Drei Listen

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Wissenschaftliche Theorien, die von Linken, Rechten und von beiden politischen Lagern geleugnet werden.

Der große George Orwell fertigte einst zwei Listen an: Auf der einen Seite standen Verbrechen, die von Linken, auf der anderen Seite Verbrechen, die von Rechten bestritten wurden. Rechte glaubten etwa nicht, dass die fabelhaften Jungs von der „Royal Irish Constabulary Special Reserve“ sich je etwas zuschulden kommen ließen – dabei war diese Freiwilligentruppe anno 1920 in Irland damit beschäftigt, ganze Dörfer niederzubrennen und ihre Einwohner zu ermorden. (In die Geschichte gingen diese Kriegsverbrechen als die „black and tan massacres“ ein.) Linke und Linksliberale wiederum beschworen Anfang der Dreißigerjahre, dass in der Ukraine alles in Ordnung sei. Walter Duranty – Korrespondent der „New York Times“ in Moskau und Günstling des stalinistischen Regimes – schrieb sogar, er habe dort keinen einzigen Hungertoten gesehen. In Wahrheit waren dies die Jahre des „Holodomor“, als mindestens 3,5 Millionen Ukrainer – die Hälfte von ihnen Kinder – krepierten, weil Truppen der OGPU und der Roten Armee von Gehöft zu Gehöft zogen und sämtliche Nahrungsmittel beschlagnahmten.

Ich möchte heute ein ähnliches Spiel spielen. Im Folgenden sind also wissenschaftliche Theorien aufgelistet, die von Linken, und wissenschaftliche Theorien, die von Rechten geleugnet werden. Da ich in Amerika lebe, ist diese Liste ziemlich amerikanisch geprägt. Außerdem muss ich – dies liegt in der Natur der Sache – ein paar wissenschaftliche Theorien anführen, die von Linken UND von Rechten bestritten werden.

A) Wissenschaftliche Theorien, die von Rechten geleugnet werden:

  • Das Klima auf der Erde ändert sich dramatisch: Es wird sehr schnell wärmer. Die Hauptursache dafür ist CO2, das aufgrund menschlicher Aktivitäten in die Atmosphäre eingespeist wird.
  • Flora und Fauna unterliegen den Gesetzen der Evolution. Der Mensch stammt aus dem Tierreich. Menschen und Affen sind miteinander verwandt. Die Bibel ist weder ein Physik- noch ein Biologiebuch.
  • Es gibt keine Überbevölkerung. Die misanthropischen Ideen des Thomas Malthus wurden von der Geschichte widerlegt. Mit Hilfe der modernen Landwirtschaft ist es – Norman Borlaug sei Dank – heute möglich, Millionen von Menschen zu ernähren, die vor hundert Jahren noch verhungert wären. Im Übrigen brechen die Geburtenraten gerade überall ein (auch in der islamischen Welt). Die Weltbevölkerung wird bald ihre Plateauphase erreichen und dann nicht weiter steigen.
  • Menschliche Intelligenz wird nicht von Genen determiniert. James R. Flynn hat herausgefunden, dass der Intelligenzquotient von Menschen in den Industrieländern innerhalb weniger Jahrzehnte drastisch steigt. Dies geschieht offenkundig nicht aufgrund genetischer Veränderungen, die solche Sprünge nie und nimmer erklären könnten. Vielmehr hat es damit zu tun, dass Menschen in komplexen Gesellschaften, wie sie sich seit der Industrialisierung entwickelt haben, gezwungen sind, konkrete Fragestellungen abstrakt zu behandeln, Abstraktionen nach den Regeln der logischen Schlüssigkeit zu behandeln und hypothetische Fragen ernst zu nehmen.
  • Es gibt keine höheren und minderwertigen Rassen. (Ein Indiz dafür ist, dass es keine „primitiven Sprachen“ gibt: Die Sprachen der Khoisan stehen in ihrer grammatischen und syntaktischen Komplexität nicht hinter dem Han-Chinesischen zurück. Tatsächlich gibt es nur zwei Arten von Sprachen – solche, die vorwiegend Kinder von ihren Eltern lernen, und solche, die auch Einwanderer lernen müssen. Die zweite Sorte Sprachen – Englisch, Farsi – ist grammatisch immer weniger komplex als Sprachen der ersten Kategorie. Die komplizierteste Sprache der Welt ist Navaho. Nicht Latein; nicht Altgriechisch; schon gar nicht Deutsch, das im Vergleich pipieierleicht ist.) Im Grunde ist es schon falsch und irreführend, von menschlichen Rassen zu reden. Natürlich gibt es unterschiedliche Phänotypen, aber die genetischen Unterschiede sind verschwindend gering.
  • Das Zeitalter der souveränen europäischen Nationalstaaten begann ca. 1918 und war 1945 schon wieder zu Ende. Vor 1918 lebten die meisten Europäer nicht in Nationalstaaten, sondern – wie ein Blick in den Geschichtsatlas lehrt – in Imperien. (Ausnahmen: Schweiz, Griechenland.) Die Gründung der EU war weniger ein Resultat des Zweiten Weltkrieges als ein Ergebnis der Tatsache, dass die Europäer ihre Kolonialreiche verloren. Der Brexit ist nichts Konservatives, sondern ein waghalsiges politisches Abenteuer.
  • Homosexualität bei Männern wie bei Frauen ist keine Krankheit, und sie kann durch keine Therapie kuriert werden.

