Eine Stadt als Symbol: Hongkong Pixabay

Ein Teppich in der Hollywood Road oder Die letzten Tage von Hongkong – Teil 1

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Hongkong ist nicht erst in diesen Tagen Stadt und lebendige Erinnerung zugleich. Marko Martin blickt zurück auf eine verlorene Gegenwart.

Angesichts der Fakten, des Offensichtlichen, des Nicht-länger-zu-Leugnenden, des bis zum Überdruss Kommentierten: Diese Müdigkeit, für Wochen. Irgendwann ein Zögern. Unwille auch, eine Art Dabei-gewesen-sein zu behaupten, um gegen etwas „anzuerzählen“. Hybris. Und dennoch.

Schließlich war es ja so gewesen, dass sie bereits am 4. Januar zum ersten Mal von der Existenz einer Millionenstadt namens Wuhan erfahren hatten, in der es zu einer merkwürdigen Häufung von Lungenkrankheiten gekommen sei, was von Seiten der Offiziellen allerdings als irrelevant bezeichnet werde. (Ein Zeitungsartikel in der zumindest noch viertel- oder gar halbfreien South China Morning Post, auf Seite 3.)

„Opinion“ der Staatszeitung

Wie immer in jener Woche waren sie am frühen Vormittag aus dem Hotel in der Des Voeux Road West gekommen, hatten das Läuten der Doppelstock-Straßenbahnen gehört, die hinüber nach WanChai fuhren (in die einstige „Welt der Suzie Wong“), und bekamen erneut den Geruch von Trockenfisch in die Nase, der in Groß- und Kleintransportern in die Geschäfte des Viertels geliefert wurde oder von gedrungenen Männern in Unterhemden umgeladen auf Handkarren, denen auf dem Trottoir tunlichst auszuweichen war. Und wie jedes Mal zuerst der Gang zum winzigen Zeitungskiosk an der Ecke zur Bonham Street, zum grimmigen Vergnügen späterer Mittags- oder Abendlektüre: Würde die staatsoffizielle China Daily auf ihrer „Opinion“-Seite (perfekte Travestie und Umdeutung wirklicher Meinungsvielfalt) erneut gegen die Massendemonstranten vom Neujahrstag hetzen und Euphemismus-Experten vom chinesischen Festland darlegen lassen, dass es – in ihrer, durchaus spöttisch-unfrohen auswärtigen Besucher-Interpretation – nun auch für Hongkong höchste Zeit war, sich von Anachronismen wie Gewaltenteilung, unabhängiger Justiz, Meinungs- und Demonstrationsfreiheit zu verabschieden, auf dem historisch unaufhaltsamen, breiten und leuchtenden Weg hin zu einem effizienten, leninistisch durchgepeitschten Hyper- und Digitalkapitalismus?

Selbstverständlich stand dann genau solches auf der (Partei-)Meinungsseite wie an allen Tagen zuvor. Das Gleiche in Abwandlungen bereits in den Schlagzeilen und sogar im Wirtschaftsteil, in dem, als wäre es ein Endlos-Tape, mit hämischer Präzision dargelegt wurde, wie Demonstranten und „Lobbygruppen“ (gemeint waren Gewerkschaften) die städtische Wirtschaftskraft unterminierten, während doch zur gleichen Zeit die festlandchinesische Sonderwirtschaftszone Shenzhen, ein paar Kilometer hinter der Grenze gelegen, weiterhin ungehindert boome, da die dortige loyale Bevölkerung objektive Prioritäten erkenne.

