Enden oftmals auch als Staubfänger: Bücher Foto: privat

Emmanuel Todd, der Sarrazin fürs Bildungsbürgertum?

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In seinem Buch „Traurige Moderne“ erklärt der französische Star-Soziologe Emmanuel Todd die Weltereignisse als Folge familiärer Strukturen. Was durchaus originell hätte sein können, wird jedoch allzu bald zu einer deterministischen Verschwörungstheorie.

Ein Paradox, das keines ist: Gerade in einer Zeit von Tweets und Kurznachrichten steigt das Bedürfnis nach voluminösen Welterklärungs-Büchern; anders ist der Erfolg etwa der Bücher von Yuval Noah Harari nicht zu erklären. Am unteren Ende der Seriositätsskala finden sich dann freilich auch Werke wie jene aus der Schreib-Manufaktur Thilo Sarrazins, die mit Hilfe fragwürdig ausgewählter Statistiken und gebetsmühlenartig wiederholter Thesen der neuen Unübersichtlichkeit mechanistisch zu Leibe rücken wollen. Wie ist es nun um das gerade in deutscher Übersetzung erschienene Buch des französischen Soziologen Emmanuel Todd bestellt, der als Pariser Star-Intellektueller 1976 den Zerfall der Sowjetunion und 2002 den Niedergang der USA vorausgesagt hatte?

Immerhin trägt sein neues, 500 Seiten langes Buch „Traurige Moderne“ nicht nur eine (allzu) selbstbewusste Anspielung auf Claude Lévi-Strauss’ epochale „Traurige Tropen“ im Titel, sondern verheißt im Untertitel auch dies: „Eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo americanus“. Ja, mehr noch: Von den Höhlenmenschen bis zur deutschen Innenpolitik dieses Frühjahrs, denn für die deutsche Ausgabe hat Emmanuel Todd eigens noch ein Vor- und Nachwort verfasst, das die These seines Buches noch einmal zuspitzt: Das Bestehen Deutschlands – Stichwort „schwarze Null“ – auf „unveränderlichen gesetzlichen, haushaltspolitischen und montären Regeln“ sei ein (außer von ihm bis dato noch nicht erkanntes) Erbe einer rigiden „Stammfamilie“, die hier, ebenso in Japan, über die  Jahrtausende hinweg die Gesellschaft geprägt habe.

In Frankreich, Großbritannien und den USA habe dagegen eher die auf wenige, aber gleichberechtigt erbende Kinder bezogene „Kernfamilie“ die Gesellschaft geformt und dabei einen individualistisch konnotierten Universalismus hervorgebracht. Dieser sei jedoch wegen seiner egoistischen Eliten nun ebenso am Scheitern wie das deutsche Modell, das mit Bevölkerungsschwund zu kämpfen habe – und deshalb die Staaten Südeuropas durch Budget-Zwang niederhalte, um dann deren emigrierende junge Facharbeiter aufzusaugen. Anstatt Russland – wo ähnlich wie in China ein „kommunitäres Familienmodell“ geradezu zwangsläufig Politik und Gesellschaft präge – in Ruhe zu lassen, mische sich Deutschland in den Ukraine-Konflikt ein – abermals mit dem Ziel, aus dem zerfallenden Staat gutausgebildete Fachkräfte für die deutsche Wirtschaft zu rekrutieren. Kein Scherz, der Verfasser meint all dies ernst.

Nach beiden Seiten schielen

Gewiss, regional bedingte Unterschiede prägen über die Zeiten hinweg Menschen und Gesellschaften auf eine Weise, die uns kaum noch bewusst sind. Daran zu erinnern, ist löblich und ermutigt jenseits gängiger Referenzrahmen eine gedankliche Flexibilität, die dieses voluminöse Buch jedoch mit besserwisserischem Determinismus zugleich wieder erstickt. Denn in Emmanuel Todds mit unzähligen Statistiken und Karten untermauerter Weltsicht ist die These von der fortwirkenden Familientradition kein möglicher Baustein zu einem besseren Mentalitäts- und Weltverständnis, sondern das Eigentliche, das alles Erklärende. Die permanenten Seitenhiebe auf „Academia“, eine angeblich herrschende Kaste arroganter, „globalistisch abgehobener“ Hochschul-Eliten, und der Beifall für Donald Trumps National-Protektionismus machen sein Buch zusätzlich fragwürdig: „Traurige Moderne“ ist eines jener traurigen Beispiele für ein verschwörungstheoretisches, in elitärem Duktus vorgetragenes Eliten-Bashing, das kokett nach beiden Seiten schielt: Nach Rechtsaußen ebenso wie nach Linksaußen. Querfront-Fans werden dieses Opus lieben.

 

Emmanuel Todd: Traurige Moderne. Eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo americanus. Aus dem Französischen von Werner Damson und Enrico Heinemann. C.H.Beck Verlag, München 2018, 538 S., geb., Euro 29, 95,-




Geboren 1970 in Sachsen, verließ im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer die DDR. Mag weder Menschenschinder noch deren Rechtfertiger, hat die gleiche Allergie gegen Schönredner wie gegen Hysteriker. Hört "Scheiß Liberaler" gern als Lob. Wohnt, falls er nicht auf Reisen ist, in Berlin. Schreibt Romane, Erzählungen, literarische und politische Essays. Zuletzt erschien die Liebeserklärung "Tel Aviv, Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt" sowie der Erzählband «Umsteigen in Babylon. Erzählungen 2007–2011». Publizistisch tätig vor allem für die WELT, aber auch NZZ, JÜDISCHE ALLGEMEINE, MARE und INTERNATIONALE POLITIK.