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Ende Gewende

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Nicht erst seit 1989 ist der Begriff „Wende“ problematisch. Sein ständiger Gebrauch ist das Symptom einer Politik, die schleichend den Willen zur Reform und den Glauben an den Kompromiss verliert.

Mit der Energie fing alles an. Es folgten der Verkehr, die Mobilität, Heizwärme, Ernährung, Bildung, der Wohnungsmarkt, Mieten, die Industrie, Forschung, Ökologie: In nahezu allen Themenfeldern proklamieren Deutschlands Politiker, aber auch Verbände und NGOs die Notwendigkeit einer „Wende“. Dass der Begriff jüngst im Kontext des 30. Mauerfalljubiläums wieder herhalten musste, ist sowieso klar. „Deutschland braucht eine Wende“, schrieb CDU-Rechtsaußen Hans-Georg Maaßen, „Wende 2.0“ und „Vollende die Wende!“, ruft die AfD.

„Na und?“, ließe sich sagen. Auch in der Politik gibt es Modewörter. Schufen Politik, Wissenschaft und Medien früher Neologismen wie das „Waldsterben“ und Euphemismen wie die „Kernkraft“, beherrscht nunmehr eben – als eigenständiges Wort oder Postfix – der Begriff Wende den Diskurs. Doch so einfach ist es nicht. Das Problem: Die Allgegenwart der „Wende“ ist nicht allein ein sprachliches Phänomen. Der Begriff deutet auf eine tiefergehende Verschiebung hin, auf ein neues Kommunikations-, ja ein anderes Politikverständnis, das uns nachdenklich machen sollte.

Etymologisch leitet sich die Wende vom althochdeutschen Substantiv „wentī“ und dem Verb „wenten“ ab. Gemeint waren schon im 8. Jahrhundert „die Umkehr“ respektive „umdrehen“. Heute hören die meisten Menschen das Wort „wenden“ in einem ähnlichen Kontext. Blechern und versetzt mit einem „bitte“ tönt es aus den Lautsprechern ihrer Smartphones oder den Navigationsassistenten ihrer Autos. Was Google Maps, TomTom und Co. vermitteln wollen, versteht jeder: Sie sind auf dem falschen Weg; wollen Sie Ihr Ziel erreichen, kehren Sie um und fahren Sie in die entgegengesetzte Richtung; legen Sie bei der nächsten Gelegenheit einen U-Turn ein. Abteilung kehrt.

Mit derselben Bedeutung zog die „Wende“ 1980 in den politischen Sprachgebrauch ein. Um sich von der sozialliberalen Politik des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt abzugrenzen, forderte Helmut Kohl die „geistig-moralische Wende“ und meinte damit die Umkehr zu einer konservativeren Politik. Die bis heute währende Prominenz erlangte das Wort schließlich im Herbst 1989 durch Egon Krenz. In seiner Antrittsrede als Nachfolger von Erich Honecker im Amt des Staatsratsvorsitzenden der DDR versprach er, dass die SED eine „Wende einleiten“ werde. Sehr zum Missfallen einiger DDR-Bürgerrechtler setzt sich der Begriff schnell als Verallgemeinerung der DDR-Auflösung durch. Die „Wende“ von oben verdrängte umgangssprachlich die „friedliche Revolution“ von unten – und bedeutete für die meisten Menschen doch dasselbe: den Systemumsturz.

Manche Wenden sind unausweichlich

So aufgeladen ist das Wort auch jetzt noch. Weiterhin steht der Begriff „Wende“ in der Politik sinnbildlich für die Umkehr, für den 180-Grad-Richtungswechsel, für den Bruch. Und genau darin liegt die Schwierigkeit. Denn eine Politik, die sich auf immer mehr Feldern der Wende, der radikalen Umkehr verschreibt, droht das Maß zu verlieren, den Willen zur graduellen Anpassung, zum ausgewogenen Kompromiss, zur Reform. Und damit letztlich zur Demokratie, die von ebenjenem Kompromiss lebt. Denn in der Demokratie ist für radikale Umstürze eigentlich kein Platz.