„Hong Kong 1997“

Derart deprimierend war die selbstgewisse Rabulistik der Macht, nein: der Weltmacht, dass sie sich die tägliche Lektüre tatsächlich für die Mittag- und Abendessen aufsparten, bei denen die Kommandosprache – zumindest in ihrem Besucher-Rhythmus hier in der Stadt – noch einigermaßen einhegbar schien, da sie doch währenddessen Dim Sum oder Nudelsuppe essen konnten und über ihre Streifzüge sprachen, über die geplanten und die kommenden; auch über jene nach dem Dinner, mit dem Taxi oder zu Fuß hoch zu den Bars in die Hollywood Road, auf der – zu anderen Zeiten war’s gewesen – die mysteriöse Protagonistin von Robbe-Grillets noveau roman „Die blaue Villa in Hongkong“ zu mitternächtlicher Stunde ihre Hunde ausgeführt hatte und… Und einer von ihnen beiden wieder ins Erzählen kommen konnte über seine vorherigen Aufenthalte in der Stadt vor anderthalb Jahrzehnten, als vieles zumindest noch in fragiler Balance schien und nicht bereits hinter der Kippe. Damals war’s, 2006 und 2007 und 2010, als Enzensbergers „Hong Kong 1997“, geschrieben nach der Übergabe der britischen Kronkolonie an die VR China, die sich vertraglich zu einem fünfzig Jahre währenden „Ein Land, zwei Systeme“ verpflichtet hatte, in tänzelnden Zeilen noch immer Gültigkeit gehabt hatte. Nein, diese Stadt, in der hundert Blumen verblühen,/ kann es nicht geben. Das ist ein Hirngespinst,/ eine Halluzination ist es, eine Fälschung,/ eine Science-Fiction-Oper, ein wackliges Wunder.

Inzwischen hatte mit Gesichtserkennung und Datenabgleich, mit einem „sozialen Punktesystem“, das vom vernachlässigten Großeltern-Besuch bis zum allzu schnellen App-Herunterscrollen der Reden des Großen Vorsitzenden Xi schier alles zu kontrollieren und zu sanktionieren schien, die Science-Fiction-Realität in der Volksrepublik sogar George Orwell um Längen überholt, und es würde nur noch eine Frage der Zeit sein, bis solches auch ins noch halb-autonome Hongkong hineindiffundierte – oder aufgedrückt wurde per Ukas. Waren nicht bereits viele der Gesprächspartner, deren Angstfreiheit ihn auf den vorherigen Reisen so beeindruckt hatte, inzwischen längst entschwunden – ins mehr oder minder freiwillige Exil nach Kanada, Großbritannien, Australien und in die Vereinigten Staaten? (Gab es nicht auch Gerüchte, jenes vielleicht ja typisch verletzte und verletzende Rückzugs-Wispern, dass einige der Hiergebliebenen schließlich doch den Lockungen der Macht nachgegeben hatten oder schlicht aus Sorge um ihre Familien von einer unabhängigen NGO in die städtischen Verwaltungsstrukturen gewechselt waren, um Schlimmeres zu verhindern?)

Tel Aviv am Südchinesischen Meer

Und war nicht auch die andere Zeitung, die sie an jenem Vormittag des 4. Januar ebenfalls gekauft hatten und – vermindert um deren voluminöse Werbebeilagen – beim Flanieren durch die Stadt mit sich trugen, längst domestiziert worden? Manchmal war es gar so, dass die ehemals so stolze South China Morning Post schon beinahe genauso klang wie die direkt dem Pekinger Regime unterstellte China Daily. Seit der festlandchinesische Internetversandriese Alibaba die traditionsreiche Hongkonger Post gekauft hatte, waren kritische Texte immer mehr zur Seltenheit geworden, ganz zu schweigen von den investigativen Reportagen über Gefängnisse, Straflager, und verfolgte Oppositionelle, die ihn in ihrer Detailfülle anderthalb Jahrzehnte zuvor noch in eine Art wütender Euphorie versetzt hatten: Ein Territorium aus Stein und himmelragenden Wolkenkratzern, flankiert von grünen Hügeln und Bergen und unzähligen winzigen Eilanden, in denen noch immer das gesagt und geschrieben werden konnte, was nur ein paar Kilometer weiter ein Straftatbestand war, zu beantworten mit eben jenen Lagern und Gefängnissen.

(Als wär´s eine Art bergendes und schützendes Westberlin-nach-1961 oder ein asiatisches Tel Aviv? All das freilich mit dem Unterschied, dass die uniformierten Volksbefreiungskräfte der Volksrepublik China unsagbar schlagkräftiger waren als NVA, Hamas und Hizbollah zusammen und bereits in der Nacht des „Handover“ vom Juli 1997 mitten in der Stadt Quartier bezogen hatten, im ehemaligen Prince of Wales Building.)