B) Wissenschaftliche Theorien, die von Linken geleugnet werden

  • Es gibt keine einzige Studie, die belegen würde, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel für den Menschen oder die Umwelt schädlich sind.
  • Atomkraft kostet weniger Menschenleben als jede andere Form der Stromerzeugung. Das gilt sogar dann, wenn man Tschernobyl in die Berechnung miteinbezieht. Die Gesamtzahl der Menschen, die der Havarie in den Reaktoren von Fukushima zum Opfer fielen, ist weiterhin: Null.
  • Es ist falsch, dass „die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer“ würden. In Wahrheit hat in den vergangenen 200 Jahren eine Explosion des Reichtums stattgefunden, zuerst in Nordeuropa und Großbritannien, dann in ganz Westeuropa und Nordamerika, jetzt zunehmend auch in Asien, Lateinamerika und Teilen von Afrika. Heute leben weniger Menschen in Armut (also von 3 oder 4 Dollar pro Tag bzw. weniger) als je zuvor in der Geschichte. Und natürlich ist dies nicht das Resultat einer globalen Umverteilung, sondern der Tatsache geschuldet, dass in den vergangenen 200 Jahren unter Bedingungen der Marktwirtschaft immer mehr Reichtum geschaffen wurde.
  • Vom Moment der Zeugung an sind in der befruchteten menschlichen Eizelle alle 23 Chromosomen versammelt, die nötig sind, damit aus der Zygote ein menschliches Wesen entsteht. Pro Minute wachsen im Hirn 2,5 Millionen Nervenzellen heran; im Moment der Geburt sind es dann um die 100 Milliarden. An Ende des dritten Monats der Schwangerschaft macht der Fötus Bewegungen, die an Schritte erinnern. Kurze Zeit später kann er mit seinen Geschmacksknospen unterscheiden, ob das Fruchtwasser süß oder nach Knoblauch schmeckt. Mit 17 Wochen hat der Fötus ein Gefühl für seinen eigenen Körper entwickelt. Mit 22 Wochen kann der Fötus nach dem heutigen Stand der Medizin außerhalb vom Mutterleib am Leben erhalten werden. Mit 28 Wochen fängt der Fötus an, im Mutterleib zu weinen. Nach ungefähr sechs Monaten öffnet er seine Augen und bewegt sich, wenn man mit einem starken Scheinwerfer auf den Bauch der Schwangeren strahlt, von der Lichtquelle fort. Ein britischer Forscher hat herausgefunden, dass Föten besonders gern Falten in der Gebärmutter betrachten, die an menschliche Gesichter erinnern. Im letzten Drittel der Schwangerschaft beginnt der Fötus zu träumen (oder macht zumindest Augenbewegungen, die darauf hindeuten, dass er träumt). Er kann die Stimmen seiner Eltern von anderen Stimmen unterscheiden. Wenn man ihm mehrfach das Märchen von „Hans im Glück“ vorliest, erkennt er das Sprachmuster und die Intonation wieder. In dieser Phase haben Föten schon eine eigene Persönlichkeit: Sie sind introvertiert oder extrovertiert, neurotisch oder ruhig. Der einzige Unterschied zu einem neugeborenen Kind ist: Der Fötus atmet noch keine Luft.
  • Juden teilen mehr genetische Merkmale miteinander als mit ihrer nichtjüdischen Umwelt. Aschkenasim und Sefardim sind engstens miteinander verwandt. Und Juden haben einen gemeinsamen Vorfahren, der vor ca. 4000 Jahren im Nahen Osten gewohnt hat. Das macht Juden noch nicht zu einer „Rasse“; es gibt kein jüdisches Gen. Es heißt aber, dass Juden über die Jahrtausende meistens untereinander geheiratet haben. Und dass die Behauptung, Israel sei ihre Urheimat, nicht aus der Luft gegriffen ist.
  • Die jüngsten Ergebnisse der Neurowissenschaften deuten stark darauf hin, dass das menschliche Gehirn (genauer: der präfrontale Cortex) darauf angelegt ist, religiöse Erfahrungen zu produzieren. Für diese These sprechen auch Befunde der Archäologie – Menschen begraben seit alters ihre Toten, es gibt keine Epoche, in der Menschen nicht religiös gewesen wären, wahrscheinlich kannten auch die Neandertaler religiöse Riten – und der Zoologie: Schimpansen sind dabei beobachtet worden, wie sie angesichts von Lichtreflexen, die von einem Wasserfall ausgesendet wurden, in eine Art Verzückung gerieten und tanzartige Bewegungen ausführten. Das heißt, alle Versuche, den Menschen die Religion per Erziehung abzugewöhnen, haben ungefähr so viel Aussicht auf Erfolg, wie der Versuch, Menschen das Musizieren oder das Sprechen zu verbieten.

