Altes Buchcover (Ausschnitt) Foto: Tobias Blanken

Die verlorene Ehre der Necla Kelek

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Sex, Tiere, Muslime – wenn ein verfälschtes Zitat über Jahre zur Diffamierung genutzt wird, dann gibt es mehr als nur ein Opfer.

Bei den Ruhrbaronen hat Jörg Metes in einer beachtlichen Fleißleistung nachgezeichnet, wie Necla Kelek über Jahre ein verfälschtes Zitat untergeschoben wurde, um sie als verbal übergriffige Muslimhasserin dastehen zu lassen. Benutzt wurde das verfälschte Zitat, das in unterschiedlichen Versionen zirkuliert, unter anderem von Cem Özdemir, Jakob Augstein, Aiman Mazyek, Daniel Bax und immer und immer wieder von Lamya Kaddor.

Der grundsätzliche Trick hinter den ganzen Zitat-Verfälschungen ist im Nachhinein leicht zu verstehen, im Eifer des Gefechts wird der verfälschende Charakter jedoch kaum einem aufgefallen worden sein, da von einem sehr ungelenken, in einem Fernseh-Interview gefallenen Zitat von Necla Kelek jeweils nur ein paar Wörter zurechtgebogen wurden. Kleine Veränderungen, die im ersten Moment irrelevant wirken, aber ihre eigentliche Aussage so entstellen, so verdrehen, dass das ursprünglich harmlose Zitat in seiner neuen Form vorzüglich als Mittel der Diskreditierung gegen Necla Kelek funktioniert.

Was Necla Kelek eigentlich gesagt hatte, waren folgende Worte, Worte, aus denen eindeutig hervorgeht, dass es um ein bestimmtes, von ihr problematisiertes Menschenbild geht: „Ich sehe nach diesem Menschenbild, von der ich vorhin gesprochen habe – was ‚der Islam‘ übrigens auch vorgibt, in der Erziehung – da gibt es ein Menschenbild, was konstruiert ist: Die Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren, und besonders der Mann nicht. Und der ist ständig eigentlich herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, eben dann ein Tier, oder eine andere Möglichkeit, wo er auch dem nachgehen muss. Und das hat sich im Volk so durchgesetzt, das ist ein Konsens, wo auch die älteren Damen und Frauen immer davon sprechen: ‚wenn du dich jetzt so kleidest, er muss ja, er kann nicht anders‘.“

Die Verfälschungen hingegen funktionieren über das Weglassen des konstruierten Menschenbildes, stattdessen werden „die Muslime“ oder „der muslimische Mann“ ins Spiel gebracht, Jakob Augstein etwa schrieb folgende Verfälschung zusammen: „Die Soziologin Necla Kelek hat lange vor Jan Böhmermanns Ziegenficker-Gedicht im ZDF über Muslime gesagt: ‚Die Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren, und besonders der Mann nicht. Der ist ständig (…) herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen (…) – und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier…‘ Dumm und dauergeil, so ist er, der Muslim.“ Bei Daniel Bax wird ihr hingegen untergejubelt, Sodomie zur Tradition erklärt zu haben: „Echten Ärger gab es nur einmal, als sie in einem Interview so weit ging, zu behaupten, bei Muslimen habe die Sodomie Tradition. Der muslimische Mann ‚müsse sich entleeren, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier‘, erzählte sie einem konsternierten ZDF-Moderator.“

Schnackseln, mit Tieren?

Was Necla Kelek gemacht hat, war das, was Soziologen (sie ist promovierte Soziologin) so machen, sie hat ein von ihr als problematisch angesehenes Menschenbild dekonstruiert. Ein Menschenbild, das ihrer Meinung nach Männer zu triebgesteuerten Wesen degradiert. Was Augstein, Bax und Co. gemacht haben, ist ihr das von ihr dekonstruierte Menschenbild unterzujubeln; in den verfälschten Zitaten ist es plötzlich Necla Kelek, die muslimische Männer zu triebgesteuerten Wesen degradiert. Und das mit dem gut verkäuflichen Sodomie-„Ziegenficker“-Spin, Necla Kelek steht plötzlich als zweite Gloria „Der Schwarze schnackselt gerne“ von Thurn und Taxis da, die ihren Ressentiments ungeniert freien Lauf lässt.

Das verfälschte Zitat macht seit 2010 in einer bemerkenswerten Penetranz die Runde, wurde von Journalisten, Wissenschaftlern und Politikern benutzt; bei vielen Protagonisten dürfte die eigene Faulheit der Grund fürs Verwenden sein – oder es wurde im ersten Semester an der Universität die Veranstaltung geschwänzt, bei der der Dozent mit erhobenem Zeigefinger „Zitate immer noch einmal im Original überprüfen“ sagt. Bei manchen Benutzern kommt jedoch angesichts der an den Tag gelegten Hingabe durchaus auch Böswilligkeit als Motiv in Frage; endlich hat man etwas Durchschlagendes („echten Ärger gab es nur einmal“) gegen Necla Kelek in der Hand, etwas, das sie so schnell nicht wieder loswird.

