Michael Miersch

Der Schelm und die Faschisten

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Hugo Baruch, alias Käpt’n Bilbo, war Schriftsteller, Maler, Galerist, Gastronom und vieles mehr. Seine Odyssee durchs 20. Jahrhundert erzählt Ludwig Lugmeier in einem Faktenroman.

Käpt’n Bilbos Hafenspelunke kannte in den frühen 60er-Jahren jeder Berliner Bohemien und auch jeder Möchtegern-Bohemien. Lange bevor Worte wie „Szenekneipe“ oder „In-Club“ erfunden wurden, traf der Käpt’n mit seiner Mischung aus skurriler Dekoration, Kunst, Kitsch, Lesungen und musikalischen Darbietungen den Geschmack derer, die sich weder in gutbürgerlichen Restaurants noch schwülstigen Bars wohl fühlten.

Über die vogelwilde Vergangenheit des Wirtes gab es Gerüchte und Legenden, die von ihm durch mehrere sich widersprechende Autobiographien angeheizt wurden. Mit wilder Fabulierlust setzte er immer noch eins drauf. Aber Genaues wussten die Wenigsten.

Geschichte eines Überlebenskünstlers

Ludwig Lugmeier ist es mittels jahrelanger Recherche gelungen, das reale Leben seines Protagonisten ausfindig zu machen und in ein Stück Literatur zu fassen, welches er „Faktenroman“ nennt. So entstand die überaus spannende, amüsante und teilweise tief traurige Lebensgeschichte eines Schelms und Überlebenskünstlers. Titel: Die Leben des Käpt’n Bilbo.

Bilbo, der 1907 als Hugo Baruch in Berlin geboren wurde, erlebte dermaßen viel Unglaubliches, dass man sich als Leser anfangs fragt, warum ausgerechnet dieser Mensch seine Lebensgeschichte so dreist ausgeschmückt und unverfroren umgedichtet hat.

Der einfachste aber sicherlich nicht einzige Grund dafür war Geld. Hugo, Sohn eines schwer reichen Filmausstatters, der ihn verstoßen hatte, war in jungen Jahren mit diversen mehr oder weniger seriösen Geschäften immer wieder auf die Nase gefallen. Als ihn der Chefredakteur der „Münchner Illustrierten Presse“ auffordert einen Roman aus dem Gangstermilieu Chicagos zu schreiben, willigt er ein. Innerhalb weniger Wochen verfasst er seine fiktive Lebensgeschichte „Ein Mensch wird Verbrecher“ und schlüpft in die Rolle eines Leibwächters von Al Capone. Die Räuberpistole wird zum Bestseller in mehreren Ländern Europas. Nicht nur das Publikum auch die Kritiker sind begeistert und kaufen ihm seine Lügengeschichten ab.

Flucht vor den Nazis

Hugo legt sich ein Zweitleben zu, vermarktet es, und ist wirtschaftlich saniert. Leider interessiert er sich währenddessen nicht allzu sehr für die politische Entwicklung in Deutschland und erkennt zu spät, welche Gefahr der Nationalsozialismus auch für assimilierte Juden wie ihn darstellt. Für die Nazis ist er ein jüdischer Asphaltliterat, der die deutsche Jugend verdirbt. Nachdem sie ihn zusammengeschlagen und er daran fast stirbt, gelingt ihm mit Hilfe eines Arztes die Flucht aus der Charité, wodurch er knapp dem Konzentrationslager entgeht.

Henry Miller zu Besuch bei Käpt’n Bilbo.

Es beginnt eine lange Reise, die in den späten 50er-Jahren wieder in Berlin endet. Er eröffnet ein Strandlokal auf Mallorca, kämpft in Barcelona mit den Anarchisten gegen die Faschisten, wird in Großbritannien als Deutscher interniert, betreibt danach in London die erste Galerie für moderne Kunst, wo er nachts mit Kurt Schwitters, H.G. Wells und dem sowjetischen Botschafter Ivan Maisky Wodkaflaschen leert. Abwechselnd ist er pleite oder reich und verliebt sich nach gescheiterten Ehen in Owo, die Frau, die bis zum Ende bei ihm bleibt.

In seiner Zeit als Galerist wird er selbst zum gefragten Künstler. Sein Lieblingsmotiv sind pralle Frauenhintern. Als ihm die britische Staatsbürgerschaft verweigert wird, schippert er mit einem zusammengeflickten Kahn nach Südfrankreich und macht dort wieder ein Strandlokal auf.

Rückkehr nach Berlin

Während der Schelm und Lügenbaron Bilbo von Abenteuer zu Abenteuer stolpert wird fast seine gesamte Verwandtschaft von Deutschen ermordet. Dennoch kehrt er an den Ort seiner Kindheit zurück.

Ludwig Lugmeier hat das Leben dieses Berliner Weltbürgers aus einem Knäuel von Seemannsgarn elegant entwirrt, enthält dem Leser aber auch die schönsten Lügengeschichten des Käpt’n nicht vor. Dass Lugmeier sich diesen Stoff gewählt hat, ist kein Zufall, denn sein eigenes Leben war so abenteuerlich wie das seines Protagonisten. Allerdings war er kein unschuldig Verfolgter, sondern hat sich als Jugendlicher bewusst für ein Gangsterleben entschieden.

Später nutzte er seine Jahre im Gefängnis als autodidaktische Universität und wurde ein überaus gebildeter, geschmackvoller und weiser Mensch. Wem „Die Leben des Käpt‘n Bilbo“ gefällt und danach nach noch mehr Abenteuern dürstet sollte im Anschluss „Der Mann der aus dem Fenster sprang“ lesen. Darin erzählt Lugmeier sein eigenes Leben.  

 

Ludwig Lugmeier
Die Leben des Käpt’n Bilbo
Verbrecher Verlag, Berlin 2017
300 Seiten, 24,00 Euro




Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com