Einer jener Hongkong-Tage, damals: Zum Frühstück die Post, danach ein Umherstreifen in den engen Straßen mit ihren rechteckigen Ladenschildern in knallbunten kantonesischen Schriftzeichen, mit der geräuschvoll durchs Wasser tuckernden Personenfähre von Kowloon hinüber nach Hongkong Island und dort, vorbei an den Gucci- und Prada-Läden und im Schatten gigantischer Bankgebäude, nach Anmeldung hinein in die Korridore des zumindest zu einem Drittel freigewählten LegCo/Legislative Council und unter dem Geräusch träge rotierender hölzerner Ventilatorblätter an eine der Türen geklopft. In ihrem kleinen Abgeordnetenbüro eine grazile, charmante und entschiedene Emily Lau, die ihr stadtbekanntes Label als „Mutter der Demokratiebewegung“ souverän weglächelt, sich weder bei Eitelkeit noch Empörungs-Rhetorik aufhält, sondern – jeder Satz ein Fakt – detailliert darlegt, wie quasi jeden Tag Peking den Autonomiestatus der Stadt immer weiter unterhöhlt: „Parteikommunisten und einheimische Wirtschafts-Tycoone gemeinsam gegen allgemeines Wahlrecht und unabhängige Schul- und Studienlehrpläne.“

West-Berlin vor dem Mauerfall

(Und dann, im darauf folgenden Jahr nach einem erneuten Gespräch: Emily Laus zur Sicherheit auf einen Schreibblock gekritzelte Bitte, ein ihr soeben zugegangenes Dossier doch an sich zu nehmen und ein paar Straßenblöcke weiter in ihrem Privatbüro abzugeben. Sie vertrauen mir?Keine Sorge, junger Mann, ich weiß, was ich tue; Smiley. Wiederum dieses Lächeln, ihre herzliche Verabschiedung, die in winzige Fitzelchen zerrissene Notizblockseite und anschließend ein kleiner, im Grunde völlig unspektakulärer Kuriergang zwischen dem blendendweißen Kolonialbau des LegCo und einem Glas- und Betonhochhaus gleich in der Nähe. Kleines Erinnerungs-Medaillon, voller Dankbarkeit.)

Dennoch: Nein. Es war nicht so, als hätte er mit all diesem sympathisierenden Befragen und Beschreiben der Hongkonger Aktivisten-Szene noch im Nachhinein jener DDR eins oder tausend auswischen müssen, die er doch schon im Mai ’89 verlassen hatte, einen Monat vor dem Massaker an den Pekinger Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Aber ein bisschen von einem Westberlin-vor-Mauerfall-Gefühl war eben doch dabei gewesen. Auch wenn er sich gegen solch sentimentalische Projektion noch im Nachhinein zu wehren versucht, jetzt wo er, wie seit über zwei Jahrzehnten in ihrem Leben und auf ihren gemeinsamen Reisen, die Fragen, die ihm H. auf Französisch stellt, ebenso auf Französisch beantwortet. (Filter, Schutzschilde, Entfernungen, die Möglichkeiten anderer, nicht-ostdeutscher Erfahrungen.)

So ist’s dann schließlich sogar ein zweifaches Mais Non, denn rührte die Desillusionierung, die ihn nun bei aller Freude des Wiedersehens mit der Stadt ergriffen hatte, womöglich noch von woanders her? Nostalgie etwa, da der einst von Emily Lau apostrophierte „junge Mann“, der am Spätabend jenes Tages noch durch die Clubs von Hongkong Island und Kowloon gedriftet war, inzwischen um ein weiteres Jahrzehnt älter geworden ist? (Mais Non.)