Und das ist ein vollkommen untragbares Verhalten.

Die verlorene Ehre

Necla Kelek ist keine Heilige, ganz im Gegenteil. Wer ihr ans Zeug flicken will, dem liefert sie reichlich Munition frei Haus. Die Soziologin ist umtriebig und meinungsstark, haut dabei gerne einmal unterirdische Thesen raus, die Widerspruch verdienen. Die Frau muss man wahrlich nicht mit Samthandschuhen anfassen, aber nicht so, nicht mit diesem verfälschten Zitat.

Das, was durch die penetrante Verwendung des verfälschten Zitats mit Necla Kelek gemacht wurde, nähert sich § 186 und § 187 des StGB an, also der üblen Nachrede und der Verleumdung. Es wurde in durchaus ehrverletzender Weise mit einer Tatsachenbehauptung operiert, der ein entspanntes Verhältnis zur Wahrheit zugrunde lag. Manch ein AfD-Politiker mag kein Problem damit haben, in aller Öffentlichkeit als verbal übergriffiger Muslimhasser oder gar als zweite Gloria von Thurn und Taxis dazustehen, halbwegs zurechnungsfähige Leute hingegen schon. Es ist kein Spaß, immer und immer wieder in aller Öffentlichkeit als jemand hingestellt zu werden, der muslimischen Männern pauschal einen Hang zur Sodomie unterstellt, sondern rufschädigend – Thierry Chervel hat daher auch nicht zu Unrecht die Frage aufgeworfen, ob Necla Kelek dadurch ein finanzieller Schaden entstanden ist.

Doch auch abgesehen von Necla Kelek (und ihren Schäden materieller und immaterieller Natur) ist das penetrante Verwenden von verfälschten Zitaten vollkommen untragbar, gerade dann, wenn die Protagonisten nach dem Ertappen kein Unrechtsbewusstsein zeigen und stattdessen das Opfer als „notorische Lügnerin und Hetzerin“ bezeichnen. Falschzitate von toten Berühmtheiten (Einstein! Churchill! Gandhi!) verbreiten sich bereits wie die Pest, wenn sich dazu noch eine Indifferenz gegenüber Falschzitaten von lebenden Personen gesellt, geht die Debattenkultur vor die Hunde; einen schlampigen Umgang mit Fakten überlässt man lieber amerikanischen Hillary-Clinton-Pizzagate-Webseiten und dem russischen Propagandasender RT, die vergiften das Klima mit ihren Halbwahrheiten und Lügenmärchen so schon genug.

Kritik an den herrschenden Verhältnissen

Mehr noch, dass Necla Kelek ausgerechnet fürs Dekonstruieren eines Menschenbildes ein Strick gedreht wurde, wirft ein grundsätzliches Problem auf.

Die #Metoo-Debatte etwa schafft es, gleichzeitig anstrengend und langweilig zu sein, viele Beiträge sind erschreckend platt, aufgrund mangelhafter Englischkenntnisse wird sogar in erschreckender Regelmäßigkeit sexuelle Gewalt als Sexismus bezeichnet. Trotzdem ist es richtig und wichtig, dass die Debatte geführt wird. Einfach, weil das bestehende Unrecht, die unzähligen Übergriffe auf Frauen nicht hinnehmbar sind. Und Debatten nicht zum Spaß geführt werden, sondern damit sich was ändert.

Die westlichen Demokratien sind alles andere als perfekt, in vielen Bereichen besteht ein himmelschreiendes Unrecht, aber die Verhältnisse, die Zustände verbessern sich. Sie verbessern sich, weil Menschen sich nicht mehr mit den Missständen abfinden wollen – und es möglich ist, die bestehenden Strukturen, die wirkungsmächtigen Ideen und die vorherrschenden Menschenbilder zu hinterfragen. Es war ein langer Weg, aber irgendwann hat sich in den westlichen Demokratien die Vorstellung durchgesetzt, dass Kritik elementar ist, um eine bessere Welt zu schaffen.

Wenn es irgendwann nicht mehr möglich sein sollte, bestimmte Menschenbilder – auch und insbesondere, wenn Sexualität involviert ist – zu dekonstruieren, dann kriegen wir ein Problem, weil sich nichts mehr verbessert, sich das bestehende Elend perpetuiert. Und nichts anderes hat Necla Kelek beim Ursprungszitat versucht; dass man sie dafür jahrelang mit einer bösartigen Verfälschung durch die Öffentlichkeit getrieben hat, ist einer westlichen Demokratie schlichtweg unwürdig.




Lebt und arbeitet in Berlin und Hamburg. Mag Karl Popper, Brutalismus und die Ramones.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com