 

C) Wissenschaftliche Theorien, die sowohl von Linken als auch von Rechten geleugnet werden

  • Das Impfen von Kindern ist im höchsten Maße nützlich und kein bisschen schädlich. Impfstoffe sind nicht giftig, und jener Scharlatan, der behauptete, Impfen führe zu Autismus, wurde dutzendfach widerlegt.
  • Es gibt kein „Gesetz der Geschichte“ – weder einen automatischen Fortschritt noch eine allgemeine Neigung zur Dekadenz. Vielmehr wird die menschliche Geschichte von erstaunlichen Zufällen regiert. Ein Beispiel: Dass Europa existiert, verdankt sich einem Erbfolgestreit. 1241 stürmten die Mongolen über Europa hinweg; schnelle, wendige Reiter, die mit Pfeil und Bogen bewaffnet waren, unterwarfen sich Russland, Polen, Ungarn und fügten den Deutschen bei Breslau eine vernichtende Niederlage zu. Dann starb am 11. Dezember 1241 der Großkhan Ögedei nach einem Saufgelage. Die mongolische Armee hatte keine andere Wahl, als sich tausende Kilometer weit zurückzuziehen, damit die mongolischen Prinzen sich in der Hauptstadt Karakorum der Wahl stellen konnten, mit der über Ögedeis Nachfolge entschieden wurde. Im Sommer 1242 gab es in Mitteleuropa keinen einzigen mongolischen Soldaten mehr. Wenn Ögedei nicht so viel gesoffen hätte, wäre Europa heute ein Teil von Asien.
  • Die Sterne haben nichts mit dem menschlichen Schicksal zu tun.



Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".