Mais Non

Da zumindest das doch weitergeht wie zuvor und er nun sogar Guide spielen kann für ihre nachmitternächtlichen Ausflüge zu zweit: Ein Switchen und Gleiten zwischen den Stadtwirklichkeiten, denn auch wenn es in der Nähe des hektischen Nachtmarkts in der Temple Street im Triaden-Bezirk Mongkok den ABC-Club inzwischen nicht mehr gibt (und im luxuriöseren Viertel Causeway Bay ein Ort mit dem sprechenden Namen Towel Club ebenfalls seine Pforten geschlossen hat), andere Bars, Clubs und Saunen existieren ja weiterhin – Tempel des Hedonismus jenseits jeglichen pekuniären Kalküls. Unverfälschtes Begehren, mutwillige Vermischungslust und nicht wenige studentische Besucher aus Mainland China, die die Nacht in den Schlafkabinen etwa des Soda-Clubs verbringen oder, gutgelaunte Jäger, bis in die frühen Morgenstunden herumgehen im verspiegelten Areal mit seinen Matratzen und Doppelstockbetten. Und sich dann (da solches doch immer das Entscheidende war und ist, Epiphanie des Davor oder Danach, unvergesslicher jedenfalls als die erwartbare Mechanik des Sinnlichen) – in den Ledersesseln des Fernsehraums sogar ein Hüsteln zutrauten, schüchternes Echo des lauten Gelächters der gleichaltrigen Hongkong-Chinesen: Im Peking-offiziellen TV schluchzte vor dem blutrot gesprenkelten Steinlöwen eine alte Frau.

Zwei oder drei Abende zuvor, nach der Millionen-Demonstration vom Neujahrstag, war die wuchtige Skulptur vor dem Eingang der HSBC-Bank, die mit dem traditionellen und gegenwärtigen China assoziiert wurde, von vermummten Aktivisten mit roter Farbe übergossen worden. Ins hilflos Symbolische umgeleiteter Zorn junger Leute auf das Parteiregime, das nun auch ihre Stadt in den Würgegriff nahm – oder im Gegenteil das Werk von agent provocateures, die dafür sorgten, dass genau jene Chaos-Bilder entstanden, die dann von den chinatreuen Medien genüsslich verbreitet wurden? Doch war das herzzerreißende Jammern der herbeigeholten Alten vor dem Hintergrund temporär rotgefärbten Steins mit jeder Wiederholung unglaubwürdiger geworden; die im Fernsehen gezeigte Endlosschleife wurde erz-komisch, und es geschah im Soda-Club an der Hennessy Road, dass darob sogar junge Festlandchinesen jenes distanzierte, amüsierte Hüsteln gewagt hatten, im Schutz dieses Ortes und der fortgeschrittenen Nacht.

Die Fahnen des Westens hochhalten

Vermutlich aber hatte dennoch keiner von ihnen an jener Massendemonstration teilgenommen, die Bürgerrechte und Rechtsicherheit für Hongkong einforderte; als sie, die beiden Auswärtigen, auf englisch Fragen in dieser Richtung zu stellen begannen, verstanden die Festlandchinesen, die doch zuvor noch vernehmlich von westlichen A-class-gyms wie Holmes Place geschwärmt hatten, auf einmal kein Englisch mehr und behaupteten mimisch plötzliche Müdigkeit, während sogar manche der jungen Hongkonger abwinkten, als wären sie bereits Greise oder zumindest resignierte Familienväter: Too late.

Und doch war mindestens eine Million ihrer städtischen Nachbarn, beinahe zehn Prozent der Bevölkerung, an jenem 1. Januar auf den Straßen gewesen. Ein schier unendlicher Menschenzug, friedlich und seine Angst überwindend und in allen Generationen; sogar sie, die zwei Hongkong-Besucher, konnten es bezeugen. Hochgehaltene Plakate, Fahnen: Liberate Hongkong, #StandWithHongkong, Revolution Now. Weiße Schrift auf anarchisch-schwarz wehendem Stoff und gleich dahinter und davor und mittendrin – ein Fahnenmeer voller Stars and Stripes. Dazu der Union Jack der einstigen Kolonialmacht Großbritannien, die zumindest moralisch in die Pflicht genommen werden sollte, die 1997 viel zu arglos der kommunistischen Volksrepublik überlassene Stadt nicht völlig zu vergessen. Amerikanische und britische Fahnen auf einer Revolutions-Demo, die jedoch nicht den Umsturz, sondern den Erhalt der Verhältnisse gefordert hatte: fortgesetzte Autonomie und rule of law in jenem winzigen Stadt-Teil der Weilt, der auf der Karte im Vergleich zum riesigen China höchstens als Pünktchen erscheint. Was sie sahen: Jener Westen, der vor Peking kuscht und ansonsten vor allem mit sich selbst beschäftigt scheint, dennoch weiterhin als die Referenz – trotz Trump, Johnson und trotz alledem und alledem.

