Ästhetik des Zweifels

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Erinnerungen an Günter Kunert, der vergangenen Monat im Alter von 90 Jahren verstorben ist und der als Zivilisationskritiker und Verteidiger der liberalen Demokratie eine deutsche Ausnahme war.

Grauweißer Schutzumschlag, blauer Titel, Verlags- und Autorenname in schwarz: Günter Kunert – Ein englisches Tagebuch. Aufbau. 1978 in Ostberlin erschienen und zehn Jahre danach mit beinahe zitternden Händen aus einem Antiquariats-Regal in der Stadt Karl-Marx-Stadt gefischt, die über ein Vierteljahrhundert später dann als Chemnitz weltweit unrühmlich berühmt werden würde – grölende Naziaufmärsche unter dem als „Nischel“ benannten klobigen Kopf-Monument jenes an Hegel geschulten mechanistischen Vereinfachers, der zu wissen vorgab, wie die Weltgeschichte exakt ablaufen würde. Damals aber, Anfang 1988, waren im Zuge der Ostberliner Liebknecht-Luxemburg-Demonstration zahlreiche Bürgerrechtler verhaftet und danach ausgebürgert worden, mit Freya Klier und Stephan Krawczyk als den prominentesten. Und der wegen seiner Nicht-Teilnahme an der obligatorischen „vormilitärischen Lagerausbildung“ malträtierte Lehrling hörte abends in der Kultursendung auf RIAS BERLIN, wer u.a. gegen diese Ausbürgerungs-Schändlichkeit protestierte: Wolf Biermann, Günter Kunert, Reiner Kunze, Erich Loest. Jeden Morgen, an dem der Jugendliche in die verhasste Berufsschule im sächsischen Wittgensdorf fahren musste, um dort regelmäßig mit den Drohungen und dunklen Andeutungen („Die zuständigen Stellen, Sportsfreund, ich sag nur: die zuständigen Stellen…“) der beiden Lehrmeister, des Parteisekretärs, der BGL-Funktionärin und des Berufsschulschuldirektors konfrontiert zu werden, wiederholte unter seinem Mopedsturzhelm wieder und wieder diese vier Namen – als wären sie ein Kleeblatt, das wenn schon nicht Glück, so doch zumindest Beistand und Anstand und Mut verspräche: Biermann Kunert Kunze Loest.

Und dann, an jenem späten Nachmittag: Ein englisches Tagebuch. Fiel dem, der es wohl in diesem Moment am nötigsten brauchte (und es jetzt in diesen Tagen, über 31 Jahre später, mit der gleichen Faszination wiederliest), in die dankbarsten Hände. Das war mehr als der Fund eines DDR-offiziell doch gar nicht mehr Existenten, der bereits im Jahr 1979 den diktatorischen Halbstaat verlassen hatte, um sich in einem ehemaligen Schulhaus nahe einer schleswig-holsteinischen Kleinstadt anzusiedeln. War stattdessen das, Sätze wie diese:

„Individuen und Gemeinschaften, durch eine wie immer geartete Therapie ihrer inneren Spannungen beraubt, sind nicht die schöpferischsten. Soweit die Diagnose… Namens des Menschen richtet sich die Anwendung des abgelösten Begriffes nur noch gegen ihn. Missverstandene Erkenntnisse der Naturwissenschaft sickern in ideologische Töpfe und gerinnen dort aufs verkehrteste zu einem `Menschenbild`, demzufolge das Individuum eine zeitgeschichtliche Sonderform sei und nicht mehr höchstes Glück der Erdenkinder. Neuer Gott ist die omnipotente Gesellschaft, die jedem jede denkbar mögliche Entscheidung abnimmt, da ohnehin seine Präformation keine glaubhaft selbstständige mehr zuließe. Aus dieser Kirche möchte ich doch lieber austreten, weil ich keine revidierte, sondern gar keine brauche.“

Radikalstmögliche rote Karte gegenüber Ideologien – womöglich sogar ein antizipierter, früher Einspruch gegen das heutige, oft selbstgerecht-apokalyptische Straßentheater derer von „Fridays for future“ und ihrer radikaleren Nachfolgern von „Extinction Rebellion“. (Ironische Pointe: Gerade der kultur- und zivilisationskritische Günter Kunert, in späteren Jahren mehr oder minder liebevoll-mokant als „Kassandra von Kaisborstel“ bezeichnet, als früher Mahner vor jeglicher Heilslehre, die in Groß-Slogans vom Einzelnen abstrahiert.)

