man überhaupt Respekt vor Lebensweisen haben, deren Grundlagen die Unterdrückung von Menschen unter dem Banner irgendwelcher Propheten oder Götter  sind?

Vieles wird offensichtlich, wenn man politische Ideen mit einem Maßstab misst: Wie autoritär sind sie?




Stefan Laurin mochte schon als Kind nicht, wenn andere ihm sagten, was er tun soll und was nicht. Laurin wohnt in Bochum und arbeitet als freier Journalist unter anderem für Die Welt, Die Welt am Sonntag, die Jüdische Allgemeine, die Jungle World und Correctiv. Nebenbei ist er Herausgeber des Blogs Ruhrbarone und legt sich mit allen an, die Spaß daran haben, anderen Menschen ihre Freiheit zu nehmen.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com