Einer von vielen

Wenn schon eine „Und wir?“-Perspektive, dachten die beiden Besucher – und sagten es einander, da sie in diesem Moment ja tatsächlich das gleiche gedacht hatten – inmitten der vom Victoria Park hinüber nach Central strömenden Hunderttausenden, ihre Sprechchöre rufenden Jungen, Mittelälteren, Großväter und Großmütter mit ihren Enkeln, mit und ohne Atemmasken, die vor Tränengas und staatlichen Kameras schützen sollten, wenn schon eine Frage „an uns“, dann vielleicht diese: Was wäre, wenn die westliche Heerschar all jener Postcolonial-studies-Akademiker – die doch, by the way, für den postsowjetischen Kolonialimperialismus des Putin-Regimes so gar kein Forschungsauge zu haben schienen – vielleicht mal kurz hierher schauen würde, um das eigene Weltbild wenigstens ein bisschen zu weiten?

Was sie sahen: Wie der junge und sympathisch un-charismatische Joshua Wong irgendwann von seinem provisorischen Rednerpodest steigt, das Megaphon einer Mitstreiterin in die Hände drückt, an seiner Studentenbrille ruckelt, seinen Rucksack packt und dann im friedlich demonstrierenden Menschenmeer verschwindet, einer von vielen. Zuvor hatte sich der 23-jährige, offensichtlich eher verlegen, noch auf die Bitten seiner Altersgenossen nach ein paar Selfies eingelassen, und H. sagte, leise und auf Französisch: Gib Gott, dass sie nicht irgendwann dafür bestraft werden und er ins Exil muss. Der verblüffend unscheinbar wirkende bebrillte große Junge, der schon als Schüler gegen Pekinger Einflussversuche protestiert hatte und kurz vor Jahresende in Washington von Nancy Pelosi empfangen worden war, hatte sich zu ihnen umgedreht, fragendes Lächeln im Gesicht. Where do you come from?

Sie hatten die Sprache gewechselt, ihre Befürchtungen (die vermutlich ohnehin alle hier teilten) verschwiegen und Berlin gesagt. Joshua Wong lächelte und erwähnte seinen Aufenthalt in der Stadt, und der Nachdruck, mit dem er the wall und downfall und freedom sagte, schien den beiden auch deshalb so suggestiv, da der Junge doch ganz offensichtlich keine Formeln gebrauchte, kein Rhetorikbesteck vorzeigte, sondern die Worte (trotz all seiner höflichen Zurückhaltung) jetzt beinahe herausstieß, stockend und doch dringlich; fast wäre ihm der Rucksack von der Schulter gerutscht. Sie verabschieden sich, und einer der zwei Besucher ist beinahe erleichtert, dass das so schnell geht im Menschengewühl: Irritierendes Gefühl (nun bereits auch schon wieder seit über drei Jahrzehnten und ihn dennoch weiterhin beschämend), inzwischen längst selbst der Besucher aus dem Westen zu sein – der mit dem schützenden Pass, der mit dem Luxus perspektivischer Analysen. Dabei war es nicht so – noch nicht – dass man sie beide in der Stadt hektisch oder ängstlich flüsternd angesprochen hätte, dass man ihnen unbedingt etwas hatte mitteilen wollen, das ansonsten nicht mehr sagbar gewesen wäre. (Noch gab es ja die Megaphone und die Stimmen Hunderttausender, die ihre Forderungen kundtaten, noch wurden auf Facebook und Instagram die Bilder der Demonstration gepostet, noch verabredete man sich auf Telegram zu sit-ins auch außerhalb des Zentrums, um in den Straßen und abgelegeneren Plätzen der New Territories die Anwohner davon zu überzeugen, dass man doch auch für sie demonstrierte, denn wo blieben soziale Rechte und die Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum und sauberer Umwelt, falls es irgendwann nicht mehr die Möglichkeit gab zu freier Rede? Noch war in diesen frühen Januartagen 2020 solch innerstädtisches Gespräch möglich.)

