Jerusalem Bild: Privat

Jerusalem, Jerusalem

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Nicht jeder Kuss ist willkommen – warum Trumps Botschaftsverlegung nach Jerusalem womöglich ein Danaergeschenk für Israel ist.

Nachdem ich ein bisschen nachgedacht habe, bin ich über Donald Trumps Entscheidung, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen, nun doch eher unglücklich. Dies aus zwei Gründen.

Erstens: Nicht jeder Kuss ist willkommen – von jemandem mit Mundgeruch sollte man sich zum Beispiel lieber nicht küssen lassen. Und Donald Trump riecht ausgesprochen streng aus dem Mund. Er stinkt nach Landesverrat, nach Rassismus, nach Sexismus. Ein Kuss von diesem Mann kann den Geküssten leider todkrank machen.

Ohne Metaphern zu sprechen: Israel hat sowieso schon ein mieses Image. Der Zionismus gilt vielen jungen Europäern und Amerikanern als Rassismus, Israel als „weißer“ Staat, die Besatzungspolitik als schlimmstes Verbrechen im gesamten Nahen Osten usw. Natürlich ist all dies Quatsch. Man muss nur einmal ein Geschichtsbuch gelesen haben oder an der Tayelet in Tel Aviv spazieren gegangen sein, um zu verstehen, dass es Quatsch ist. Aber die meisten jungen Leute waren noch nie an der Tayelet spazieren. Sie lesen auch keine Geschichtsbücher. Sie sehen, dass ein offen rassistischer Präsident sich an die Seite der Zionisten stellt. So wird das dumme und verlogene Klischee, dass Israel ein Apartheidstaat sei, in den Köpfen befestigt. Das ist nicht gut.

Zweitens: Trumps Leute im Nahen Osten sind Jared Kushner und David Friedman. Und Kushner und Friedman sind für die Ein-Staaten-Lösung. Für sie ist die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt nur der erste Schritt; am Ende soll die Annexion des Westjordanlandes stehen.

Die Ein-Staaten-Lösung ist auch keine Lösung

Ich bin gegen die Ein-Staaten-Lösung. Weil sie ein Fiebertraum ist. Das Folgende stimmt, auch wenn es hundertmal gesagt wurde: À la longue wird Israel sich von den Palästinensern und weiten Teilen des Westjordanlandes trennen müssen. Weil irgendwann der Moment kommen wird (manche sagen, er sei schon gekommen), in dem die Palästinenser nicht mehr einen eigenen Staat fordern. Sondern das Wahlrecht. Und wenn sie damit Erfolg haben, können wir den zionistischen Laden zumachen.

Dass wir uns nur ja richtig missverstehen: Ich glaube nicht, dass die Waffenstillstandslinien von 1948 am Ende Israels Grenzen sein werden. Zumindest die Siedlungen entlang der grünen Grenze werden selbstverständlich zu Israel gehören. Ich finde auch nicht, dass Jerusalem jemals wieder geteilt werden sollte. In einer rationalen Welt wäre die Lösung sehr einfach: Ramallah würde die Hauptstadt des künftigen Palästinenserstaates – und Ramallah würde von Jerusalem dann einfach eingemeindet. Fertig.

Leider leben wir nicht in einer perfekten Welt. Ich weiß nicht, wie die Lösung aussieht. Ich denke aber, dass die Anerkennung von Jerusalem als Israels Hauptstadt durch diesen Präsidenten in dieser weltpolitischen Lage Israel nicht nützt, sondern schadet.


Anderer Meinung? Hier erläutert Richard Volkmann, warum die Verlegung der Botschaft doch eine gute Sache sein könnte.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".