Freilich war es nicht allein der Inhalt solcher Sätze, der Halt gab. Es war – zweitrangig nur für Wahrheitsfanatiker, die ebenfalls ein reduziertes Menschenbild pflegen – zuvörderst der Stil. Reflexionsreiche Sprache eines Beobachters, der weder ressentimentgeladen noch naiv euphorisch durch dieses derart exotische England reiste und dort Katzen und Blechspielzeug ebenso detailliert beschrieb wie Underground-Stationen und Guesthouses. Ohne vorerst Worte dafür zu haben, begann der Jugendliche in der sächsischen Provinz zu ahnen, dass dies nun doch etwas anderes war als Christa Wolfs betulich allgemein wispernde Kassandra, anders auch als die an Muskelstreckungen in einer Gummizelle erinnernde und stets etwas vertrackt-verquälte Majuskel-Prosa eines Volker Braun. (Einmal so eingestimmt, griff eine Art Magnetismus, und nur wenige Wochen später wurde im gleichen Antiquariat auch noch Kunerts Der Andere Planet. Ansichten von Amerika von 1974 entdeckt – mit der gleichen Begeisterung gelesen und dem fortgesetzten Wundern, dass so etwas offiziell in der DDR hatte gedruckt werden können.) Was also war anders bei Kunert, was die Differenz zu den sogenannten „kritisch-loyalen“ Autoren?

Vielleicht dies: Zivilisationskritik wurde hier – anders als bei Christa Wolf, Volker Braun oder Heiner Müller – nicht zur Tünche, unter der die fundamentalen Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie verschwanden. Auch wurde nirgendwo das Lamento über einen angeblich „materialistischen Westen“ angestimmt, sondern in quasi jeder Zeile deutlich, dass nur dort – in den denkbar unvollkommenen liberalen Demokratien einer im größeren Maßstab tatsächlich „freien Welt“ – ein Denken und Schreiben möglich war, das weder einer jeweils aktuellen Parteilinie folgte noch sich an ihr abarbeitete, als wären die Idiotien der Funktionäre auch nur im mindesten eine intellektuelle Herausforderung. Jenseits von Affirmation, elaborierter Ausflucht oder zu kurz gesprungener Systemkritik: Prosa für Erwachsene – und keineswegs lediglich für „Andersdenkende“, impliziert doch solche Wortwahl, dass das geistige Zwangssystem der Herrschenden auch weiterhin der Referenzrahmen bleibt.

Unangestrengt gereimt

Was für ein Glück für den Jugendlichen von einst, von solch innerer Freiheit bereits mit siebzehn Jahren gelesen zu haben! Vor allem aber, und das verdanke ich Günter Kunert bis heute, die Entdeckung eines Schreibens, das weltneugierig und nicht die Spur selbstreferentiell war und gerade deshalb über die Voraussetzungen, den eigenen Blick – und die potentiellen eigenen blinden Flecke – immer wieder reflektieren musste, eines der wirklich relevanten Mysterien konstant umkreisend: Das, was jetzt in der „Wirklichkeit“ geschieht, wird im nächsten Moment bereits geschehen und zu Vergangenheit geworden sein, während Literatur bewahrt und lebendig hält, obwohl auch hier eine Art Januskopf sichtbar wird, die Gefahr des erstarrten Erinnerungs-Medaillons. Welch enorme Souveränität muss einer gehabt haben, der schon lange vor der Übersiedlung in die Bundesrepublik eine solche Ästhetik des Zweifels und der Selbstbefragung zu seinem literarischen Programm gemacht hatte!

Mehr noch: Der geschichtspessimistische Autor entpuppte sich dann beim persönlichen Kennenlernen im Westen als ein äußerst zuvorkommender Mensch, in dessen Stimme – ein neugierig-frohgemutes kehliges Berlinern – die Ironie quasi schon mit eingepreist war. Jedes Treffen ab da eine Freude, und was mich bei anderen als paternalistischer Gestus entschieden genervt hätte – der Ältere wuselt dem Jüngeren aus der Enkelgeneration immer wieder mal durchs kurzgeschnittene Haar – der Mann, der von sich als „der Kunert“ sprach, durfte das. (Hatte mir in einem der ersten seiner Briefe viel Glück für das „West-Abitur“ gewünscht und war in den darauffolgenden Jahren u.a. auch im PEN-Club immer einer gewesen, dessen nicht-grantelnde Skepsis durchaus Vorbildcharakter hatte.)