Ein Wort von Greta

Es war jedoch auch so, dass die zwei Auswärtigen immer wieder von jungen Leuten – in der Warteschlange vor Museen, in Cafés und Clubs, sogar in der MTR, der Hongkonger Metro – auf „Fridays for future“ angesprochen wurden. Doch weder anklagend noch spöttisch und schon gar nicht relativierend wurde da von den Protesten in den Großstädten des Westens gesprochen, eher mit beträchtlicher Sympathie und einer Hoffnung auf Solidarität. Wie aber fürs Klima demonstrieren, fragten diese Hongkonger (und hoben dabei die Stimme nicht, sondern blieben bei Zimmerlautstärke selbst im Wochenendlärm des Ausgehviertels von Lan Kwai Fong), wie also für ökologische Belange streiten, ohne dabei zu mitzudenken, dass gerade eine neue Globalmacht gezielt an einem Programm arbeitete, in dem Demonstrationen fürderhin flächendeckend verboten, Demonstranten zuerst gesichts-gescannt und anschließend sozial geächtet, ja für Jahre weggesperrt werden und stummer, apolitischer Konsum das vorgegebene Ideal sei, das alleingültige politische Klima?

„Auch nur ein Wort dazu von Greta…“, sagten viele der jungen Leute (nicht: als hätten sie sich in ihrer Rhetorik abgesprochen, sondern weil es die Existenz eines jeden von ihnen betraf) und sagten’s überhaupt nicht im Ton eines hämischen What-aboutism. Erzählten stattdessen mit trotziger Freude – doch noch immer quasi zwischendurch, „zwischen Tür und Angel“ der automatisch öffnenden und schließenden MTR-Türen, beim schnellen Mittags-Lunch in der Nathan Road oder sonstwo auch jenseits von Galerien, Bookstores und Alternativ-Cafés – wie sie sich organisierten, nämlich kaum noch über das fast schon altmodisch gewordene Facebook, sondern, Ironie der Geschichte, über eben jenen russischen, doch kreml-unabhängigen Messengerdienst Telegram. Dort würden, so erzählten sie, zur Verwirrung der gewiss mitlesenden Spitzel und Zensoren unverfängliche Verabredungen zum Shoppen oder Pokémon-Go-Spielen zu Synonymen für Spontan-Demos – und zwar (das war ihnen besonders wichtig, und es wurde in fast allen Gesprächen erwähnt und wiederholt) nicht nur auf den Shopping-Meilen von Central und Causeway Bay, sondern, um die gesamte Bevölkerung zu erreichen, auch auf der anderen Hafenseite in den engen Gassen von Kowloon und Mongkok, ja selbst im Häusermeer der New Territories, wo dann freilich das Risiko, gewalttätigen, chinesisch gesteuerten Triaden in die Hände zu fallen, am größten sei. Dennoch gelte gerade dort „Be water!“ als ihre Devise, ein Gleiten überall hinein in die städtischen und vorstädtischen Räume – und die Formel lustigerweise von Bruce Lee übernommen, dem 1973 so jung verstorbenen Action-Schauspieler und Held ihrer Großeltern, als Made in Hongkong hauptsächlich noch mit Asia-Talmi und Exotik-Plunder assoziiert worden war.

Halluzination des Bestehens

Und wiederum bei alldem: Kein juveniles Renommieren, keine eisige „Und was tut Ihr?“-Rhetorik, stattdessen eine verblüffend freundliche Ernsthaftigkeit, fest davon überzeugt, hier in der Stadt – und stellvertretend für die übrige, noch größtenteils ignorante Welt – in einem Frontkampf zu stehen gegen das Pekinger Menschenbild des digital totalüberwachten Konsumenten-Untertanen.

