Es gibt sie noch, die guten Gründe: arte-Zentrale in Straßburg Jonathan M - CC BY-SA 3.0

Öffentlich-Rechtliche Omertà

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Dank „Bild“ sind „arte“ und WDR vorerst aus der Schusslinie. Dennoch: Die Blamage ist perfekt, und der Schaden für die Sender ist da – auf Dauer.

Der Widerstand gegen die GEZ ist so alt wie der gebührenfinanzierte Rundfunk selbst. Seit die GEZ aber nicht mehr selektiv, sondern pauschal und unabhängig vom Geräteaufkommen das Geld einsammelt, ist der Kampf um die moralische Lufthoheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in die nächste Runde gegangen. Auch die staatlichen Begründungen haben sich dabei weiterentwickelt, Stichwort „Demokratieabgabe“. Im Kern zieht man sich aber bis heute stets auf den „Informationsauftrag“ zurück, den der Staat sich 1950 selbst erteilt hat. Völlig abwegig ist das nicht, schließlich ist in der Demokratie nur der informierte Bürger ein mündiger Bürger.

Umso irrer ist die Posse um die vom WDR und arte gemeinsam produzierte Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“, die Deutschland seit Wochen in Atem hält. Heute nun machte die BILD-Zeitung dem Elend ein Ende und veröffentlichte den Film im Internet – endlich. Die Dokumentation selbst, so viel sei an dieser Stelle gesagt, ist von einigen Längen abgesehen sehr überzeugend und stellt das Problem des zeitgenössischen israelbezogenen Antisemitismus erstmals einer größeren Öffentlichkeit vor. Wer schon in der proisraelischen Szene drinhängt, wird wenig Neues lernen, kann sich aber darüber freuen, dass ein solcher Film von einer öffentlich-rechtlichen Stelle in Auftrag gegeben wurde. Gezeigt wurde er bekanntlich nicht, zumindest nicht im WDR und auch nicht auf arte. Für beide Sender findet mit der heutigen Veröffentlichung der nicht veröffentlichten Dokumentation eine beispiellose Blamage ihren bisherigen Höhepunkt.

Ein Kessel Blödes

Man hatte einen Film abgelehnt, sowas kommt vor. Es ist noch nicht einmal von Bedeutung, ob die Entscheidung originär redaktionelle Gründe hatte oder ob der Film schlicht politisch missliebig war – die eigentliche Katastrophe begann erst hernach. Denn wer einen Film über ein Thema von größtmöglicher gesellschaftlicher Relevanz ablehnt, der von Experten wie Michael Wolffsohn und Götz Aly gelobt und von Ahmad Mansour erst als Co-Autor, später als Berater mitgestaltet worden ist, der sollte das auch gut begründen können. Der WDR und arte kamen auch nach und nach mit einem ganzen Strauß von Begründungen daher, von denen allerdings eine hanebüchener war als die andere.

Warum also wollte man die Doku nicht zeigen? Weil das vereinbarte Thema „nur sehr partiell“ behandelt würde. Weil Mansour (aus rein persönlichen Gründen, wie er selbst betont) als Co-Autor ausgestiegen war. Weil arte bereits im Herbst 2015 eine Dokumentation über Veruntreuung von Hilfsgeldern im Nahen Osten gezeigt habe (!). Weil die Abnahme durch die zuständige WDR-Redakteurin Sabine Rollberg „offenbar nicht den üblichen in unserem Hause geltenden Standards“ entsprochen habe. Weil der arte-Programmchef Alain Le Diberder sich dagegen entschieden habe, und man „respektiere … diese Entscheidung“ (Jörg Schönenborn). Aus „ehrenwerten und guten Gründen“ (Alain Le Diberder). Die Liste ist so lang wie absurd. Wer solche Begründungen für voll nimmt, darf über Donald Trump nicht mehr lachen.

Unfähig, unwillig?

