Mit Einstein, Gandhi und Sophie Scholl

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Gegner der politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie rufen in verschiedenen deutschen Großstädten wieder zu einem Schweigemarsch auf. Er soll am Wochenende vor Weihnachten stattfinden. Auf ihrer Webseite berufen die „Querdenker“ sich auf große Vorbilder.

Wir müssen reden“ lautet das Motto des für das kommende Wochenende angekündigten Schweigemarschs. Er soll in Städten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt, Köln, Stuttgart und Nürnberg stattfinden. Nicht zum ersten Mal.

„Geredet werden“ soll über einiges, etwa über ein Ende der Pandemie ohne Impfstoff, über Meinungsfreiheit und darüber, dass die gesellschaftliche Spaltung ein Ende hat – „wir stehen in Frieden und Freiheit zusammen!“ Hinter dem Aufruf steckt Christian Vogelmann, er vertreibt Autos, die Polizeifahrzeugen ähneln und mit verschiedenen Botschaften bedruckt sind. Ein Account mit dem Namen Querdenken 7171 wirbt auf Bitchute in einem Video für die Teilnahme an der Demo, „Wir sind viele!“ heißt es dort. Auch Querdenken 40 wirbt für den Schweigemarsch.

Auf der Webseite mangelt es nicht an salbungsvollen Texten wie diesem: „Wir müssen medial geschürte Angstkampagnen und starre Denkschablonen überwinden und wieder zusammenfinden in einem gesundem Selbstbewusstsein, das es uns ermöglicht, betreutes gegen eigenständiges Denken auszutauschen – haben wir Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen“ Von wem er zu solchen Gedanken inspiriert wurde, macht der Seitenbetreiber unter der Überschrift „Unser geistiges Rüstzeug“ transparent: Brecht, Bismarck, Einstein, Gandhi, Emma Goldmann, Heisenberg, Jaspers, Kant, Lincoln, Nietzsche, Novalis, Satre [sic!], Schiller, Sophie Scholl, Adam Smith, Nikola Tesla und Schopenhauer.

Auszüge von der Schweigemarsch-Seite

Das folgt der guten Tradition, in der auf Querdenker-Demonstrationen Vorbilder gesucht wurden. Teilnehmer verkleideten sich als KZ-Insassen, trugen „Judensterne“, verglichen Ärzte mit Mengele. Verbindungen zu Rechtsextremen sind bekannt, Querdenken 711 wurde jüngst vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg als Beobachtungsfall eingestuft. Querdenker wie Jana aus Kassel werden nicht müde, sich mit Nazi-Opfern und Widerstandskämpfern zu vergleichen und den Holocaust zu verharmlosen.

Auf den Märschen wollen die Teilnehmer wohl symbolisch ihren Mund- und Naseschutz entsorgen. Die Demonstranten, in deren erster Reihe laut Veranstalter bewusst ausschließlich Frauen laufen werden, sollen aber unter keinen Umständen vergessen, einen Ersatz einzupacken. „Bitte beachtet bei der An- und Abreise, ob für Eure Stadt eine generelle Maskenpflicht besteht. Dementsprechend sollte die symbolische Entsorgung Eurer Maske nur mit Zweitmaske geschehen“, heißt es auf der Webseite.

Wozu eine Ersatzmaske? „Die Polizei ist, wie ihr alle wisst, auch sehr resolut bei der Umsetzung der Maßnahmen geworden“, heißt es zur Erklärung. „Atteste werden wegen angeblicher Urkundenfälschung teilweise nicht anerkannt. Wir werden die Aufzüge nicht starten können, wenn die Teilnehmer die Auflagen nicht einhalten. Es ist wichtig, dass unsere Botschaft gesehen wird.“

Und im Zweifel schützen die Masken vielleicht ja doch vor einer Virusübertragung.




Marisa Kurz, Jahrgang 1988, lebt in München. Sie hat ein Studium der Biochemie mit Nebenfach Virologie (M. Sc., B. Sc.) und ein Studium der Philosophie mit Nebenfach Sprache, Literatur und Kultur (B. A.) abgeschlossen. Aktuell studiert sie Humanmedizin, schließt ihr Studium Ende 2021 ab und strebt eine Weiterbildung zur Onkologin an. Sie promoviert in der Krebsforschung zu Immuncheckpoints bei Lungenkrebs und arbeitet außerdem an einem medizinethischen Forschungsprojekt. Von 2014-2020 war sie als wissenschaftliche Hilfskraft an verschiedenen Forschungseinrichtungen in München tätig. Aktuell befindet sie sich im Praktischen Jahr des Medizinstudiums. Neben dem Studium schreibt sie unter anderem für den Georg-Thieme Verlag. (Foto: Thorsten Meyer)