Während an jenem Neujahrstag noch lange nach Sonnenuntergang Demonstranten aus Richtung Victoria Park auf die Hennessy Road geströmt waren, hatten sie beide, geleitet von den freundlichen Angestellten des MTR, die an den U-Bahneingängen D1 und D2 die ersten Heimkehrer über die gegenwärtige Zugtaktung informierten, die Island Linie genommen und waren in Central, Ausgang D2, wieder ausgestiegen, hinein in einen neuen Hongkong-Abend. Schaufenster-Illuminationen, Scheinwerfer und rote Rücklichter der schnittigen Wagen, die auf der Queens Road hügelan glitten, Neonleuchten über Blumenläden und Gemüseständen und in den Nebengassen im Schatten von Luftwurzelbäumen schon die ersten Lichter an den Eingängen der Bars: Die Metropole wurde zum Dörfchen und blieb dennoch Großstadt. Schmale Treppen zwischen den Gebäuden am terrassierten Abhang, die schon Robbe-Grillet an Montmartre erinnert hatten und einen der zwei Besucher an die vorherigen Aufenthalte: Illusion von Geborgenheit und dazu eine Exotik, die kein Klischee war, da ja pure Realität innerhalb der Stadt und deshalb exotisch allein in seiner Wahrnehmung. (Womöglich also doch East meets West, was auch immer Kiplings legendäres Gedicht an Gegenteiligem behauptet haben mochte? Schon damals aber hatte ihn das weniger beschäftigt als die Chancen dieser Enzensbergerschen Halluzination, dem mächtigen Festland vielleicht ja doch zu widerstehen, wenn auch nur für eine Weile. Oder vielleicht, mit tapfer-klugen langem Atem, sogar für Jahrzehnte, bis sich auch die riesige Volksrepublik gewandelt hätte, zumindest graduell?)

HKK, Republic of Hongkong

Geruch von Benzin und Citrusbäumen und grünem Tee und verfaulten Durian-Früchten, von Gin und Parfum. Geräusche von Fahrradklingeln und scheppernden Kesseln, abendlichen Von-Fenster-zu-Fenster-Zurufen auf Kantonesisch, Lachen, schrill oder auch sanft. Ein kleiner Tempel, und zwei Terrassen weiter unten, auf der Hollywood Road, Gebäude, die noch immer Namen wie Hoseinee House trugen, damals noch NGOs beherbergten und darin toughe Hongkong-Frauen, die im Gespräch jegliches Gerede von Kulturkreisen und Traditionen und authentischen Werten sogleich zerpflückt und dechiffriert hatten als Sprache der Macht, die Unterordnung einforderte, Vergesslichkeit und Gehorsam.

Republic of Hongkong, hatte er da gedacht, kleine Schwester des freien Taiwan, und wäre fast auf die Knie gegangen vor solchen Frauen, obwohl er doch zu dieser Tageszeit noch gar nichts getrunken hatte und auch später, in einem Club mit dem ironischen Namen Propaganda, die grölenden rotgesichtigen westlichen expats zuerst mit Verwunderung, dann mit ungebremster Abscheu betrachten würde, da er in ihrem selbstgerechten Lallen über die als Hejkejkej abgekürzte und reduzierte Stadt so gar nichts wiederfand von der Wirklichkeit, die ihn hier umfing, von den Menschen, die ihm ihre Geschichten erzählt hatten, nicht selten Fluchtgeschichten.

