Hinter einer glitzernden Fassade wenig Gutes: Das Jüdische Museum Berlin Stephan Herz - Gemeinfrei

Manifest des Nichts

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Das Jüdische Museum Berlin hätte ein Leuchtturm in der deutsch-jüdischen Landschaft der Gegenwart werden sollen. Stattdessen beschränkt es sich auf offensive Unverbindlichkeit und ein Eventprogramm am Rande der Selbstverzwergung.

Es ist ein alter Hut, dass die akademische Sprache mindestens so gut zur Verschleierung von Tatsachen taugt wie zu ihrer Erklärung. Das hindert manche Zeitgenossen bis heute aber nicht daran, den Beweis dafür immer wieder aufs Neue anzutreten.

In diese Kategorie fällt auch dieser aktuelle Beitrag von Peter Schäfer im „Tagesspiegel“. Schäfer, seit 2014 Direktor des Jüdischen Museums Berlin, spannt in seinem Text einen weiten Bogen aus Belanglosigkeiten, dessen Stützpfeiler aus oberseminartauglichen Nullsätzen und aussagelosem Geraune er breit und raumgreifend in einen träge dahinfließenden Sprachfluss pflanzt. Schäfer hangelt sich von Gemeinplätzen zu Binsen, er schwurbelt von „neuen Akzenten“ im Museum, das ein „Ort der Reflexion und Diskussion“ bleiben solle, und er betont, dass das Jüdische Museum einen „Beitrag zu einem gelungenen Zusammenleben in Vielfalt“ leisten müsse. Natürlich.

Bella gerant aliae

Um schließlich zu vermeiden, dass jemand diese sweet, sweet nothings versehentlich doch als aufrichtige Absichtserklärungen der Sorte missversteht, das Museum wolle in der „aufgeheizte[n] Debatte über alten und neuen Antisemitismus in Deutschland“ heute darauf hinwirken, antijüdische Vorurteile zu bekämpfen, erklärt Schäfer in für ihn seltener Deutlichkeit: „Das Jüdische Museum Berlin ist keine Institution zur Abwehr des Antisemitismus.“

Unverschämt – Museumsdirektor Peter Schäfer. © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jule Roehr

Zumindest in einer rein deskriptiven Lesart dürfte dieser Satz kaum auf Widerspruch stoßen. Erst im September war eine weitere – weißg’tt nicht die erste – Diskussion über die Arbeit von Peter Schäfers Haus losgebrochen, nachdem dieses eine Konferenz mit dem Titel „Living with Islamophobia“ angekündigt hatte. Auf dieser Zusammenkunft am 11. und 12. Oktober werden einige mehr als zweifelhafte Referenten zusammenkommen, um unter dem gegen böswillige Vorwürfe immunisierenden Dach des Jüdischen Museums zur zeitgenössischen Islamophobie ganz entspannt einer Meinung zu sein. Alan Posener sprach daher für viele Kritiker, als er bemerkte: „Dass ein Museum, das vorgibt, ‚jüdisch‘ zu sein, die ‚Islamophobie‘ thematisiert und jüdische Stimmen ausschließt, ist ein Skandal.“

Stark angefangen, stark nachgelassen

All das ist unverschämt von Schäfer, vor allem aber ist es ärgerlich für das Museum. Eine Institution, die ausgestattet mit einem der herausragendsten Museumsbauten Europas und einer ursprünglich phänomenalen Reputation eigentlich einen prominenten Platz in der akademischen wie öffentlichen Debatte einnehmen und zu Fragen des Antisemitismus gehört werden müsste, ist längst zum Tummelplatz eines Milieus geworden, das aktuelle Fragen aus Politik und Gesellschaft nur noch nach den völlig verrutschten Maßstäben einer postmodernen Beliebigkeit bewertet, wenn überhaupt. Schäfers umfassendes Manifest des Nichts im „Tagesspiegel“ steht gewissermaßen als programmatische Satzungspräambel für ein Museum, das seinen wohlklingenden Namen nutzt, um alles Mögliche zu diskutieren – nur nicht das, was ebendieser Name verlangt.




Studierter Historiker aus München, leidenschaftlicher Kartensammler und im Brotberuf in der jüdischen Bildungsarbeit aktiv. Bestens vertraut mit der Rolle als liberaler Exot und Quotenkapitalist. Hier und bei den Ruhrbaronen schreibt er zu deutscher und amerikanischer Politik und Israel. Sein Motto: „Geheimratsecken wollen auch schön eingerichtet sein!“