Natürlich bedürfen große Herausforderungen großer Veränderungen. Hier landet man sofort beim Klimaschutz und dem Zwei-Grad-Ziel von Paris, mit dem große Wenden verbunden sind – etwa die Energiewende und die damit verbundene Total-Abkehr von fossilen Brennstoffen oder die Verkehrswende und die Wärmewende.

Völlig unangebracht ist der Begriff, wenn etwa die SPD-Bundestagsfraktion die „Wohnwende“ proklamiert und damit  indirekt die gesamte Wohnungspolitik für gescheitert erklärt. Wer wie der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks eine „Bildungswende“ fordert, insinuiert, dass die Bildungspolitik grundsätzlich in eine falsche Richtung laufe, dass weitere kleinere Reformen nicht zielführend seien, ein gänzliches Umkehren unumgänglich. Und wer wie die Grünen eine „Ernährungswende“ herbeiführen will, stellt nicht nur die Essgewohnheiten der Bürger infrage. Er zeigt auch, den Glauben an herkömmliche gesetzliche Anreize für Veränderungen im Kleinen verloren zu haben.

Klar ist bei all dem: Die Wende ist verführerisch. Gerade Politiker setzen den Begriff gern als Mittel gegen die wachsende Politikverdrossenheit in der Bevölkerung ein. Die Wende soll vermitteln, dass es eben nicht um langweiliges Polit-Klein-Klein, sondern um das große Ganze geht. Sie soll andeuten, dass es einen Masterplan braucht, bestenfalls schon gibt. Bis zu einem gewissen Punkt ist genau das auch die Erwartungshaltung vieler Wähler und Medienvertreter. Dennoch ist der inflationäre Gebrauch des Wende-Begriffs aus drei Gründen problematisch.

Drei Gründe gegen die Wende

Erstens vermittelt er im Grunde Hilflosigkeit. Wer ihn nutzt, legt vor allem nahe, dass es Mittel und Wege bedarf, die über die klassischen Instrumente hinausgehen und deren Einsatz sich nur mit einem radikalen Bruch rechtfertigen lassen.

Auf diese Weise trägt der Wende-Begriff zweitens zur Radikalisierung bei – der Sprache, aber auch der Politik selbst. Lautet die Parole „Umkehr“ statt „Kurskorrektur“, mutet die Politik den Bürgern leicht zu viel auf einmal zu. Fehlt ab einem bestimmten Punkt die Zustimmung für die Vorhaben, fördert die Wende so schnell Politikverdrossenheit. Zumindest dann, wenn es, wie im Falle potenzieller Enteignungen im Wohnungsmarkt, zur tatsächlichen Umsetzung der Maßnahmen kommt.

Bleibt diese Umsetzung umgekehrt aus oder ist sie ungenügend, birgt das Ausrufen der „Wende“ drittens die Gefahr des leeren Versprechens. Folgen auf große Worte – und die Wende ist ein solches – keine große Taten, dann führt das bei vielen Menschen zu Enttäuschung und ebenfalls zu einer Abkehr von der Politik. Jüngstes Beispiel ist der Kohlekompromiss der Groko im Bund: Ein Ausstieg aus der Kohle in erst 20 Jahren mag vieles sein – aber sicherlich kein großer, kein mutiger Schritt, um für eine nachhaltige Stromproduktion zu sorgen. Keine Wende.

Besser ist es aufgrund dieser Probleme, den Wende-Begriff sparsamer zu nutzen. Gänzlich aus dem Wortschatz streichen müssen wir ihn nicht, es gibt einzelne Anlässe und Themen, bei denen er fallen darf. Wollen wir den demokratischen Kompromiss aber nicht gefährden, braucht es für die überwiegenden Mehrheit der politischen Felder und Fragen: Reform statt Revolution, Anpassen statt Umwerfen, Kurskorrektur statt Kehrtmachen. Oder einfach: Wandel statt Wende.




Florian Schmidt ist Journalist und Kommunikationsberater. Er lebt in Berlin.