Von Eltern und Großeltern, die aus Maos China nach Hongkong geflohen waren und sich hier eine neue Existenz aufgebaut hatten, von ganz unten. Oder einer wie Abbas, der Pakistani: Mit der Großfamilie aus einem Nest nördlich von Karachi gekommen, aber hier eben noch lange nicht den Zwängen der Sippe entkommen: Großer Abbas, der die Geschichte im winzigen Escalator Club erzählt hatte, wo er sich fast an der Decke der niedrigen Kabinen-Gevierte stieß und draußen im schmalen Gang von gleichaltrigen Chinesen Blicke kassierte, die inzwischen bewundernd waren und längst nicht mehr scheeläugig wie noch zu seiner Schulzeit, als der Hochgewachsene als Fremder Teufel verspottet worden war und die in ein paar Hochhauszimmern in den New Territories zusammengepferchte Verwandtschaft ihm geraten hatte, mehr zu beten, denn sie alle würden nur durch Gehorsam in dieser Stadt der Ungläubigen überleben, inshallah.

Erfolg trotz Großfamilie

„Eine wie Fermi Wong hat mir damals geholfen“, hatte Abbas damals gesagt, nunmehr auch schon vor zehn Jahren, während die beiden Besucher jetzt auf dem Weg zu eben jenem Escalator Club die Rolltreppe betreten, die als die weltweit längste gilt, mit Unterbrechungen auf jedem Straßenlevel. Fermi Wong, Aktivistin für die Rechte von Immigranten, die Wohnplätze und Stipendien und alles Mögliche zu organisieren wusste und auch einem wie diesem Abbas dabei geholfen hatte, zum Oberschüler und schließlich zum Studenten zu werden, zu einem, der am Wochenende bei den Pferderennen im Happy Valley in schneeweißem Dress (das wellige schwarze Haar gegelt) und für gute HKK-Dollar Erfrischungen in den Logen der Superreichen feilbot und selbstbewusst lächelnd die geflüsterten Quickie-Avancen der jungen Milliardärs-Töchter charmant ins Leere laufen ließ, denn das war in zweifachem Sinn nicht seine Welt. Business-Studium und Uni-Wohnheim, und sogar die Großfamilie – die ihn anfangs ebenso böse beäugt hatte wie einst die chinesischen Mitschüler – inzwischen besänftigt und die drängelnde Frage nach einer aus dem pakistanischen Herkunftsdorf herbeizuschaffenden Frau bislang immer hinausschiebend beantwortet. (Wo mochte Abbas jetzt sein, inzwischen ein Jahrzehnt älter und hoffentlich nicht inzwischen doch noch zum fettleibigen Familien-Unter-Tyrann geworden? Von Fermi Wong wussten sie indessen, dass sie nun seit letztem Sommer den jungen Demonstranten beistand, für sie Geld sammelte und in einer Wohnung, in der sie zur Sicherheit inkognito lebte, Atemmasken zum Schutz vor den Tränengasgeschossen der Polizei verteilte, dazu kleine Lebensmittelpakete. „Fermi Wong!“, hatte Abbas damals wiederholt, lächelnd und mit betontem Ausrufezeichen, dort auf dem schlauchartigen, mit einem zerschlissenen Teppich belegten Gang jenes Clubs, huldvoll mit seiner großen Hand die kleineren Hände der hier Geborenen abwehrend, die sich doch tatsächlich während ihres Gesprächs vorgewagt hatten und nun begannen, an dem Leinentuch, das er um die Hüfte trug, herumzunesteln als wär’s eine schräge Comic-Version von Gullivers Reisen.)

Den zweiten Teil dieses Berichtes lesen Sie hier.




Geboren 1970 in Sachsen, verließ im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer die DDR. Mag weder Menschenschinder noch deren Rechtfertiger, hat die gleiche Allergie gegen Schönredner wie gegen Hysteriker. Hört "Scheiß Liberaler" gern als Lob. Wohnt, falls er nicht auf Reisen ist, in Berlin. Schreibt Romane, Erzählungen, literarische und politische Essays. In der von Hans Magnus Enzensberger gegründeten Anderen Bibliothek erschienen die Erzählbände „Schlafende Hunde“ und „Die Nacht von San Salvador“ sowie 2019 der Essayband „Dissidentisches Denken – Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters“. Marko Martin veröffentlichte auch literarische Tagebücher, so etwa „Tel Aviv – Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt“, „Madiba Days – eine südafrikanische Reise“ sowie „Das Haus in Habana – Ein Rapport“, das 2019 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war.