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#Metoo? Ich doch

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Unsere Autorin Judith Sevinç Basad findet die Hashtagwelle #Metoo sinnlos. Hannes Stein kann dagegen nichts Verwerfliches an ihr erkennen. Wie schwer es sein kann, einen Übergriff zur Anzeige zu bringen, hat er selbst erfahren müssen.

Es klingt vielleicht ein bisschen unglaublich, aber die Wahrheit ist, dass ich als Teenager weiche, mädchenhafte Züge hatte. Außerdem wuchsen auf meinem Kopf noch allerhand Haare, an meinem Kinn aber keine; und weil ich Brecht und Bloch vergötterte, d.h. linksprogressivfortschrittlich war, trug ich mein Haar lang. Ich war immer klein, früher außerdem noch schlank, man könnte auch sagen: zierlich. Im Gymnasium trug ich den dummen Spitznamen „Er-Sie-Es“, weil man angeblich auf den ersten Blick nicht sah, ob ich ein Junge oder ein Mädchen war.

Aufgewachsen bin ich in Salzburg, über das Alfred Polgar alles Notwendige gesagt hat. Eines Tages kam ich aus dem Mozart-Kino, dem ich einige prägende Filmerlebnisse meiner Jugend verdanke („Emmanuelle“, „Spiel mir das Lied vom Tod“) und ging durch die finstere Kaigasse nach Hause. Eine enge, mittelalterliche, gewundene Straße, wenig Bürgersteig. Plötzlich springen von gegenüber vier – ich glaube, es waren vier – große Gestalten auf mich zu. Ich glaube, ich kannte sie vom Sehen; ich glaube, sie waren Gymnasiasten einer „Maturaklasse“. Also achtzehn. Ich werde so vierzehn oder fünfzehn gewesen sein. Ich erinnere mich, dass der Anführer der Gruppe mir den Weg verstellte. Außerdem erinnere ich mich an folgende Geste: Er hielt sich Zeigefinger und Daumen wie Brillengläser vor die Augen, spreizte dabei die anderen Finger weit ab; beugte sich zu mir herunter; und dann starrte er genau dort hin, wo mir, hätte es sich bei mir tatsächlich um ein Mädchen gehandelt, die Brüste gewachsen wären. Die anderen lachten, sie fanden das witzig.

Im Gedächtnis wie Glasscherben

Ich kapierte natürlich im ersten Moment überhaupt nichts. Ich hatte nur Angst vor diesen drei oder vier Jungs, die alle größer und breiter waren als ich. Und als der Mann mit der Fingerbrille seinen Irrtum bemerkte – ich war gar kein Mädchen –, sprangen er und die anderen sofort auf die andere Straßenseite. Ich aber nahm die Beine in die Hand und verpisste mich. Kann sein, dass ihr Irrtum ihnen peinlich war (nicht aber der Übergriff). C’est tout. Mehr ist nicht passiert.

Aber es war doch nicht nichts, wie man daran bemerkt, dass diese lächerliche Episode in meinem Gedächtnis stecken geblieben ist wie ein Glasscherben. Ich könnte noch heute die Straßenecke zeigen, wo es geschah. Ja, es war unangenehm; demütigend. Und ich verstehe deshalb ganz gut, warum Leute nach einem sexuellen Übergriff NICHT zur Polizei gehen. Erstens ist es nicht leicht, dieses Gefühl der Demütigung zu überwinden. Zweitens war es (wir sprechen hier circa über das Jahr 1980) noch so, dass es in Salzburg eine berüchtigte „Rathauswachstube“ gab, wo Leute verprügelt werden (einem Studenten, den ich kannte, wurden dort mehrere Rippen gebrochen, weil er das Verbrechen begangen hatte, nachts pfeifend über die Staatsbrücke zu gehen). Der Salzburger Polizeichef gehörte zu den „Glasenbachern“, eine Gruppe von Nazis, die nach dem Krieg von den Amerikanern im „Camp Marcus W. Orr“ festgehalten wurden und die alte Kameradschaft hochhielten. (Ich habe als Jugendlicher noch „Sieg Heil“-Rufe aus Bierzelten gehört.) Will sagen, eine Anzeige von irgend so einer Feministin wäre bestenfalls im Papierkorb gelandet. Im schlimmeren Fall hätten die Kollegen in Uniform der Frau eine Abreibung verpasst.

Warum nicht per Hashtag?

Ich habe gerade mal gegoogelt: Vergewaltigung in der Ehe war bis 1989 in Österreich überhaupt nicht strafbar. Bis 2004 war es ein „Antragsdelikt“, d.h. die Frau musste Anzeige erstatten, und wenn sie die Anzeige zurückzog (etwa weil der Gatte ihr Prügel androhte), blieb die Sache straffrei.  (In meinem Heimatstaat New York war Vergewaltigung in der Ehe bis 1984 kein Delikt.) Man sieht an diesen Jahreszahlen: Es ist noch nicht so lange her, dass Frauen in westlichen Demokratien einklagbare Rechte hatten, die wir heute für selbstverständlich halten.

Natürlich muss die Antwort auf sexuelle Gewalt sein, dass auf die Täter der Hammer des Gesetzes niedergeht. Da gebe ich Judith Sevinç Bassad vollkommen Recht. Es stimmt auch, dass es nichts nützt, sich ewig und drei Tage als Opfer definieren. D’accord, d’accord. Trotzdem: Ich kann nichts Verwerfliches daran entdecken, dass Frauen, die sexuelle Übergriffe erdulden mussten, sich in einem ersten Schritt dazu bekennen, was ihnen passiert ist. Und warum nicht per Hashtag? Ich kann außerdem verstehen, dass man solche Verletzungen manchmal lange in sich herumträgt und die Schnauze hält, weil es anders zu weh tut.

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Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


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