Dennoch, es gab Irritationen. Denn war spätestens ab Mitte der neunziger Jahre der melancholische Selbst- und Weltbeobachter nicht ein wenig zum Ohrensessel-Propheten geworden, der in nahezu jedem Zeitungsschnipsel, jeder Fernsehsequenz die bereits erwarteten Belege für Verflachung, Nieder- und Untergang fand? „Wäre ich wie Kunert, wär´ ich längst schon tot“, flapste einmal in einem Doppelinterview lustig-ernst der Kollegenfreund Wolf Biermann – noch spannender wäre es eventuell gewesen, hätte man Kunert und Enzensberger zum sympathisierenden Streitgespräch geladen.

Doch bei alldem: Wie unangestrengt gereimt, wie (innerhalb dieses Gedankenkosmos) stringent gedacht das noch immer war und die ästhetische Form nie dem mitunter etwas redundantem Inhalt geopfert wurde! Hinzu kam Kunerts Feingefühl für die Gestimmtheiten und Nöte anderer – der von ihm noch vor Mauerfall herausgegebene Band „Aus fremder Heimat. Zur Exilsituation heutiger Literatur“, in dem u.a. Raissa Orlowa-Kopelew, Herta Müller und sein alter Freund Erich Loest zu Wort kommen, legt davon Zeugnis ab. Dazu die Essays und Glossen, versammelt im Essayband „Der Sturz vom Sockel“, seinem Resümee der Jahre vor und nach der Wiedervereinigung und noch immer eminent lesbar als Auseinandersetzung mit deutscher Hybris, idealistisch kaschierter Wirklichkeitsverdrängung und jenem Liebäugeln mit totalitären Systemen, dem gerade Intellektuelle häufig anheimfallen. (Nebenbemerkung: Günter Kunert, bereits avant le lettre ökologisch bewusst, war zeitlebens nie auch nur in die Nähe jener Zurichtungsphantasien geraten, die z.B. einen Rudolf Bahro von einer angeblich notwendigen Diktatur der Umweltbewussten delirieren ließen.) Er, der unter Hitler als „Halbjude“ Deklarierte, war auch kein gefühlsseliger Pazifist – obwohl oder gerade weil er im Zweiten Weltkrieg die Ambiguität in ihrer radikalsten Form erfahren hatte: Die alliierten Bombenflugzeuge über Berlin hätten auch ihm den Tod bringen können – und mussten dennoch fliegen, um Menschenleben zu retten und die Nazi-Barbarei zu beenden.

Geradezu logisch, dass jemand mit solchen Erfahrungen allergisch reagierte, wann immer Komplexes ideologisch eingeebnet wurde und sich Menschen solchem auch noch freiwillig unterzogen: „Schöne Gegend mit Vätern“, Kunerts Essay über das KZ Dachau und die abstrusen Banalitäten in den dortigen „Besucherbüchern“, gehört eigentlich in jedes Schullesebuch. Gleiches gilt für seine Bemerkungen zur sogenannten „DDR-Identität“, die nun just in seinem Todesjahr eine larmoyante Wiederauferstehung zu feiern scheint. Deshalb dies, klar und lapidar:

„`Unsere Identität` ist das Einbekenntnis erlittener Reduktion, eines Zustands, da sich das Rädchen danach sehnt, mit allen anderen Rädchen, die ihm gleich sind, in der Maschine bestätigt zu werden. Spätfolge jener berüchtigten Kampagne unter der Losung: `Vom Ich zum Wir!´“

Nun, da inzwischen alle Nachrufe geschrieben sind und ein ungemein transparentes Werk wieder zu entdecken wäre, bleibt ein letzter Dankesgruß.

Lieber Günter, machet jut. Du warst ein verdammt feiner Typ.

 

Salonkolumnist Marko Martin veröffentlichte zuletzt das literarische Tagebuch „Das Haus in Habana. Ein Rapport“ (nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019) sowie in der Anderen Bibliothek den Essayband „Dissidentisches Denken. Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters“.




Geboren 1970 in Sachsen, verließ im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer die DDR. Mag weder Menschenschinder noch deren Rechtfertiger, hat die gleiche Allergie gegen Schönredner wie gegen Hysteriker. Hört "Scheiß Liberaler" gern als Lob. Wohnt, falls er nicht auf Reisen ist, in Berlin. Schreibt Romane, Erzählungen, literarische und politische Essays. Zuletzt erschien die Liebeserklärung "Tel Aviv, Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt" sowie der Erzählband «Umsteigen in Babylon. Erzählungen 2007–2011». Publizistisch tätig vor allem für die WELT, aber auch NZZ, JÜDISCHE ALLGEMEINE, MARE und INTERNATIONALE POLITIK.