Während die Sender durch alle Fettnäpfchen stolperten, entwickelte die öffentliche Debatte eine eigene Dynamik. Der Film wurde von einem unfertigen Projekt im Development Limbo zum Politikum, dessen Nichtausstrahlung Bundestagsabgeordnete und Experten auf den Plan rief, Zeitungen aller Couleur berichteten darüber, sogar ein Brief von Zentralratspräsident Josef Schuster ging bei arte ein. Spätestens an dieser Stelle hätte irgendjemandem diesseits oder jenseits des Rheins auffallen müssen, dass eine derart wichtige Debatte sich nicht einfach würde aussitzen lassen und man sich darüberhinaus durch eine fortgesetzte, schwindelerregend schlecht begründete Verweigerungshaltung in der Öffentlichkeit dem Verdacht aussetzte, den Film aus politischen Gründen zurückzuhalten. Ob dies der Wahrheit entsprach oder nicht, war dabei irrelevant, zur Rufschädigung genügte es völlig, dass die Annahme glaubhaft im Raum stand (und noch immer steht).

Da die BILD so freundlich war, den Gordischen Knoten zu zerschlagen und die Debatte damit mutmaßlich in der Hauptsache zu beenden, darf nun Bilanz gezogen werden. WDR und arte haben allen, die einem unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk das Wort reden, einen Bärendienst erwiesen. Ein Film, der vom Geld der Öffentlichkeit produziert wurde, wurde dieser selbst auf vielfaches ausdrückliches Bitten hin nicht zugänglich gemacht, der sonst bei jeder Gelegenheit beschworene Informationsauftrag spielte offensichtlich plötzlich keine Rolle mehr. Das interne Meinungsbild, so war man erkennbar überzeugt, reiche schon und müsse auch der Öffentlichkeit genügen.

Zwischen Hybris und Selbstverzwergung

Mit so einer Denke kommt man im Jahr 2017 natürlich nicht weit. Nachdem der Geist nun aus der digitalen Flasche ist, hat arte seine Strategie geändert und die alte Hybris ad acta gelegt. Stattdessen versucht man sich nun vornehm aus der Affäre zu ziehen, indem großherzig verkündet wird, man finde das Vorgehen der BILD zwar „befremdlich“, habe aber „keinen Einwand, dass die Öffentlichkeit sich ein eigenes Urteil über den Film bilden kann“. Der geneigte Leser und Gebührenzahler darf sich hier verschaukelt fühlen: Wie bitte? Hatte arte nicht gerade eben noch mit Zähnen und Klauen dagegen gekämpft, den Film ebendieser Öffentlichkeit zugänglich zu machen, von der man plötzlich begrüßt, dass sie sich „ein eigenes Urteil bilden“ kann? Sind die „ehrenwerten und guten Gründe“ für die Nichtveröffentlichung, von denen Le Diberder sprach, auf einmal nicht mehr gegeben? Man muss diese Pressemitteilung als freundliche Kapitulation lesen, verbunden mit einer finalen Ohrfeige für das Publikum, dem man offenbar das Gedächtnis einer Eintagsfliege unterstellt.

Die ganze Sache lässt den Betrachter wütend zurück. Will man den Sendern weder politische Einflussnahme noch Unfähigkeit unterstellen, ergibt nichts an ihr irgendeinen Sinn. Was von „Ausgewählt und ausgegrenzt“ langfristig haften bleiben wird, ist somit weniger der Film selbst als vielmehr die stümperhaften Versuche der Sendeanstalten, eine äußerst fragwürdige redaktionelle Entscheidung der kritischen Öffentlichkeit gegenüber zu begründen, ebenso wie ihr offensichtliches Unvermögen, die sich verändernde Situation politisch richtig zu bewerten, und ihre Unfähigkeit, einen Fehler einzugestehen, selbst auf die Gefahr hin, die Glaubwürdigkeit des Rundfunks insgesamt zu beschädigen. Der einzige Lichtblick ist, nicht zum ersten Mal: Wenn das Fernsehen bockt, wird das Netz es schon richten. Den Vorwurf, dass man dies einfach so geschehen ließ und sich auf allen Ebenen konsequent selbst marginalisiert hat, müssen WDR und arte sich nun anhören. Auf Dauer.




Studierter Historiker aus München, leidenschaftlicher Kartensammler und im Brotberuf in der jüdischen Bildungsarbeit aktiv. Bestens vertraut mit der Rolle als liberaler Exot und Quotenkapitalist. Hier und bei den Ruhrbaronen schreibt er zu deutscher und amerikanischer Politik und Israel. Sein Motto: „Geheimratsecken wollen auch schön eingerichtet sein!“


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com