Was hier gefeiert wird, ist in Teilen immer noch intakt. Bundesarchiv, Bild 183-1986-0813-460 / CC-BY-SA 3.0

Tear Down this Mental Wall!

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Reaktionen auf den Stasi-Fall des neuen Berliner Verlegers Holger Friedrich zeigen, wie fatal die fortwährenden Versuche sind, ein Ostkollektiv zu konstruieren.

Es klingt so nachdenklich, so abwägend, so klug: „Wie“, das fragt Anja Maier, Leiterin des „taz“-Parlamentsbüros angesichts des Falls Holger Friedrich, „hätte ich gehandelt?“ Friedrich musste bekanntlich nach Recherchen der „Welt am Sonntag“ einräumen, für die Stasi gespitzelt zu haben. Man ist erstaunt, dass diese Frage nicht bereits im „Statement von Holger Friedrich“ auftaucht, für das er – nach dem wirren ehelichen Gemeinschaftswerk „Was wir wollen“ – schon wieder seine“Berliner Zeitung“ missbrauchte. Wieder konnte ihn kein Redakteur daran hindern, das eigene Produkt zu beschädigen, indem Friedrich die Fragen der „Welt“-Kollegen Uwe Müller und Christian Meier dort statt ihnen gegenüber beantwortete – ein extrem unkollegiales Manöver.

Wie Friedrich seine Stasi-Tätigkeit darstellt, verdient eine nähere Betrachtung. Er macht sich selbst zum Opfer. Er habe lediglich die Wahl zwischen Knast und Spitzelei gehabt, lässt Friedrich uns wissen. Historiker und Kollegen, die mit der Materie vertraut sind, kaufen ihm das so jedoch nicht ab. („Was mich verstört hat an dieser Akte, ist, mit welcher Rigorosität er die Leute angeschwärzt hat“, sagt WAMS-Rechercheur Uwe Müller in diesem hörenswerten Podcast.)

„Was hätte ich getan?“ Das ist die aus Sicht eines enttarnten Spitzels schlauste Frage. Es ist rhetorisches Aikido. Die Energie des Gegners – in diesem Fall eine kritische Öffentlichkeit – wird aufgenommen und sofort umgelenkt und gegen ihn gerichtet. In dem Moment geht es nicht mehr um Holger Friedrich, jetzt geht es um uns alle: Wären wir in diesem System etwa stärker gewesen?

Niemand trägt Verantwortung

Hinter dieser Frage verschwindet der Einzelne. Alles Böse ist nun Ausfluss eines Systems, das dann offenbar von Geisterhand am Laufen gehalten wurde. Wer einmal in dessen Fänge geriet, hatte demnach keine Chance mehr, sich richtig zu verhalten. So werden Täter und Opfer gleichgesetzt. Wer auf welcher Seite stand, ist dann quasi Zufall gewesen, kaum mehr als eine Laune des Schicksals. Fragen nach Schuld und Verantwortung müssen so nicht mehr gestellt werden, sie können abstrakt dem sich selbst unterhaltenden System zugeordnet werden.

Kein Wunder, dass sich diese Erzählung besonderer Beliebtheit bei der Partei „Die Linke“ erfreut. Für sie erfüllt sie zwei Funktionen: Zum einen werden so die Untaten vieler greiser Mitglieder relativiert, die bei den Grenztruppen oder als Spitzel dienten, zum anderen werden die Opferbiografien auch noch nachträglich entwertet. Widerstand gegen das DDR-System erscheint so wie ein Hang zur Delinquenz.

Hinzu kommt noch, dass diese Erzählung ein Ostkollektiv konstruiert, das die Kollegin Maier von der „taz“ offenbar auch als gegeben ansieht. Sie schreibt:

„Dass jetzt so locker geurteilt wird, ist auch ein Ergebnis von dreißig Jahren Aneignung des Stasi-Themas durch den Westen.“

Dieser Satz ist ein starkes Stück. Ihm werden alle DDR-Dissidenten widersprechen, die nicht bereit sind, die Relativierung von Tätern und Opfern hinzunehmen. Es geht nämlich nicht um Ost gegen West, sondern um die Frage, was richtig und was falsch war.

Der Versuch, den Osten immer noch als Kollektiv zu begreifen, eine Ostidentität herbeizureden und herbeizuschreiben, ist zugleich – ob gewollt oder nicht – der Versuch, die DDR an sich zu konservieren. Dass die Linke ein Interesse daran hat, ihre einstigen Opfer mittels Identitätspolitik hinter mentalen Mauern zu halten, verwundert kaum.

Mehr Erstaunen löst aus, dass nun auch die AfD dieses von Linken konservierte Ostkollektiv bespielt, als habe sie es selbst erschaffen. „Vollende die Wende“ und „Wende 2.0“ sind ihre Slogans. Und die Rechtspopulisten adressieren genau das Kollektiv, das sich immer als Opfer gefühlt hat. Die Rechtsaußen ernten, was die Betonlinken gesät haben, die die Täter dadurch entlasteten, indem sie ihnen alle Verantwortung nahmen und auf ein „System“ zeigten.

30 Jahre später zeigt der Fall Friedrich also nur, dass die Mauer in Teilen noch steht – als mentale Mauer.




Journalist und Kolumnist, lebt und arbeitet in Berlin. Mitbegründer und Herausgeber der Salonkolumnisten.